Der Nazi in meinem Bett

Hätte mir das jemals jemand gesagt, wäre er von mir ausgelacht worden.

Nein, ich hätte mir das tatsächlich niemals vorstellen können so nahe dran zu sein Gefühle für jemanden zu entwickeln, der ganz und gar nicht dasselbe Gedankengut teilt wie ich. Eine Person, die in meinen Augen eigentlich schlecht ist.

Und dennoch ist es passiert.

Er

Ich lerne ihn vor zwei Jahren in Deutschland kennen. Ein guter Freund einer engen Freundin die ich besuchte. Ich war vom ersten Augenblick an recht angetan. Er war halb deutscher, halb slawischer Herkunft. Offen und kommunikativ, charmant und lustig, blaue Augen, schwarze Haare, irrsinnig attraktiv, gut situiert. Wir hatten einige Dates, doch es wurde nichts weiter daraus.

Die vielen Zeichen die klar vor meinen Augen groß und mehr als auffallend leuchteten, übersah ich komplett. Ich ließ mich blenden, wollte eigentlich gar nicht richtig hinsehen. Wir diskutierten über die ‚üblichen‘, bzw. die aktuelle ‚Flüchtlingsproblematik‘, und seine Kommentare ordnete ich gleichwertig zu meinen Meinungen ein, ohne wahrzunehmen, dass wesentlich mehr dahinter steckte, als bei mir.

Sein Charme und sein Sexappeal hatten so ziemlich alles für mich überschattet. Ich nahm es nicht ernst: Die den Nationalsozialismus bejahenden Sprüche, Aussagen und Hinweise. Ich konnte sie in diesen Augenblicken auch nicht als seriös gemeint eingliedern, weil diese Art von Welt für mich so weit weg und lächerlich schien, dass der Ernst dahinter für mein Wesen nicht greifbar gewesen wäre. Ich konnte in meiner Naivität schlicht und einfach nicht glauben, dass eine Person tatsächlich so denken könnte. Ich nahm an, es sei immer ein gewisser ‚Spaß‘ dahinter.

Der Besuch

So kam es, dass mich dieser Mann ein Jahr später, hier in Österreich, besuchte und ich mich darauf freute. Zwei Tage später fing ich an zu erkennen und zu begreifen. Ob es ein Museum vom Führer in Wien gäbe, wollte er wissen. Die abwertenden Kommentare über alle möglichen Leute ließen nicht auf sich warten während wir in der Stadt unterwegs waren. Bis mir der Kragen platzte, und ich mitten im Billa beim Praterstern – an einem Sonntag – ausrastete und anfing ihn anzuschreien was ihm eigentlich einfällt so über andere zu reden. Wütend stapften wir durch den Prater - schweigend nebeneinander her. Er verwundert, weil er doch "die ganze Zeit über, und immer schon so war, seitdem ich ihn kenne“, ich entsetzt über mich selbst, wie ich so drauf sein konnte es bis zu diesem Augenblick nicht sehen zu wollen. Er hatte vollkommen recht, er hatte mir die ganze Zeit über seinen Hang zur ‚Rassentrennung‘ gezeigt.

Schlechte Menschen, gute Menschen

Zuhause angekommen wurde mir bewusst, mit wem ich die Nächte zuvor mein Bett geteilt hatte. Ich konnte kein einziges Wort mehr mit ihm reden. Er entschuldigte sich bei mir und ich rastete erneut aus, fragte ihn, wofür er sich entschuldigen würde, und warum eigentlich bei mir.

Dabei erkannte ich, dass es mir genauso leid tat: Dass ich nicht früher erkannt hatte wie und wer er eigentlich war.

Dass er kein schlechter Mensch sei, sagte er. Auch wenn er Sklaverei, Nationalsozialismus und alle damit zusammenhängenden Sachen gut fände. Dass er mich gut behandelt hat und es auf mich keine Auswirkungen gehabt hätte, merkte er an. Warum es meine Meinung über ihn jetzt ändere, war ihm nicht klar, denn in Bezug auf mich, war er doch immer gut.

Hunderte Gedanken rasten durch meinen Kopf. Was ist ein guter Mensch? Er war es nicht für mich. Was ist ein schlechter Mensch? So jemand wie er? Warum sehe ich das erst jetzt? Was ist los?

Mögen und nicht mögen

Ich saß da, in meinem eigenen Wohnzimmer, gemeinsam mit einem Nazi, den ich erst jetzt erkannte, und war entsetzt. Auch über die Tatsache mir eingestehen zu müssen, dass ich angefangen hatte diesen Menschen zu mögen, bevor sich mir der Vorhang öffnete, den ich bisher mit eigener Kraft stur zugehalten hatte.

Ich kontaktierte meinen Vater und fragte ihn um Rat. Er schickte mir darauf hin einen Spruch von Arsenie Boca:

Anfangs gibt der Mensch von dem was er HAT. (Und er ist dir womöglich sympathisch.) Danach fängt er an dir davon zu geben, was und wie er IST. (Und dann ist er dir unter Umständen plötzlich nicht mehr sympathisch).

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen.

