Der Weg aus der Isolation

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Mädchen, sitzend
Quelle: pixabay

Alltägliche Situationen wie ins Restaurant gehen oder Einkaufen können für manche Menschen wie unüberwindbare Prüfungen sein. Meine Erfahrungen mit Sozialphobie, und was ich dagegen unternommen habe.

Schwitzende Hände, schwerer Atem. Mein Puls rast, mir wird übel. Fünfzehn Minuten Verspätung – ich wusste nicht, was ich mir anziehen sollte, um nicht bescheuert auszusehen. Ich öffne die Tür zum Seminarraum. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich erstarre. Schnell suche ich mir einen Platz, räume möglichst leise meine Sachen aus. Die Alarmglocken lärmen in meinen Ohren so laut, dass ich dem Unterricht ohnehin kaum mehr folgen kann. Mist, ich habe vergessen mich beim Prof zu entschuldigen! Wie gelähmt fixiere ich mein Lehrbuch. Noch drei Kurse, dann kann ich nachhause fahren.

Sozialphobie ist die Angst, sich vor anderen Menschen zu blamieren oder negativ von ihnen beurteilt zu werden. Betroffene sind daher extrem schüchtern und meiden soziale Kontakte wie Menschenmengen gänzlich. Diese Angststörung macht sich häufig  erst im Alter zwischen 10 und 20 Jahren bemerkbar. Ich wurde mit Sozialphobie diagnostiziert als ich 16 Jahre alt war. Situationen wie Referate halten und größere Familientreffen waren für mich solche Angstfaktoren, dass ich im Alltag nicht mehr funktionieren konnte. Oftmals begleitet einen die Störung ein Leben lang. Aber sie zu überwinden ist nicht unmöglich.

Es war ein schreckliches Ziehen in der Bauchgegend, ein dröhnender Schmerz. Diese Angst, mich öffentlich zum Gespött zu machen. Eigentlich mochte ich Menschen ja, aber ich hasste es, wie ich mich vor ihnen verhielt. Ich tat komische Dinge, wenn ich alleine war. Ich führte lange Gespräche mit meinem Spiegelbild, weil ich keinen Dialog dem Zufall überlassen konnte. Lieber suchte ich eine halbe Stunde lang ein Produkt im Geschäft, das mir ein Mitarbeiter augenblicklich hätte zeigen können – hätte ich mich nur getraut danach zu fragen. Wenn mir jemand bei einer Tätigkeit über die Schulter sah, unterbrach ich diese sofort. In Restaurants wollte ich von Drittpersonen nicht beim Essen beobachtet werden. Ich lebte einige Jahre in bestmöglichster Isolation, nur im Internet konnte ich problemlos mit Fremden kommunizieren.

Je älter ich wurde, desto mehr beeinträchtigte mich die Angst im Alltag. Ich fühlte mich einsam und war ständig unzufrieden mit mir und der Art, wie ich mein Leben führte. In den Sommerferien ging ich kaum außer Haus, sondern verbrachte meine ganze Freizeit vor dem Computer. Meine Wünsche rivalisierten innerlich mit meinen Ängsten – rissen mich hin und her. Meine Freunde bekamen wenig von meinen Problemen mit, denn dies  waren die Menschen, bei denen ich mich wohlfühlte. Manchmal glaubten sie mir aus diesem Grund auch nicht, dass ich solche Ängste hätte.

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Genug, ich musste etwas ändern. Der allerwichtigste Schritt war für mich, Hilfe von Freunden anzunehmen – auch wenn mich das in tiefe Verlegenheit brachte. Falsche Bescheidenheit brauchte ich allerdings nicht. Ich beendete sogar meine Therapie, weil das Einzelgespräch mir nicht mit meinen Ängsten half. Ich zwang mich förmlich dazu, die Dinge zu tun, vor denen ich mich fürchtete. Klingt doch ganz einfach. Ich nahm an zahlreichen Führungen in Museen teil. Da ist man alleine, aber trotzdem irgendwie in einer Gruppe. Ein guter Anfang. Ich ging alleine Mittagessen, ohne jemanden, der für mich bestellt. Manchmal wurde ich von Fremden angesprochen, ich versuchte mich auf Gespräche einfach einzulassen. Tagebuch schreiben war eine gute Möglichkeit, alle meine Gedanken und Fortschritte zu ordnen. Wenn es mal nicht hingehauen hat mit der Offenheit, ließ ich meine Wut auf dem Papier aus, oft ist alles im Nachhinein nicht so tragisch gewesen, wenn ich die Einträge später nochmal las. Tinder-Dates waren dann der absolute Härtetest, aber das ist eine andere Geschichte…

Ich suchte mir neben dem Studium Jobs im Service. Die Arbeit war eine Riesenveränderung für mich, weil ich ständig mit fremden Menschen zu tun hatte und auf Kunden zugehen musste. Nach jedem Dienst fiel es mir leichter und leichter – und nebenbei hatte ich mehr Geld um privat mehr auszugehen. Eine klassische Win-Win-Situation also. Früher war ich der unselbstständigste Mensch, den ich kannte. Mein Selbstbewusstsein steigerte sich mit der vielen Unterstützung, die ich auch von meinem damaligen Freund bekam.

Sport spielte ebenfalls eine große Rolle für mein neues Selbstwertgefühl. Ich saß früher tagelang nur zuhause am Laptop und war zwar immer schlank, aber nicht besonders fit. Ich versuchte in jeden Tag Bewegung einzubauen, bei jedem Wetter. Mich machten meine Fortschritte glücklich. Wenn das körperliche Wohlbefinden da ist, geht es schnell ins Geistige über. Mir wurde auch klar, dass ich zu viel Energie hatte, die ich automatisch in Selbstzweifel steckte. Nachts bin ich stundenlang mit tausend Gedanken wachgelegen und zerpflückte akribisch jede einzelne Handlung, die ich verrichtet hatte. Wenn ich heute Tage habe, an denen mich die Angst heimsucht, muss ich mich nur ordentlich auspowern, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Dann klappt das auch mit dem Schlaf.

Ich dachte lange, dass es mir niemals besser gehen würde. Nach vielen geflossenen Tränen und Schweiß bin ich heute stolz, diese wenigen, aber wichtigen Schritte unternommen zu haben. Zwar bin ich bei Weitem nicht „angstfrei“, doch lässt sich der Alltag größtenteils normal bestreiten. Manchmal falle ich in eine Art Loch zurück, aber das ist niemals von Dauer. Ich weiß, dass es viel Überwindung kostet, und dass nicht jeder Anlauf auf Anhieb klappt. Trotzdem gräme ich mich lange über die eine oder andere Panikattacke, die mal auftauchen kann. Aber das wäre schon das sehr selten eintretende Worst-Case-Szenario für mich. Insgesamt hat mein aus der Isolation etwa drei Jahre gebraucht. Geduld zahlt sich aus. Auch kleine Erfolge sind Erfolge! Das sollte man niemals aus den Augen verlieren.

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