„Bei uns wird man mit Würde behandelt“

Start-up Verein

Verein Start-up Hernals
Foto: Volina Șerban

Mitten im 17. Gemeindebezirk befindet sich ein Ort, wo sozial schwache Menschen die Chance bekommen, wieder ins Leben durchzustarten. Der START-UP Verein hat sich zum Ziel gemacht, hilfsbedürftigen Menschen eine Einsparmöglichkeit zu bieten und zeitgleich kostbare Lebensmittel vor der Verschwendung zu retten.


Nicht nur Lebensmittel bekommen die Mitglieder des Vereins, sondern sie dürfen auch in dem Sozialcafé daneben einen Kaffee und warmes Essen genießen, Bücher und Zeitungen lesen und den Computer benutzen. Dazu gibt es noch eine Sachspendenannahmestelle im Sozialzentrum in Hernals, in der sich die Mitglieder bei der gespendeten Kleidung, den Schuhen und Haushaltsgegenständen bedienen können. Das Ganze um nur fünf Euro pro Tag oder 100 Euro im Monat.

Wer kann Mitglied werden?

Generell dürfen alle Menschen mit geringem Einkommen die Mitgliedschaft bei START-UP beantragen. Das heißt, dass Arbeitslose, Asylwerber, Studenten, Bezieher der Mindestsicherung oder der Mindestpension, sowie auch Alleinerziehende oder Menschen, die einfach nicht über die Runden kommen, bei START-UP willkommen sind. Es gibt keine Einkommensgrenzen. Dafür wird immer auf die persönliche Situation eingegangen.

Start-up Verein Hernals
Foto: Volina Șerban

Ich war heute bei ihnen zu Besuch zur Stoßzeit um 14 Uhr und durfte mit Alexander Mühlhauser, dem Begründer des START-UP Vereins, über die Beweggründe hinter dieser Idee sprechen. Das kam dabei heraus:

 

„Ich war selbst ganz unten am Boden“

Am Anfang haben sein Bruder und er Lebensmittel von einer türkischen Bäckerei und die Reste von einem Sozialmarkt mit zwei Fahrradanhängern abgeholt und das Ganze in seinem Keller ausgegeben. Heute verfügt er über 250 m2 im 17. und drei LKWs. Täglich werden Lebensmittel von rund 100 Filialen der Supermärkte und Bäckereien abgeholt.

 „Die Idee ist einfach entstanden: Ich war selbst eine Zeit lang ganz unten am Boden und wollte auch anderen Menschen helfen.“ Das Konzept ist nicht neu. Viele karitative Organisationen geben bereits gerettete Lebensmittel aus. Der Unterschied liegt darin, dass bei START-UP die Lebensmittel nicht Stück für Stück pro Person ausgeteilt werden, sondern jeder darf sich aussuchen, womit er seinen Einkaufskorb auffüllt. „Man wird bei uns mit Würde behandelt und fühlt sich wie in einem ganz normalen Supermarkt.“

Start-up Verein Hernals
Foto: Volina Șerban

 „Der Chef lässt die Menschen einkaufen, auch wenn sie kein Geld haben“

„Jetzt bin ich nur beim Einkaufen, denn ich fliege bald nach Ägypten, aber sonst helfe ich hier gerne in der Küche und bei der Lebensmittelausgabe“, erzählt mir Hanan, eine von den vielen Freiwilligen des Vereins. „Die Idee ist wunderbar! Der Chef ist auch sehr lieb und lässt Menschen einkaufen, auch wenn sie kein Geld haben.“

 

Das sagen die Mitglieder

Gassan (Foto) aus Syrien wartet draußen mit seiner Familie, bis er an die Reihe kommt. „Wir haben von einem Familienfreund von START-UP gehört und jetzt sind wir zum zweiten Mal hier“, sagt er lächelnd und fordert seine Familie auf, zusammen ein Foto zu machen. Ich frage ihn, warum er nicht einen Kaffee drinnen trinkt, statt draußen zu warten. „Meine Frau kocht den besten Kaffee auf der Welt, deswegen trinke ich ihn immer lieber zu Hause“, erzählt er stolz und die ganze Familie bricht in Lachen aus.

Start-up Verein Hernals
Foto: Volina Șerban

Raslan und Hussein, ebenfalls aus Syrien, erzählen mir, wie sie gerade den Laden entdeckt haben: „Wir sind einfach auf die Straße gegangen und haben die Schlange vor dem Laden gesehen. Wir sind gespannt!“

 „Heute ist mein erstes Mal bei START-UP. Ein Freund hat mir gesagt, viele Flüchtlinge, so wie ich, kommen hierher und bekommen billiges Essen“, sagt mir Homayoon aus Afghanistan, der in Österreich letztes Jahr Asyl bekommen hat. „Die Preise in diesem Land sind sehr hoch. Ich freue mich, dass es auch Orte wie START-UP gibt.“

 

Während meines Besuchs habe ich mich wie in der Mitte einer echten Familie gefühlt. Ich war angenehm überrascht, zu sehen, wie alle Freiwilligen im Sozialzentrum ihre Arbeit so leidenschaftlich leisten. Dank diesem herzigen Team können die Mitglieder des Vereins sicherstellen, dass sie neben Lebensmitteln, warmem Essen und Sachspenden bei START-UP auch Beratung und Menschlichkeit finden können.

 

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Wusstet ihr schon?
  • In Österreich werden im Jahr bis zu 157.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen, darunter auch unangebrochene original verpackte Produkte
  • Der durschnittliche Wiener verschwendet jährlich circa 40 Kilogramm an Lebensmitteln, entweder wegen der falschen Planung von Einkäufen oder der falschen Lagerung
  • Der Wert der von einem österreichischen Haushalt jedes Jahr weggeworfenen Lebensmittel beträgt etwa 300 bis 400 Euro
  • Knapp ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel landen im Müll
(Quelle: wien.gv.at)

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