Noch mehr Gedanken kreisten durch meinen Kopf. Ehefrauen von Diktatoren, die Ehefrauen von unseren FPÖlern. Wie machen die das? Was ist das eigentlich - ich meine tiefenpsychologisch betrachtet? Was ist man dann selbst für ein Mensch, wenn man solch eine Person zum Partner wählt?

Gefühle, Rassen und DNA

Kann sich solch ein Mensch jemals ändern? Besonders wenn er so aufgewachsen ist, in solchen Kreisen verkehrt und es tatsächlich für gut befindet - so wie dieser Mann, der die letzten Tage über bei mir war?

Was waren das genau für Gefühle die ich bereits für ihn hatte? Aussprechen konnte ich sie nicht. Aber auch nicht leugnen.

Später in der Nacht sagte er mir, dass es ihm leid täte mich enttäuscht zu haben. Beteuernd wieder, dass er kein böser Mensch sei, nur weil er andersartige Menschen als jene mit heller Haut und römisch-katholischer Religion nicht mag. Er wäre eben der Meinung, sie gehören ‚weg‘, aber das ändere nichts an seinen Empfindungen mir gegenüber.

Mir stockten die Worte in der Brust. Dass ich so jemanden niemals lieben könnte, war das einzige, was ich ihm sagen konnte. Ich musste mir eingestehen: Er war er. Und würde es immer bleiben.

Er verabscheute all das, was ich so sehr liebte: Farben, Kulturen, Vielfalt, Anderssein.

Ein DNA-Test über seine eigene Herkunft würde ausreichen um ihm seine Illusion der Rassenreinheit für immer zu zerstören. Aber kann so ein Mensch so etwas überhaupt jemals verstehen?

Mann

Lauf um die Aufmerksamkeit

Am nächsten Tag, als er auf dem Weg zurück nach Deutschland war, zog ich meine Laufschuhe an und fing an zu laufen. Währenddessen kamen mir die Antworten entgegen gerast und es wurde mir klar, dass ich nicht ihn mochte, sondern die Aufmerksamkeit die er mir die ganze Zeit über geschenkt hatte, wie er mit mir umgegangen war. Er war charmant und seine Vorliebe für Ostblockfrauen war kein Geheimnis. Und ja, zu mir war er nicht schlecht – kein schlechter Mensch, wie er immer wieder betonte. Aber sonst? Sollte man nicht jemanden lieben für das wie er tatsächlich, und auch zu anderen, ist, nicht nur zu einem selbst? Zuhause saß ich eine weitere Stunde auf der Couch und weinte. Ich versuchte die Gedanken richtig  zu ordnen, die Emotionen außen vor zu lassen.

Prinzipien über verwirrte Gefühle

Ich hasste ihn nicht dafür wie er war. Würde ich es tun, wäre ich vermutlich nicht viel anders als er. Seine Besorgnis darüber, dass wir gestritten hatten, konnte ich für mich selbst beschwichtigen, denn ich sah es als Erkenntnis und Offenbarung, als Lernprozess und Lektion. Für ihn war es schwer zu akzeptieren, dass jemand, für den er Gefühle hatte, ihn plötzlich als schlechten und bösen Menschen sah. Verstehen konnte er das nicht, warum es für mich so schlimm sei, dass er ‚anders‘ ist und anders denkt. Ob ich die Begegnung mit ihm bereue, wollte er wissen, und ob dies alles ein Fehler war. Nein. Denn nun wusste ich für mich selbst umso mehr, was mir wirklich wichtig war, und dass meine Prinzipien selbst über Gefühle stehen können, welche manchmal in die Irre leiten können, wenn man geblendet oder euphorisch ist. Prinzipien,die mich im Endeffekt ausmachen, selbst wenn auch ich eine kritische Meinung zu vielen Dingen habe.

Ich brach den Kontakt nicht sofort ab. Dennoch sagte mir meine Intuition, dass die Aufrechterhaltung der Kommunikation eine Genugtuung für ihn wäre, dass es ja doch nicht so falsch sein könnte wie er ist und denkt, wenn ich weiterhin die Bekanntschaft pflegen würde.

Lektionen und Urteile

Jetzt, einige Zeit danach, denke ich noch manchmal an ihn. Es ist schon interessant, welche Dinge das Universum auf uns losfeuert - wie beim Völkerball. Und du musst das Beste daraus machen - dich nicht abschießen lassen, die Lektionen fangen und sehen, was du daraus lernen kannst.

Ich teile hier mein Erlebnis, weil ich mich nicht schäme. Gleichzeitig hoffe ich, einigen Leserinnen und Lesern die Augen dafür zu öffnen, was ich gelernt habe, und sie dazu zu bewegen nicht mehr so voreilig zu urteilen – besonders über Situationen, in denen man noch niemals selbst steckte. Bezugnehmend auf Partnerinnen und Partner irgendwelcher Fanatiker und Anhänger denke ich jetzt anders. Wir alle sind emotionale Wesen die sich von vielen Dingen leicht leiten lassen. Es obliegt uns nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auch wenn wir ihre Gefühle nicht teilen.

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