"Ich bin kein Vorzeigeflüchtling"

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Emir Dizdarevic
Emir Dizdarevic

Wer viel leistet und erfolgreich ist, hat gute Chancen sich zu integrieren – heißt es oft, wenn es um Flüchtlinge und Ausländer geht. Ich selbst war auch Flüchtling, aber immer schlecht in der Schule und lange auch fett. Ein Problem bei meiner Integration war das nie. 

Der geflohene Afghane Ahmed* hat seitdem er in Österreich ist nur Einser. Heute darf er deswegen eine Firma besuchen. Die Presseabteilung der Firma stößt kurz zum Rundgang, macht ein Foto und fragt ihn, ob er mal Firmenchef werden will. Seine Noten seien ja so toll. „Nein, lieber Fußballer.“, antwortet Ahmed und blickt dabei leicht verlegen auf den Boden. Alle lachen, die Stimmung ist gut. Der Post später auf Facebook wird genau die Situation wiedergeben. Eine schöne Geschichte, die vielen beim Lesen auf Facebook ein Stückchen die Angst nimmt von Flüchtlingen überrannt zu werden. Der fleißige und sympathische Ahmed wird schließlich ziemlich sicher einen Beitrag für Österreich leisten. Und sich integrieren. Er ist ein Vorzeigeflüchtling.

Obwohl es mir wahnsinnig weit vorkommt, fast schon nicht real: auch ich war einmal Flüchtling. Damals in den 90-er Jahren flohen in etwa 90.000 Bosnier wegen dem Krieg in ihrem Heimatland nach Österreich. So auch meine Familie und ich. Ahmed und ich haben sicher viele ähnliche Erfahrungen gemacht. Etwa fremd in einem Land zu sein und kein Geld zu haben. Und dennoch, wenn ich mir Ahmeds Post anschaue, fühle ich mich wie das exakte Gegenstück zu ihm.

"Fett und lauter Fetz’n"

Dass mein Vater eigentlich Sportlehrer war, half nicht. Anstatt draußen mit den anderen Kindern herumzulaufen, Verstecken und Fußball zu spielen, schaute ich lieber TV und löffelte nebenbei Eurocreme (wie Nutella, nur besser). Dass ich deshalb ein fettes Kind war, störte mich eigentlich nur im Sommer. Ab und zu, wenn ich in die Badehose schlüpfte und die dünnen, sportlichen Kinder im Schwimmbad sah.

Die Erfolge in der Schule blieben aus. Die Einser und Zweier in meinem Volksschulzeugnis verwandelten sich im Gymnasium schnell in Vierer und Fünfer. „Fetz’n“, wie man in Niederösterreich sagt. Angefangen von der ersten bis hin zur achten Klasse hatte ich Nachprüfungen. In einem Jahr sogar zwei. Zum Glück hatte ich eine sture Mutter, die an mich glaubte und mir Nachhilfe zahlte. In manchen Jahren sogar in vier Gegenständen. Bei meiner Matura verschlief ich nicht nur unser Maturafoto, sondern durfte auch da eine Ehrenrunde in Mathematik drehen. Inzwischen war ich durch meinen Wachstumsschub allerdings schlank.

Bummelstudent

An der Uni sollte es nicht besser werden. Ich fing an Übersetzen zu studieren, hatte nach einem Jahr drei Prüfungen abgelegt, gab das Studium auf und wechselte. Erst zu Japanologie, weil ich so gerne Anime schaute. Dann versuchte ich es mit Englisch. Dann Germanistik. Ich landete schließlich in der Politikwissenschaft, wo ich meine Studienbeihilfe verlor, weil ich zu langsam studierte. Schlechte Noten hatte ich aber nicht mehr. Heute schreibe ich meine Masterarbeit in Journalismus und studiere fast schon seit zehn Jahren. Selbst meine Vermieterin zieht mich damit auf. Meine Studienzeit verbrachte ich zum Großteil mit Feiern und Raucher bin ich mittlerweile auch.

Und trotzdem bin ich integriert

Bei all dem stellte sich nie die Frage, ob der Junge aus einer muslimisch-bosnischen Familie integriert sei. Fett? Ja. Deppat? Ja auch. Eine Zeit lang versoffen? Sicher. Die Frage, ob ich die österreichischen Werte akzeptiere und Deutsch kann? Nein, und dabei hatte ich genug Fünfer auf Deutschschularbeiten.

Die Geschichte von Ahmed ist die eines Menschen, der sehr gut mit dem klassischen Bildungsweg zurechtkommt und sich noch dazu für Sport begeistert. Nicht die eines Flüchtlings. Nicht die der 90.000 Bosnier damals und nicht die der 90.000 Flüchtlinge im Jahr 2015. Viele von uns haben sich nicht durch ihre Leistungen und ihre Erfolge integriert. Was uns allen bis heute hilft, sind unsere Familien und Freunde. Die Möglichkeit etwas zu lernen und in Frieden zu leben. Eine Chance. Dazu braucht es mehr als Vorzeigegeschichten.

 

*Name von der Redaktion geändert

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Kommentare

 

wichtige Antwort zum ganzen Asylschwachsinn steht noch immer aus: Wie viele angebliche "Flüchtlinge" Österreich wohl versorgen könnte, wenn diejenigen, die die Aufnahme der angeblichen "Flüchtlinge" fordern, selber die Versorgung und Finanzierung ihrer "Flüchtlinge" bewerkstelligen müssten?

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