Der Ungeist der Wissenschaft

Und wie die Studie zu den Islam-Kindergärten Wissenschaft und Gesellschaft in unserem Land nachhaltig schädigt.

In Österreich macht sich ein Ungeist breit. Er gerät über die Augen in unseren Kopf, verändert, was wir wahrnehmen, was wir für richtig und was wir für falsch halten. Er zieht sich wie ein Nebel durch unseren eigenen Geist, setzt sich in allen Ecken unseres Körpers fest und gewinnt Kontrolle über das, was wir sagen. Der Ungeist hat inzwischen viele Formen und unzählige Namen. Einer davon: Wiener Islamkindergarten-Studie.

Die Studie über die Islamkindergärten war gestern wieder Thema. Grund dafür war ein Artikel im Kurier. Die Aussage: Ein gewichtiger Teil der Studie wurde nicht von wissenschaftlich geschultem Personal verfasst, sondern von einem Wiener Unternehmensberater. Einem Laien. Die Studie gerät damit zum wiederholten Male in die Kritik und reiht sich damit in eine Serie bedenklicher Studien über den Islam in Österreich ein.

Die Brutstätte

Aber erst einmal von vorne. Zum ersten Mal waren die islamischen Kindergärten im Dezember 2015 Thema. Ein bis dahin noch recht unbekannter Forscher namens Ednan Alsan präsentierte eine Studie zu der Lage der islamischen Kindergärten in Wien. Ein Skandal. Aus Tageseinrichtungen wurden schlagartig „Brutstätten des politischen Islams“ und Terrorismus. Der Kindergarten wurde zum Symbol der fehlgeschlagenen Integration in diesem Land.

Neben den ganzen Aufschreien gab es aber auch wissenschaftliche Kritik an der Studie selbst. Schwere methodische Bedenken. Der Studienautor beschwichtigte allerdings. Es handle sich ja nur um einen „Zwischenbericht“. Dieses Spiel wiederholte sich im März 2016. Wieder Enthüllungen und Belege für die katastrophale Lage der islamischen Kindergärten in Wien, wieder Kritik an der Durchführung der Studie selbst. Und wieder hatte Adnan eine Antwort parat: Geduld, es sei doch bloß eine „Vorstudie“, die nur Wien betrifft. Eine bundesweite Studie folge noch.

Vom Terror zum Frisiersalon

Die Erkenntnisse der Studie peitschen das ganze Land vor sich her. In der Integrationsfrage wird sie zum bestimmenden Moment. Die Gutmenschen und Bahnhofsklatscher müssen schweigen, scheinen entkräftet. Artikel wie die Undervocer-Reportage in den Kindergärten von Biber, die versuchen, die Debatte zu versachlichen, bleiben fast ungehört. Und dann doch. Plötzlich ein Umbruch. Im Juli 2017 bringt die Stadtzeitung „Der Falter“ geleakte Dokumente heraus, die nahelegen, dass die Studie zugespitzt und in der Formulierung verschärft wurde. Und das sogar von Ministeriumsbeamten. Der Skandal schlägt nun eine andere Richtung ein. Zum ersten Mal ist das Geschrei auf der Seite der Kritiker der Studie.  Die Universität Wien richtet sogar eine externe Prüfungskommission ein, um die wissenschaftliche Integrität der Studie zu prüfen.

Was sagt das über unseren Umgang mit der Wissenschaft?

Die für Herbst 2017 angekündigte bundesweite Studie steht noch aus. Die Autoren sind mit einem Mal sehr leise. Seit dem Sommer füllen aber andere Geister unseren Kopf. So zum Beispiel die Studie über die Einstellung von den „Muslimen“ in Österreich. Eine Studie, die aus muslimischen Bosniern, Syrern, Somaliern und Türken eine einheitliche Gruppe macht. Egal, ob sie Kinder von Gastarbeitern, Migranten oder geflüchtet sind. Dass man eine Gruppe von 700.000 Menschen einfach zusammenfasst, stört wenige. Oder die Studie zu Moscheen in Österreich, die besagt, dass ein Drittel der Wiener Moscheen der Integration entgegenstehen. Wieder Aufschreie. Dass der Studienautor aber selbst betont, dass die Fallzahl zu klein sei und die Studiendauer zu kurz, wirkt nur wie ein Flüstern.

Was sagt das über die Wissenschaft in diesem Land? Richtig ist es, Extremismus auf die Spur zu kommen und knallhart dagegen vorzugehen. Ohne Kompromisse. Wissenschaft ist dabei ein wichtiges Instrument. Sie zeigt uns, was nötig und was möglich ist – hilft, uns von unseren eigenen Vorstellungen zu befreien und der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Sie befreit den Geist. Unfertige oder frisierte Studien stehen hierzu im krassen Gegensatz. Sie bedienen ausschließlich eine Vorstellung zu einer Sache. Ihr Nutzen für die Gesellschaft geht nicht an alle, sondern nur an eine Gruppe. Tun sie das, sind sie keine Studien, sondern lediglich ein Ungeist.

 

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