„Islamophobie macht auch vor der Schule keinen Halt“

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 „Islamophobie macht auch vor der Schule keinen Halt“
Foto: Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB)

Islamophobie soll der häufigste Grund für die Diskriminierung von Schülern sein. Das erklärte die Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB) in einer Pressekonferenz in Wien: "Schwarz auf weiß - wie bildungsnah ist Diskriminierung" - „Der Bericht ist der erste seiner Art, der den Schulbereich umfasst“, erklärte Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen, der die Initiative unterstützt. Wir interviewten die IDB-Obfrau Sonia Zaafrani über den schockierenden Jahresbericht.

 „Islamophobie macht auch vor der Schule keinen Halt“
Foto: Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB)

biber: Warum wurde die Initiative "IDB" gegründet?

Zaafrani: IDB braucht es, weil sonst die ganzen Missstände unter den Teppich gekehrt werden! Diskriminierung im Bildungswesen schadet nicht nur den Opfern, weil sie ihre Potentiale nicht entfalten können, sondern uns allen, weil die Kosten für Jugendliche ohne Ausbildung und Job enorm hoch sind.

Aus eurem Bericht kann gelesen werden, dass die meisten Diskriminierungsfälle gegen Muslime waren. Wer wird noch diskriminiert?

Wir dokumentieren alle Diskriminierungserfahrungen im Bildungssystem: Diskriminierung aufgrund der Religion genauso wie aufgrund des Geschlechts, der ethnischen Zugehörigkeit, der sexuellen Orientierung, der Weltanschauung  oder wegen einer Behinderung.

2016 war Islamophobie mit ca. 60% der häufigste Diskriminierungsgrund an Schulen bzw. öffentlichen Bildungseinrichtungen, gefolgt von Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit, des Geschlechts und der Weltanschauung.

Könntest du uns aus dem Bericht einen klassischen Fall von antimuslimischer  Diskriminierung erzählen?

Bei muslimischen Schülerinnen ist der Klassiker sicher Diskriminierung aufgrund des Kopftuchs. Wir haben einen Fall dokumentiert, wo eine 16-jährige Schülerin aus Wien mit dem Kopftuchtragen begonnen hat. Der eigene Klassenvorstand hat das Kopftuch sofort mit der Terrororganisation IS in Verbindung gebracht, die Schülerin mehrmals aus dem Unterricht geholt und zum Schluss sogar das BVT (Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung) eingeschaltet, das die Schülerin zwei Mal verhört hat. Sogar die Mitarbeiter vom Verfassungsschutz waren über diese Vorgehensweise sehr erstaunt und teilten der Schule mit, dass diese Maßnahme völlig überzogen war. Bei der Schülerin konnte keinerlei Gefährdung festgestellt werden.

Was könnten die Gründe für diese Diffamierungen sein?

Die Gründe, warum LehrerInnen ihre eigenen SchülerInnen diskriminieren? Das müsste man die LehrerInnen selbst fragen. (lacht) Wir können aber Mutmaßungen anstellen. Theoretisch kann es sich einfach nur um Falschinformationen handeln, wie in dem Fall mit der 16-jährigen Schülerin, wo die Lehrerin offenbar wirklich geglaubt hat, dass das Kopftuch ein Symbol für Radikalisierung sei. Es kann aber auch sein, dass die Lehrpersonen vielleicht im Burn Out sind. Doch ich befürchte, dass der folgende letzte Grund der häufigste von allen ist: Der Alltagsrassismus macht einfach auch vor der Schule keinen Halt. Die Schule ist ja ein Spiegelbild der Gesellschaft und wir wissen, dass Rassismus allgemein und  Islamophobie in Österreich zunehmen.

Welche Auswirkungen könnten solche Degradierungen in der Bildung haben?

