Frankfurter Buchmesse: Wer fernbleibt, verpasst eine Chance.

22. Oktober 2021

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Nada El-Azar
(C)Zoe Opratko

Die Frankfurter Buchmesse wird auch in diesem Jahr durch einen politischen Verteilungskampfes zwischen Rechts und Links überschattet. Durch die Anwesenheit von Buchverlagen der Neuen Rechten sehen sich manche Autorinnen und Autoren dazu gezwungen, ihre Auftritte bei der Messe abzusagen. Einerseits zweifeln sie daran, physisch in Sicherheit zu sein, andererseits geht es auch um die klare Message: Mit Rechten teilen wir keine Messe, ergo keine Bühne. Die Autorin Jasmina Kuhnke, die auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ihren Debütroman „Schwarzes Herz“ hätte präsentieren sollen, zog ihre Teilnahme aus Angst vor der Präsenz von Rechtsextremen zurück. Das berichtete unter anderen Medien auch der SPIEGEL. Auf Twitter veröffentlichte Kuhnke ein Statement zu ihrer Absage, in dem sie unter anderem anklagt: „Ihr duldet, dass Menschen mit sichtbarer Migrationshistorie durch die Präsenz von Nazis auf dieser Messe gefährdet werden!“ Die Messeleitung beharrt indes auf Meinungs- und Verlagsfreiheit, was Kritiker toben lässt. Immerhin stünde rechtes Gedankengut nicht unter dem Schutz der Meinungsfreiheit, sondern gehöre boykottiert. Von den Organisatoren der Messe fehle eine klare Vorgabe von Werten, die es verhindern würden, dass Verlage der Neuen Rechten überhaupt ausstellen können.

Was ist aus „keinen Fußbreit“ geworden?

Die Frankfurter Buchmesse hat eine jahrhundertealte Tradition und ein wichtiger Schauplatz für weltpolitische Konfrontation. Ist der Rückzug, den Autorin Jasmina Kuhnke, so wie auch andere Autoren wie Riccardo Simonetti und Raul Krauthausen, hingelegt haben, denn so bahnbrechend aktivistisch und revolutionär? Ich bezweifle das. Natürlich sind rassistische, völkische, sexistische und homophobe Verlage und deren Publikationen zu verurteilen und fallen nicht unter den Schutz einer „Meinungsfreiheit“. Doch wenn sich linke, sich als Antirassisten bezeichnende Autor*innen und Besucher*innen der Buchmesse entziehen, bedeutet das noch lange nicht, dass die zu boykottierenden Verlage, das Gedankengut, das sie verbreiten, und deren Anhänger einfach von der Bildfläche verschwinden. Es bedeutet nicht, dass Rechte aus unserer Gesellschaft verschwinden. Es bedeutet nicht, dass es keine rechten Parteien mehr in den Parlamenten Europas und der Welt gibt, die von ihren Anhängern in die Regierung demokratisch hineingewählt werden. Ein Rückzug von Linken, die mit ihrem Auftritt ihren Standpunkt sichtbar machen und ihn verteidigen sollten, ist doch genau das Ziel der Rechten. Was ist aus der Ellenbogen-Mentalität von „keinen Fußbreit den Faschisten“ geworden? Stattdessen verweigern Menschen, die mit einem Auftritt auf der Messe eine Reichweite und mediale Aufmerksamkeit bekommen, den Dialog und die Konfrontation. Das ist offen gesagt ein wenig enttäuschend. Denn diejenigen, die angeblich mit solchen Rückzugsaktionen boykottiert werden, stehen weiterhin zufrieden händereibend auf den prominentesten Bühnen der Messe.

Es gibt kein universales Spektrum

Zum Vergleich: 2015 wurde bei zum Auftakt der 67. Frankfurter Buchmesse der britisch-indische Autor Salman Rushdie eingeladen. Rushdie verfasste mit „Die Satanischen Verse“ ein sogenanntes „Islam-beleidigendes“ Buch, nach dessen Veröffentlichung radikale Muslime einen weltweit gültigen Tötungsbefehl – eine Fatwa – über den Autor verhängten. Trotz Anwesenheit mehrerer iranischer Verlage nutze Rushdie die Einladung, eine Rede zum Thema Meinungsfreiheit zu halten und entzog sich dieser wichtigen Möglichkeit dazu nicht! Obwohl die Fatwa noch heute ihre Gültigkeit behält und quasi jedem gläubigen Muslim das Recht gibt, den Autor zu töten. Die Frankfurter Buchmesse hat auch für diesen heiklen Auftritt ein funktionierendes Sicherheitskonzept finden können. Fakt ist also: Die Messeleitung der Frankfurter Buchmesse gerät naturgemäß immer wieder in Erklärungsnot – aber das nationale und internationale Spektrum lässt sich unmöglich in einem ethisch vertretbaren Messekonzept zusammenfassen. Es liegt an den Verlagen und Autoren, diese Bühne für sich zu nutzen, um sinnvolle Änderungen weiterbringen zu können. Wer aber der Messe fernbleibt, hat kein Mitspracherecht. Schade.

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