K.O.-Tropfen sind immer noch ein großes Thema - auch wenn keiner darüber spricht.

„Das letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich in der U-Bahn mit einem Typ von einer Hausparty geredet habe, von der wir gerade weggegangen sind. Wir waren in einer Gruppe in Richtung Auslage (anm. ein Wiener Club) unterwegs, wir hatten alle schon ein bisschen getrunken. Ich weiß noch, dass er mich ständig gefragt hat, ob wir nicht jetzt schon zu ihm fahren wollen. Als ich wieder zu mir gekommen bin, war ich irgendwo.“ Clara* ist Anfang Zwanzig, wohnt in Wien und hat sich bereiterklärt, mir über eine Erfahrung zu erzählen, die man keinem wünscht: Sie wurde Opfer von K.O. Tropfen. 

„Meine Klamotten waren zerrissen, ich war von oben bis unten dreckig und blutig. Am Unterschenkel hatte ich einen fußgroßen Bluterguss und an den Innenschenkeln blaue Flecken die sehr nach Handabdrücken ausgesehen haben. Ich weiß nicht genau, was passiert ist, aber ich bin irgendwann kurz zu mir gekommen und habe ein verschwommenes Gesicht über mir gesehen. Aber ich war eh angezogen, als ich aufgewacht bin. Ich habe mich danach ziemlich dreckig gefühlt, vor allem, weil ich nicht genau weiß, was in dieser Nacht passiert ist. Aber ich war halt auch schon ein wenig angetrunken, was auch dumm war.“ - so beendet Clara* ihre Geschichte. 

 

„Ich bin eh selber Schuld“

 

Dieser letzte Satz ist der, der am längsten in meinem Kopf bleibt. Denn genau dieser Satz unterstreicht das eigentliche Problem. Opfer von derartigen Vorfällen sind fast ausschließlich Frauen. Als ich nach Gesprächspartnerinnen für diese Geschichte suche, bekomme ich viele Antworten der Sorte „Ich hatte mal eine Blackout-Nacht, obwohl ich nicht so viel getrunken habe. Aber ich kann mich an nichts mehr erinnern. Das war komisch, aber ich bin wahrscheinlich eh selber schuld.“ Das wird uns Frauen von klein auf eingebläut: Man hätte ja auf sich aufpassen können. Man hätte ja auch gar nichts trinken können. Man hätte gleich nicht rausgehen können. Viele der Mädchen waren sich auch nicht sicher, ob ihnen wirklich etwas ins Getränk geschüttet wurde oder ob die Wirkung einfach nur vom Alkohol war. Die ersten Symptome von K.O.-Tropfen ähneln denen einer Alkoholüberdosierung: Schwindel, Übelkeit, Mattheit, ein plötzlicher Dämmerzustand und Benebeln bis hin zum Bewusstseinsverlust werden von Betroffenen als Anzeichen genannt. Übrigens: Der Name „KO-Tropfen“- ist ein wenig irreführend: Die Bezeichnung ist der Überbegriff für eine reihe chemischer Substanzen wie Beruhigungsmittel Schlafmittel, Narkotika (z. B. wie Liquid Ecstasy, Rohyphnol, GHB), Muskelrelaxanzien und extrem giftige Lösungsmittel aus der Industrie - sie alle haben eine andere chemische Zusammensetzung, wirken aber im Endeffekt gleich: eben so, als hätte man zu viel Alkohol intus. Viele der Opfer haben an jenem Abend aber eben gar nicht so viel bis gar keinen Alkohol getrunken -  So war es auch bei Anna*. 

 

 

pixabay
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„Nach einem halben Drink weiß ich nichts mehr“

 

„Ich war in einem Wiener Technoclub unterwegs und habe an diesem Abend einen einzigen Drink getrunken - eigentlich nur einen halben, weil es mir nach dem halben Getränk plötzlich nicht gut ging. Und ich habe schon oft viel mehr als einen Drink pro Abend getrunken, und weiß, wie es mir danach geht. Dieses mal war es irgendwie anders. Ich hatte ganz arge Kopfschmerzen und dann weiß ich nichts mehr.“ Anna* wurde daraufhin von ihrem Freund nachhause gebracht - am nächsten Tag hatte sie einfach ein totales emotionales Tief - sie will sich nicht vorstellen, was hätte passieren können, wenn sie nicht mit ihren Freunden unterwegs gewesen wäre. Sie hat eine ziemlich sichere Vermutung, wer ihr etwas ins Glas getan hat: Ein Veranstalter, der bekannt für derartige Szenarien ist, und der sich in ihrem weiteren Bekanntenkreis bewegt. Er dürfte das zum Spaß machen, ein Phänomen, das in der Wiener Clubszene nicht unbekannt ist. Sicher ist Anna* sich aber nicht, deshalb konnte sie auch niemanden anzeigen oder gegen ihn vorgehen. 