Sie haben verheerende Auswirkungen für uns alle! Es gibt die unmittelbaren, direkten Konsequenzen für die Opfer, die eine Abneigung oder Angst vor der Schule entwickeln, worunter die Noten und der Schulerfolg leiden. Doch es kann auch gesundheitliche Auswirkungen haben: Die Betroffenen können sich zurückziehen oder aber auch aggressiv werden und es wirkt sich integrationshemmend aus. Im schlimmsten Fall brechen die Betroffenen die Schule oder die Ausbildung ab und fallen dann in die Gruppe der NEETs (Not in Education, Employment or Training). Es gibt die mittelbaren, indirekten Konsequenzen für uns alle, denn Jugendliche, die selbst abgewertet werden, neigen dazu, andere abzuwerten, und die volkswirtschaftlichen Kosten für Personen, die ihren Platz in der Gemeinschaft nicht finden und nicht auf eigenen Beinen stehen können, tragen wir alle gemeinsam.

Wie sollte man nach einer Diskriminierung in der Schule am Besten handeln?

Ganz wichtig sind Zeugen. Man sollte alles genau niederschreiben, was passiert ist. Selbstverständlich  sollte man es seinen Eltern erzählen - aber auch einer Lehrperson, der man vertraut und der Schulpsychologin. Natürlich sollten sich alle Betroffenen auch an uns wenden: Es gibt ein eigenes Dokumentationsformular auf unserer Homepage: www.diskriminierungsfrei.at . Wir anonymisieren alle Daten und verwenden sie lediglich für die statistische Auswertung der Fälle für unseren Jahresbericht. Man kann uns auch per E-Mail und Facebook erreichen.

Sie sind in der Initiative sicher nicht alleine. Wer ist sonst noch im Verein tätig?

Unser Verein hat zurzeit 13 Mitglieder. Es sind vor allem Personen, die selber in der Schule und im Bildungswesen arbeiten. Darunter sind LehrerInnen, PsychologInnen, Jugendcoaches, aber auch JuristInnen und StudentInnen unterschiedlicher Richtungen. Unser Team ist divers, multiethnisch und multireligiös. Wir sind offen für alle, die sich in diesem Bereich  engagieren wollen.  

Könntest du uns Lösungsvorschläge geben, um solche Diskriminierungen zu verhindern?

Wir haben hierfür einen eigenen 10-Punkte-Plan entworfen: Die wichtigsten Punkte sind sicherlich die Schaffung von unabhängigen Melde- und Beschwerdestellen, eigene Anti-Diskriminierungsbeauftragte an Schulen, mehr LehrerInnen und DirektorInnen mit Migrationshintergrund bzw. aus der Gruppe einer religiösen Minderheit und die Einführung von SchülerInnenbefragungen zur Evaluierung des LehrerInnenverhaltens als Qualitätssicherungsmaßnahme nach dem Vorbild der Universitäten. Salopp gesagt: Die SchülerInnen sollten auch endlich ihre eigenen LehrerInnen im Hinblick auf Rassismus und Diskriminierung benoten können.

Die Bundesjugendvertretung – die gesetzliche Interessensvertretung aller Kinder und Jugendlichen in Österreich – unterstützt unseren 10-Punkte-Plan. Genauso wie Dr. Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen, der uns von Anfang an unterstützt hat und sich der Problematik bewusst ist.

Diskriminierung im Bildungswesen ist in Österreich verboten. Daher meine wichtigste Message an alle: Traut euch gegen die Verletzung eurer Rechte aufzustehen! Wir sind für euch da!

Dr. Sonia Zaafrani ist gebürtige Österreicherin und kommt ursprünglich aus dem Burgenland. Wegen ihres Berufs zog sie nach Wien. Sie arbeitet als Ärztin an der Medizinischen Universität Wien. Ehrenamtlich tätig war sie bisher im interreligiösen Dialog und in der Flüchtlingsbetreuung.

IDB-Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen ist ein unabhängiger, gemeinnütziger Verein, der Diskriminierungserfahrungen dokumentiert, die sich im Bildungsbereich abspielen.  Sie sind nicht nur für SchülerInnen da, sondern auch für StudentInnen, Lehrlinge, Personen im 2. Bildungsweg, Eltern von Kindergartenkindern, aber auch für LehrerInnen und Universität-ProfessorInnen. Der Verein wurde gegründet von Marlies Parchment, Ayfer Görgülü und Sonia Zaafrani. E-Mail Adresse: office@diskriminierungsfrei.at

 

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