Der leere Dachboden

Es ist September. Nach ein paar Wochen bei ihren Eltern in Südtirol ist meine Mitbewohnerin wieder in unserer WG. Im Gepäck hat sie ein Kiste Äpfel aus ihrem Garten, italienischen Wein und einen alten Klappstuhl, den sie auf dem Dachboden bei sich gefunden hat. Der Stuhl ist aus Holz, dunkelbraun, und obwohl er vermutlich schon Jahrzehnte alt ist, noch vollkommen intakt. Meine Mitbewohnerin überzieht ihn in den nächsten Tagen mit neuem Stoff und stellt in ihr Zimmer. Sie hat einen alten Gegenstand ihrer Familie genommen und noch etwas von sich beigefügt. Die normalste Sache der Welt.

In den nächsten Monaten übersiedle ich. Endlich mal ein Zimmer größer als 10 m2. Anstatt alles irgendwie in mein Zimmer zu stopfen, kann ich mich einrichten. Ich kann mir überlegen, wo ich was hinstellen möchte, damit es ja hübsch ausschaut. Zum ersten Mal in 27 Jahren. Schnell bemerke ich, dass ich zu wenig Möbel habe. Für Ikea-Möbel fühle ich mich zu alt. Ich möchte etwas, bei dem ich glaube, dass länger als fünf Jahre hält und dass nicht jeder zweite Student in Wien in seinem Zimmer hat. Ich möchte Dinge, wie den Klappstuhl. Ein Stück der Geschichte meiner Familie für mich aufstellen. Einfach so. Weil das doch normal ist.     

Es geht nicht. Ich bin die zweite Generation einer Familie, die vor dem Balkan-Krieg in den 90er-Jahren floh. Meine Eltern ließen alles zurück und unser Haus in Bosnien wurde von einem serbischen Soldaten und seiner Familie besetzt. Zwar mussten sie nach jahrelangem Rechtsstreit unser Haus schließlich verlassen, aber bevor sie gingen, räumten sie alle Räume leer, zerschlugen Fenster, rissen die Lampen aus der Wand und überpickten die Türen mit Stickern. Sie haben alles getan, um das Haus so wenig belebbar, wie nur möglich zu machen. Eine Erfahrung, die auch viele andere Freunde und Bekannte meiner Generation in Bosnien gemacht haben, deren Haus besetzt war.   

Heute sind wir eine Generation, die sich eingemietet hat, um ein Zuhause zu haben. Wir leben in den Wohnungen anderer. Fremder. Wir haben keinen Bausparvertrag und unsere Verwandten sind über die ganze Welt verstreut und wir haben kaum Orte an dem wir der Geschichte unserer Vorfahren nachgehen können. Wir kennen die Musikplatten unserer Eltern nicht, wissen nicht, welche Bücher sie bewegten, können nicht über ihre alten Liebesbriefe schmunzeln und haben nur wenige Fotos von ihnen in ihrer Jugend. Unser Dachboden ist leer.

Unsere Eltern waren mit Überleben beschäftigt. Sie besuchten Deutschkurse während wir schliefen, suchten nach einem Job, damit wir zu essen hatten und sie zerbrachen sich darüber den Kopf, in welche Schule sie uns schicken sollten. Dabei noch an Klappstühle zu denken, scheint lächerlich. Es liegt jetzt an uns. Wir müssen selbst unsere Geschichte, unser Leben in der neuen Heimat in Gegenstände packen - langsam damit den Dachboden, unseren Keller oder einfach unser Zimmer damit zu füllen. Oder was auch immer. Für uns ist das nicht selbstverständlich, aber auch nicht unmöglich.

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