„Islam“-Studie:„Einfach etwas nach Gutdünken umzuschreiben,ist nicht zulässig“

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„Islam“-Studie:„Einfach etwas nach Gutdünken umzuschreiben, ist nicht zulässig“
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„Es geht gar nicht darum, ob Aslan hinter seinen oder den Sätzen seiner MitarbeiterInnen steht. Das ist ihm ja unbenommen. Aber so funktioniert wissenschaftliche Forschung nicht“, sagt Expertin Andrea Schaffar über die Kindergarten-Studie. Sie ist verärgert, da die Studie von Aslan ein schlechtes Licht auf die Sozialwissenschaften werfe. Hier ein spannendes Interview mit der Kommunikations- und Sozialwissenschafterin und Lektorin der Uni Wien.

„Islam“-Studie:„Einfach etwas nach Gutdünken umzuschreiben, ist nicht zulässig“
Foto: Andrea Schaffar

biber: Sie haben die wissenschaftliche Qualität der Studie schon vor den „Fälschung“-Nachrichten kritisiert.  Hat sich an dieser Meinung nach den Leaks etwas geändert?

Schaffar: Bezüglich der Qualität der Studie hat sich nichts geändert. Sowohl die Vorstudie als auch der Projektbericht haben sich mit den Leaks ja nicht verändert. Methodisch und wissenschaftlich gesehen, entsprechen diese Texte nicht den Kriterien guten wissenschaftlichen Arbeitens.

Hat es sie gewundert, dass Nachrichten über "Fälschungen in der Studie durch Kurz Beamte" veröffentlicht wurden?

Nein, nicht wirklich. Hinter jeder Arbeit steht ja immer auch eine Haltung. Bei der Studie ging es darum politische Aussagen möglich zu machen. Ob diese wissenschaftlich halten oder nicht, war für die Akteure eher unerheblich. Insofern passen diese willkürlichen Veränderungen der Ergebnisse gut zu den schon vorangegangenen Arbeitsweisen.

Universitätsprofessor Ednan Aslan meinte, dass er hinter jeder Aussage der Kindergartenstudie steht. Wenn er seine Meinungen in der Studie selbst nachträglich korrigiert hat, müsste er dann seine korrigierten Behauptungen nicht mit Belegen begründen?

So ist es. Ein Interview mit Prof. Aslan in der ZiB war auch bezüglich seines methodischen und wissenschaftlichen Verständnisses recht aufdeckend. Es geht gar nicht darum, ob er hinter seinen oder den Sätzen seiner MitarbeiterInnen steht. Das ist ihm ja unbenommen. Aber so funktioniert wissenschaftliche Forschung nicht und hier zeigt sich halt einmal mehr das methodische Unvermögen. Sozialwissenschaftliches Vorgehen heißt auf Fakten basierend zu analysieren. Einfach etwas nach Gutdünken umzuschreiben, ist nicht zulässig, weil es willkürlich und ohne Quelle und Beweis wäre. Sozialwissenschaftliche Arbeit heißt die sozialen Fakten darzustellen und abzubilden. Dafür gibt es ja die Methoden und Verfahren, um zu gewährleisten, dass den Fakten entsprechend dargestellt wird und nicht nach individuellen und beliebigen subjektiven Vorlieben.

Was kritisieren sie an der Studie?

Ein Löwenanteil der Studie ist deskriptiv und sind willkürlich zusammengetragene Informationen, die aufbereitet wurden. Einfach etwas zusammenzuschreiben kann nicht als Forschung qualifiziert werden. Die empirischen Teile sind intransparent: Quellen sind die klar, Transkripte nicht zugänglich, die Strategie bzgl. der Erhebung wird nicht dargelegt. Gleiches gilt auch für die Auswertung: Nach welchem Verfahren und wie genau vorgegangen wurde, wird nicht erklärt. D.h. einfach, dass gar nicht klar ist wie die Ergebnisse zustande kamen. All das sind ganz grundsätzliche Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens, die immer eingehalten werden müssen. Wissenschaftliche Standards sind ja dazu da Forschungsarbeiten zugänglich, transparent und überprüfbar zu machen. All das fehlt in der Studie.

