Ich werde nie sein wie sie

Als Kind haben drei Dinge für mich Luxus definiert: Ein Trampolin im Garten, ein Doppelpack Stabilo Fasermaler und ein "Wendy"-Abo. Kinder, die eines davon besaßen, kamen mir wie die reichsten Kinder der Welt vor. Ich weiß noch, wie ich einmal bei einer Freundin zu Besuch war und „Wendy“, „Standard“ und „Woman“ herumliegen sah - ich war so beeindruckt und fühlte mich zugleich so ungebildet und fremd.

Ich besuchte ein Vorstadt-Gymnasium mit lauter Kindern aus Akademikerfamilien. „Akademiker“, dieser Begriff schien mir so kompliziert, ein Fremdwort. Die anderen Kinder wohnten alle in Häusern mit Gärten und riesigen Kinderzimmern, manche meiner Freundinnen hatten sogar ein eigenes Badezimmer. In den Ferien sind sie nach Fuerteventura, Barcelona oder Kreta geflogen –  Orte, die mir so weit weg vorkamen, als wären sie am anderen Ende der Welt. Sie trugen Tommy Hilfiger, Diesel und Lacoste und bekamen 50 Euro Taschengeld.

Irgendwann kam ich in das Alter, in dem ich auch so gerne Markenartikel besitzen wollte – zumindest das. Aber ich wusste, dass wir nicht so viel Geld hatten, also habe ich mir im Bosnien-Heimaturlaub eine gefälschte Hilfiger Tasche gekauft, 10 Euro. Meine Klassenkollegin, eine Marken-Kennerin, hat mich sofort entlarvt und vor allen bloßgestellt. Zuhause habe ich die ganze Nacht geweint. Ich fühlte mich minderwertig, anders – alles schien so ungerecht.

Kein Original

Doch weinen nutze nichts, also beschloss ich mir einen Samstagsjob zu suchen. Von meinem ersten Gehalt kaufte ich mir ein rotes kurzärmliges Lacoste Polo-Shirt, ein Original, mein erstes Original - mein erstes und bis heute einziges Marken-Kleidungsstück. Ich habe es ein Mal angezogen. Die Designer-Kennerin aus meiner Klasse fand, dass das Krokodil ziemlich klein aussah und stempelte es als Fake ab. Dabei war es dieses Mal wirklich ein Original. Sie stellte mich wieder bloß, doch dieses Mal weinte ich nicht, ich verzog keine Miene – stattdessen ging mir ein Gedanke durch den Kopf, der mich bis heute nicht loslässt: Egal was ich mache, ich werde nie sein wie sie.

Seitdem sind Jahre vergangen, doch das Polo-Shirt liegt noch immer in meinem Schrank. Als Erinnerung an etwas, was ich nie sein werde. Denn egal, wie viel ich verdiene und ob ich jetzt selbst zu diesen ominösen Akademikern gehöre, die früher nur die Eltern meiner Freunde waren, es gibt noch immer Situationen in meinem Leben, in denen ich mich als das Arbeiterkind fühle, das allen etwas vormacht, wenn es versucht, so wie sie zu sein.

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