Ist mein Trauma deine Punchline?

14. Oktober 2021

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Bühne Diskriminierung Gewalt Sexismus Homophobie Rap Comedy
unsplash.com/Magnus Lunay

Ich hatte bei der letzten Redaktionssitzung eine hitzige Diskussion mit meinem Vorgesetzten Amar in der biber-Akademie. Es ging um die Frage, ob meine Kollegin einen jungen Rapper aus ihrer Gegend interviewen sollte. Ich habe vorgeschlagen, erstmal seine Musik anzuhören, um sicher zu gehen, dass sie eh nicht sexistisch oder in sonstiger Weise diskriminierend ist. Solchen Inhalten und vor allem den Menschen, von denen sie stammen, sollte meiner Meinung nach keine Plattform geboten werden. Darin sehe ich unter anderem meine Verantwortung als Journalistin. Amar ist da ganz anderer Meinung: „Kunst soll bitte alles, aber bloß nicht politisch korrekt sein!“, sagt er.

Drei Gründe, weshalb ich finde, dass diese Aussage kompletter Schwachsinn ist:

Grund 1: Ist mein Trauma deine Punchline!?

Wer über Diskriminierung lachen, oder darüber hinwegsehen kann, der ist unglaublich privilegiert – und checkt es vermutlich nicht einmal.

Immer wieder muss ich einfach zusammenzucken, wenn ich mir auf Spotify die aktuellen Charts anhöre. Es tut nämlich so weh, wie sexistisch und homophob der Mainstream auch heute noch ist. Wo ich Trauma und Schmerz sehe, hören andere nur eine Punchline für ihre nächste Single. Ein Blick auf die deutschsprachige Musikindustrie reicht, um meine Aussagen mit Beweisen zu belegen. Es folgen Zeilen aus Songs, für die ich wegen expliziter Nennung von sexualisierter und physischer Gewalt, sowie Vergewaltigungsfantasien eine Trigger-Warnung aussprechen möchte.

  • Kollegah & Farid Bang in „Dynamit“ (2013): „Die B*tches heute wollen Jungfrau bleiben. Zwei Optionen – Arsch oder Mund auf, Kleines"
  • GZUS in „Was hast du gedacht?“ (2018): „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt, ganz normal. Danach landet das Sex Tape im Netz“
  • Undacava & Capo in „Jayjo“ (2019): „Sie mag es, die Art wie Ich sie hart fick' … ich pack' sie am Hals und mach' ihr ganz schnell klar: Ich muss leider weg, denn dein Mann ist ein Gangster … Sie erkennt ihr'n Wert, Nix weiter als 'ne Puppe“
  • Trailerpark in „Falsche Band“ (2014): „'Ne schöne Frau ist erst 'ne schöne Frau, wenn sie Pisse trinkt [...] Scheiß mal auf Moral du Schw*chtel, sei nicht so verklemmt“
  • Cro in „Easy“ (2012): „Und wenn sie heiraten will und nach drei Tagen chillen, schon dein ganzes Haus und deinen Leihwagen will, ersch- easy (erschieß sie)“

Auch international legen Künstler immer wieder ihr diskriminierendes, ignorantes Weltbild an den Tag. Von Drake, Robin Thicke, Jason Derulo, Justin Bieber bis hin zu Dr. Dre und Eminem, strotzen die Texte nur so vor fragwürdigen Aussagen – und trotzdem schaffen sie es immer wieder in die weltweiten Charts. Ozzy Osbourne, bekannt als Sänger von Black Sabbath, wollte seine Frau ermorden und spielt trotzdem bis heute noch in ausverkauften Hallen. John Lennon hat zugegeben, dass er schon häufig Frauen geschlagen hat. Er und seine Musik werden weiterhin kommentarlos gefeiert. David Bowie, Tupac, Bill Wyman (Rolling Stones), und Iggy Pop haben allesamt junge Mädchen vergewaltigt - und die Welt bejubelt sie, als wäre nichts.

Diese Idolisierung von Personen, die sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen diskriminierende Sprache verwenden und nach ihr handeln, ist ein Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen von Unterdrückung und Gewalt.

Grund 2: Kunst ist Macht.

Ob man es wahrhaben will oder nicht, Kunst hat eine gewisse Macht, gesellschaftlich sowie politisch. Sie kann meinungsbildend sein und ganze Diskurse in eine beliebige Richtung verschieben. Klar wird das zum Beispiel, wenn wir uns an den Fall „Bill Clinton und Monica Lewinsky“ erinnern. Während Clinton’s Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten, wird die damals 21 jährige Lewinsky als unbezahlte Praktikantin im Weißen Haus angestellt. Den beiden wird irgendwann vorgeworfen, sie hätten eine Beziehung zueinander gehabt. Dabei wurde seine Machtposition ihr gegenüber - er war der wohl mächtigste Mann der Welt - sie eine junge, unbezahlte Praktikantin - medial kaum erwähnt. Auch über den gewaltigen Altersunterschied wurde hinweggeschwiegen. Clinton war mit seinen 49 Jahren zu der Zeit mehr als doppelt so alt wie Lewinsky. Für Comedians, Rapper und Sänger wurde Monica Lewinsky zum gefundenen Fressen. In Comedy-Shows wird sie zur billigen Pointe, in der Musikszene zum Sexsymbol, zur Schl*mpe, zur H*re.

Bis heute wird Lewinskys Schicksal für den schnellen Lacher ausgeschlachtet. Kein Wunder, denn die Comedy-Szene ist eine sehr privilegierte, männliche. Gesellschaftlich hat das den Diskurs rund um den Vorfall stark verschoben. Monica wird zum Sündenbock einer ganzen Nation, und das mithilfe von Künstler*innen, die von „political correctness“ nichts hören wollen. Währenddessen wurde Bill Clinton von der Kunst immerzu verschont.

Grund 3: Vorbilder haben Nachahmer.

Wenn wir Menschen trotz ihrer diskriminierenden Haltung feiern, gibt das eventuellen Nachahmern ein Gefühl von Sicherheit. Wenn RAF Camora dafür gefeiert wird, wenn er Frauen als B*tch bezeichnet, denkt der 17-jährige David er kann das problemlos auch.

Sie sehen wie sich Personen des öffentlichen Lebens beinahe ohne Konsequenzen mehr als daneben verhalten und denken, sie können mit denselben Dingen genauso ungestraft davonkommen. Das geht von verbaler Diskriminierung bis hin zu Taten wie physischer Gewalt. Wenn ein Rapper wie Eminem ganz offen von häuslicher Gewalt und Vergewaltigungen rappt, und es damit auf MTV oder KroneHit schafft, sendet das falsche, besorgniserregende Signale. Was Promis unbeschadet vormachen, wird Nachahmern also die Angst nehmen es ihnen nachzumachen.

Nicht zuletzt deshalb ist es wichtig konsequent zu sein, wenn es darum geht, Diskriminierung keine Bühne zu bieten. Weder auf Radiostationen und Fernsehsendern noch in Zeitschriften und Magazinen. Und auch nicht im Biber.

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