Aus der Studie geht nicht hervor, in welchen Kindergärten Salafisten entdeckt wurde. Die Anzahl der durchgeführten Interviews und wie viele Kindergärten interviewt wurden, ist auch nicht bekannt. Ist das üblich?

Absolut nicht. Jede wissenschaftliche Arbeit, die mit Interviews vorgeht, braucht diesbezüglich Klarheit: Die Anonymität der Befragten muss natürlich gewahrt werden. Trotzdem wird eine Übersicht mit Anzahl der befragten Personen beigefügt, die Strategie der Auswahl dargelegt und auch die Art der Interviews. Ziel ist ja das Feld in dem erhoben wird bestmöglich zu erfassen. Dazu gehören auch die Wege, die wissenschaftlich gegangen wurden, zu beschreiben.

Sie haben die Arbeitsweise des Aslans Institut schon einmal analysiert. Zu welchen Schlüssen sind sie gekommen?

In Bezug auf die Kindergartenstudie kann ich sagen: An dem Institut wird zwar sozialwissenschaftlich und empirisch gearbeitet, aber nicht den deshalb notwendigen Standards entsprechend. Sozialwissenschaftliche Methodik gilt schlicht für alle, die so arbeiten. Aus welchem Wissenschaftsbereich man kommt, ist dafür unerheblich. Wer mit Interviews arbeitet, muss dieses dementsprechend verarbeiten und kann nicht sagen: Ich komme woanders her und für mich gilt das nicht. Das wäre ja so, als würde ein Geologe sagen für ihn seien Kilogrammmaße unerheblich, weil das physikalische Einheiten sind.

Sebastian Kurz verteidigt sich, indem er die Aussagen Aslans wiederholt. Alle Änderungen wären mit Aslan abgesprochen und er stehe hinter dem Text der Studie. Kann man eine Studie derartig innerhalb dieser kurzen Zeit ändern und danach politische Folgen daraus ziehen?

Offensichtlich tut man das. Daran zeigt sich auch wie wenig Verständnis der Außen- und Integrationsminister für Forschung und Wissenschaft hat. Böse Zungen ätzen derzeit, dass er vielleicht doch hätte studieren sollen. In diesem Fall hätte ihm mehr KnowHow diesbezüglich auf alle Fälle geholfen.

Wenn Fälschungen vorhanden und bewiesen sind, wäre es nicht richtig, dass die Täter vor Gericht stehen müssen? Wäre das kein Betrug?

Ob es da eine strafrechtliche Relevanz gibt, müssen andere beurteilen. Das ist nicht Teil meiner Expertise. Moralisch verwerflich ist es im Sinne eines gesellschaftlichen Nutzens – und das ist ja der Zweck von wissenschaftlicher Arbeit – auf alle Fälle. Richtig und wichtig ist sicherlich die schnelle Reaktion der Universität Wien. Eine Kommission prüft nun die Studie und wissenschaftliche Redlichkeit. An der Uni Wien sind so einige Leute hochgespannt, was weiter geschehen wird.

Könnte eine Studien-Verfälschung nicht die Karriere der Täter kosten?

Natürlich. Insbesondere eine Professur innezuhaben, geht ja mit Verantwortung einher. Insofern wundert mich gerade jetzt bei der zweiten Auflage von #kigagate – die erste Runde ist ja schon mehr als ein Jahr her – das Hin und Her. Zuerst weiß Prof. Aslan von nichts, sagt er habe Bauchweh, wenn da etwas geändert wurde und dann sagt er, er stehe hinter allem. Das wirft kein gutes Licht auf eine Universitätsprofessur.

Kann man die Studie vom Wissenschaftler Ednan Aslan noch als eine Arbeit mit Universitätsniveau sehen?

