Grenzen in einer grenzenlosen Welt

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© Julien CREUZET, Horizon introspectif, 2010
© Julien CREUZET, Horizon introspectif, 2010

Du weißt bei dieser Hitze nicht so recht wohin? Du bist dazu noch knapp bei Kassa? Und willst aber was Sinnvolles machen? Dann hau dich einfach – so wie ich – in den Kunstraum Niederösterreich in der Wiener Herrengasse, der übrigens klimatisiert ist. Dort läuft zurzeit die Ausstellung „Performing the border“.

Wir alle sollten das Recht auf Freiheit haben. Punkt. Doch wo bleibt dieses Freisein bei all den Grenzlinien, die zurzeit in unserer „grenzenlosen“ Welt gezogen werden?

Wenn ich nach Bosnien fahre und die ungarisch-kroatische Grenze passiere, sehe ich verschärfte Grenzkontrollen und kilometerlange Zäune aus Stacheldrahten, die von Zeit zu Zeit immer höher werden. Dabei wird auch gar nicht mehr von Menschen gesprochen, sondern nur noch von „Illegalen“, denen die Einreise verwehrt werden muss – sie werden als „Bedrohung“ gesehen. Doch wer sind diese „Illegalen“, die an die Grenzlinien getrieben werden? Es sind menschliche Subjekte so wie du und ich, die aufgrund von bitterem Elend, brutalem Blutvergießen und totaler Armut zur Flucht bewegt werden. Nicht nur in Europa, auch in den USA wird Abschottungspolitik großgeschrieben. Der US-Präsident Donald Trump möchte sein Wahlversprechen, eine unmenschliche Mauer an der Grenze von Mexiko und den USA zu bauen, um so die Einreise illegaler Einwanderer zu unterbinden, mit allen Mitteln realisieren. Diese errichteten Zäune, Grenzen und Mauern dienen einzig und allein der Trennung und Zementierung von Machtverhältnissen – um das zu verstehen, braucht man keinen sonderlich hohen IQ, nur Herz und Verstand. Die Differenz soll deutlich werden: Wir sind hier drinnen und ihr seid dort draußen, hinter der großen Mauer, die uns vor euch „Fremden“ schützen soll. Wie soll da der Dialog entstehen?

Die Schau „Performing the border“ versammelt 17 künstlerische Positionen und zeigt, wie ein solcher Dialog gelingen kann. Die ausgestellten Arbeiten der KünstlerInnen präsentieren Szenarien der Grenzerfahrung aus unterschiedlichsten Blickwinkeln, um die fragwürdigen Kategorien des Eigenen und des Fremden für die BesucherInnen erfahrbar zu machen. Hier ein kleiner Auszug:

 

Eine gigantische Rundreise

Suzana Milic
Suzana Milic

Begonnen habe ich beim Künstler Francis Alÿs. Er macht sich für sein Projekt „The Loop“ auf eine eigenartig anmutende Rundreise um den Globus. Sein Ziel: Von Mexiko in die USA (San Diego) zu kommen, ohne dabei die berühmt-berüchtigte Grenze in Tijuana zu passieren. Mit seinem Künstlerhonorar für eine bestimmte Ausstellung in San Diego reist er mit dem Flugzeug von Tijuana nach Mexico City, dann nach Panama, Santiago, Auckland, Sydney, Singapur, Bangkok, Rangoon, Hongkong, Shanghai, Seoul, Anchorage, Vancouver, Los Angeles und kommt so schließlich auf der anderen Seite an, in San Diego. Eine witzige Aktion, nicht?

Aber habt ihr auch gecheckt, was er damit eigentlich sagen möchte? Dieses Schlupfloch gelingt nur jenen Menschen, die genug Kohle in der Tasche haben – also eigentlich nur dem privilegierten Teil der Gesellschaft.

 

Selamse

Suzana Milic
Suzana Milic

Als ich auf diese beiden Portraitfotos stoße, bin ich von den abgebildeten Frauen stark beeindruckt. Sie stammen aus der Bildserie „Selamse“ der Fotografin Clara Wildberger. Mit ihren Fotos möchte Wildberger die von Jahr zu Jahr steigende Besucheranzahl aus den Emiraten in Zell am See deutlich machen. Selamse steht für die arabische Aussprache des Ortes. Einheimische und viele andere Reisende sind vom unbeständigen Wetter eher abgeneigt, während Singles, Paare und große Familien aus dem Nahen Osten vom kühlen und regnerischen Klima hin und weg sind. Viele kommen beim Kitzsteinhorn-Gletscher zum ersten Mal mit Schnee in Berührung. Beklagen tun sich die Einheimischen aber nicht – natürlich  nicht, denn die 72.000 arabischen TouristenInnen retten dort die schwierige Sommersaison. Die Künstlerin möchte damit zum Nachdenken anregen.

 

Die Leiter als Brückenbauer

Suzana Milic
Suzana Milic

Rechts neben der Wand, wo das Projekt „The Loop“ gezeigt wird, hängt ein Flachbildschirmfernseher. Es beginnt ein kleiner Film mit dem Titel „Khaled’s Ladder“. Ziemlich gespannt lege ich mir die Kopfhörer auf. Gezeigt wird der Künstler Khaled Jarrar, der während des US-Wahlkampfes einen Road-Trip entlang der US-amerkanisch-mexikanischen Grenze macht. „My mission is to show that the wall is not real.“ Mit diesen Worten leitet der Künstler den Film ein. Während seiner Tour baut er eine Leiter aus Teilen des US-mexikanischen Grenzzauns, die er dort als Zeichen des gemeinsamen Dialogs befestigt. Khaled’s Heimat ist Ramallah, eine Stadt im Westjordanland. Auch er wuchs mit einer Mauer auf, der israelischen Trennmauer, die eine totale Einschränkung des Lebensalltags und der Bewegungsfreiheit der dort lebenden Menschen ist. Im Film zeigt er ein kurzes Video aus seiner Heimat, wo Kinder zu sehen sind, die einander Essen durch ein Loch der israelischen Trennmauer reichen. Arg, oder?

 

Um euch nicht zu viel zu verraten, geht doch einfach selbst zur Ausstellung hin. „Performing the Border“ läuft nämlich noch bis zum 22.07. und der Kunstraum Niedeörsterreich hat seinen BesucherInnen noch viel mehr zu bieten. Weitere Infos findet ihr auf dieser Seite.

Was? Ausstellung „Performing the Border“
Wann? bis 22.7.2017, Di - Fr 11.00H - 19.00H, Sa 11.00H - 15.00H, Mo, So und Feiertag geschlossen
Wo? Kunstraum Niederösterreich, Herrengasse 13, 1014 Wien
Eintritt? frei

Und zum Abschluss noch ein paar Bilder, die ich vor Ort geschossen hab:

Suzana Milic
Suzana Milic

 

 

Suzana Milic
Suzana Milic

 

 

Suzana Milic
Suzana Milic

 

 

Suzana Milic
Suzana Milic

 

 

Suzana Milic
Suzana Milic

 

 

Suzana Milic
Suzana Milic

 

 

Suzana Milic
Suzana Milic

 

 

Suzana Milic
Suzana Milic

 

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