Glawischnig: Was eine Frau an der Spitze bedeutet

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Eva Glawischnig
Foto: Die Grünen Österreich

Nach neun Jahren im Amt tritt Grünen Chefin Eva Glawischnig zurück und legt all ihre Funktionen nieder. Als Frau an der Spitze einer Partei hat sie Österreichs Medien und Politik nachhaltig geprägt. Ein politischer Nachruf.

Es ist der Grund, warum ich Polit-Sendungen eigentlich hasse: Ein Haufen alter, weißer Parteiobmänner sitzen in einer Runde zu einem aktuellen Thema. Ihr Sitz: breitbeinig. Ihre Arme: mit den Ellbogen weit über den Tisch, damit sie ja viel Platz einnehmen. Ihre Stimmen: im Laufe der Sendung immer lauter. Migranten: Fehl am Platz. Frauen: Ja, die eine von den Grünen. Eva Glawischnig.

In den letzten neun Jahren war Glawischnig mitunter ein Grund, warum ich solche Formate im Fernsehen manchmal sogar bis zum Ende geschaut habe. Und das hatte oft nicht einmal inhaltliche Gründe. Alleine die Tatsache, dass österreichische Spitzenpolitik nicht aus den genannten alten, weißen Männern bestehen muss, gab Hoffnung. Hoffnung, jemanden wie sich vielleicht doch einmal in Führungspositionen zu sehen.

„Bio macht schön“ statt Inhalte?

Glawischnig ist in der Partei sicher nicht unumstritten. Sie hat die Grünen weg von Besetzungen und der Hainburger Au hin zu einer professionellen Partei samt Marketingstrategie geführt. Oder kurz gesagt: Hin ins 21. Jahrhundert. Wie bei jeder Veränderung ergab das Widerstand: „Establishment“, „PR-Maschinerie statt Inhalte“, lautete die Kritik.  

Heute sind die Grünen thematisch so breit aufgestellt, wie noch nie. Und erstmals werden sie mit mehr als nur „Öko“ assoziiert. Nämlich Frauenpolitik, dem Kampf gegen Hass im Netz, der Gleichstellung von Schwulen und Lesben und auf Länderebene sogar mit sozialpolitischen Themen. Das neue gebrandete Gesicht der Grünen hat sie erkennbar werden lassen und in den Kopf der Leute gebracht. Das zeigen auch die Regierungsbeteiligungen und zuletzt der Sieg von Alexander Van der Bellen. Sie hat damit etwas geschafft, wovon viele Männer an der Spitze nur träumen: Glawischnig hat ihre Partei tatsächlich reformiert.

Frauen in den Medien

Glawischnig hat auch gezeigt, was eine Frau an der Spitze für die Medien bedeutet. Sie wurde immer wieder in Verbindung mit ihrem Ehemann und derzeitigen Dancing Stars Kandidaten Volker Pieszcek gebracht. Oder wegen ihrem Äußerem aufgezogen. Am liebsten natürlich vom Boulevard. Bei anderen Parteimännern stellte sich die Frage nach ihren Partnerinnen oder ihrem Aussehen nie. Glawischnig hat damit wohl auch so manchen Menschen im Journalismus gezeigt, dass in der Berichterstattung doppelte Standards für Männer und Frauen herrschen.

„Schönen Sommer“

Wie jedes Jahr werde ich auch diesen Sommer versuchen mir die ORF-Sommergespräche anschauen. Und ja, Glawischnig wird dabei fehlen. Schließlich ist es auch Aufgabe der Politik ihre Bevölkerung widerzuspiegeln. Nicht nur inhaltlich, sondern auch dadurch wer und was sie sind. Junge Frauen, zum Beispiel, sollen sich denken können „Wenn da eine Frau an der Spitze ist, kann ich das auch schaffen.“

Bisher hat das Eva Glawischnig für alle Parteien übernommen. Nach neun Jahren wird sie es aber nicht mehr machen und die Grünen als auch andere Parteien sollten sich überlegen, wie man dieses Loch füllen kann. Glawischnig kann man jetzt hingegen nur eines wünschen: einen „Schönen Sommer“. 

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