Zumindest ist sie an der Universität Wien entstanden. Rein formal ist sie dies also. Qualitativ entspricht sich aber nicht den Standards, die Bachelor- und Masterstudierenden abverlangt werden.

ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger sagte, die SPÖ solle ihre seltsame Allianz mit ausländischen Regierungen wie der Türkei beenden und Duzdar hätte sinngleich wie ein türkischer AKP-Politiker den Kurz kritisiert und die islamischen Kindergärten geschützt. Wie sehen sie das?

Das sind politische Scharmützel und das übliche politische Kleingeld, das im Alltag in der Öffentlichkeit ausgetauscht werden. Die ÖVP versucht hier, ausgehend von einer wohl politisch motiviert beauftragten Studie, ein Wahlkampfthema zu hochzuspielen. Ärgerlich ist dabei vor allem zweierlei: Das wird auf dem Rücken von Kindern und deren Eltern ausgetragen, die so und so gesellschaftlich keine einfachen Positionen haben. Für ein Wahlkampfthema wird hier etlichen Menschen und Communities ohne einen tatsächlichen Beweis das Leben schwer gemacht. Und das von der Partei, die den Wissenschaftsminister stellt. Das ist doch paradox.

Ebenso ärgert mich natürlich, dass das ein schlechtes Licht auf die Sozialwissenschaften wirft. Wir haben so und so nicht das beste Standing im Wissenschaftssektor – deshalb hab ich ja meinen Scienceblog gestartet, um zu erklären was und wie wir arbeiten. Durch dieses recht skrupellose Instrumentalisieren von schlechter methodischer Arbeit durch PolitikerInnen wird  das Image sozialwissenschaftlicher Arbeit beschädigt. Und das wo wir doch eigentlich jener Wissenschaftszweig sind, der zur positiven gesellschaftlichen Entwicklung beitragen soll.

Andrea Schaffar hat an der Universität Wien Publizistik und Kommunikationswissenschaft mit einer Fächerkombination von Soziologie, Politikwissenschaft, Gruppendynamik und Medienwissenschaft studiert. An der Publizistik hat sie die Entwicklung hin zu einer Sozialwissenschaft intensiv miterlebt und auch gestaltet. Seit dieser Zeit beschäftigt sie sich intensiv mit sozialwissenschaftlicher Methodik und Methodologie. In den 2000er Jahren hat sie etwas mehr als zwei Jahre am IHS im Soziologiezweig verbracht. Seit 2001 unterrichtet sie viel an der Universität Wien, der Fakultät für Sozialwissenschaften. Sie bietet Vorlesungen zu qualitativen Methoden und Medienpädagogik an. Neben ihren Tätigkeiten als Universitätslektorin, auch an der TU und anderen Universitäten, arbeitet sie seit einigen Jahren als Wissenschafterin und Forscherin im Rahmen einer Firma, der sourceheadsinformationtechnology GmbH, und leitet den Bereich research&consulting. In ihrem beruflichen Verlauf war sie auch Projektmanagerin in einer IT Firma, Foschungsassistentin am Ludwig Boltzmanninstitut für empirische Medienforschung und später an der TU Wien, Architektur.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medienforschung und –pädagogik, Organisationsforschung und Stadt-, Architektur- und Wohnbauforschung. Als zweites ergänzendes Standbein ist sie als Gruppendynamikerin und Organisationsberaterin tätig. Ihre Homebase in dem Sektor ist die ÖGGO, die Österreichische Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung. All diese Dinge passen vor allem wegen ihrer qualitativen und interpretativen Methodenzugänge gut zusammen: Wer viel mit Menschen arbeitet, muss auch lernen wie soziale Prozesse funktionieren und diese steuern können.

Ehrenamtlich tätig ist sie als Obfrau von Radio Orange 94.0 , FiZ Forschungsinstitut Zivilgesellschaft http://fiz.ac.at/ und derzeit gründet sie eine Schule: LernArena http://lernarena.at/ )

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