 

„Verurteilungen wegen Anzeigen zu sexueller Gewalt sind total selten“

 

„Verurteilungen wegen Anzeigen zu sexueller Gewalt sind total selten. Es kommt oft zu Einstellungen der Verfahren, und wenn es dann zu einer Hauptverhandlung kommt, wird der mutmaßliche Täter dann oft freigesprochen. Bei Fällen, in denen K.O. Tropfen involviert sind, kommt es noch dazu, dass die Frauen oft Erinnerungslücken haben, und nicht mehr genau beschreiben können, was vorgefallen ist.“ erfahre ich in einem Gespräch mit DSA Ursula Kussyk, Sozialarbeiterin im Verein für vergewaltigte Frauen und Mädchen in Wien.

 

„Es passiert, wenn Frauen sich wie Männer benehmen“

 

Genau diese Erinnerungslücken und daraus resultierenden emotionalen Vorwürfe sind ein wiederkehrendes Muster. „Das Interessante ist, dass es meist dann zu diesen Vorfällen kommt, wenn Frauen sich so benehmen, wie es Männer normalerweise tun. Also ausgelassen feiern, nicht ständig auf alles Acht geben und einfach ihr Leben leben.“, sagt Kussyk. Dabei ist dieses ständige „Aufpassen“, das Frauen immer eingebläut wird, auch keine Lösung. Opfer von K.O Tropfen kann man in beinahe jedem Setting werden. „Clubs sind nicht der einzige Ort, wo einem so etwas zustoßen kann, auch bei Hausparties gibt es genug Vorfälle, aber das bedenken viele nicht.“ Oft braucht es nicht mal eine Party, wie bei Naomi* : Sie hat vor zwei Jahren als Urlaubsvertretung an der Rezeption in einer Werbeagentur gearbeitet - ihr Chef kam auf sie zu und bat sie, sich mit ihm am Abend zu treffen um über ihre berufliche Zukunft zu reden. „Ich dachte mir damals schon, dass das ein wenig seltsam ist, da ich ja nur die Urlaubsvertretung war, aber was soll’s. Er wollte sich in einer abgetanzten Bar um die Ecke treffen - ich bestellte mir nur ein Cola, da das ja ein geschäftliches Treffen sein sollte. Er hat einen Longdrink getrunken. Das nächste, was ich weiß, ist eine kurze Szene, wie wir mit seinem Auto fahren - das nächste, wir sind bei ihm im Bett, er will mein T-Shirt ausziehen und zieht gerade eine Nase Koks. Da bin ich zu mir gekommen, habe mich losgerissen und bin weggelaufen. Am nächsten Tag war ich extrem daneben. Er hat im Endeffekt nichts gemacht, aber später habe ich erfahren, dass das seine Masche ist. Er macht das öfter bei Urlaubsvertretungen.“ Sie hat ihm mit einer Anzeige gedroht, er ihr damit, dass sein bester Freund einen hohen Posten bei der Polizei hat. So kam es nie zu einer Anzeige, sie wollte die Sache nur noch vergessen. 

 

„Das war kein Kater, das war anders“

 

Naomi* erinnert sich aber noch an den nächsten Tag, und wie dreckig es ihr da ging. Sie hatte ja nicht einmal einen Schluck Alkohol getrunken. Und den braucht es hierbei auch nicht. Man fühlt sich am nächsten Tag einfach nur grauenvoll. „Anders als nach Alkohol. Das war kein Kater, das war anders.“ - Das sagen alle Mädchen, mit denen ich gesprochen habe. Es fühlt sich anders an als ein Kater, nachweisen kann man K.O-Tropfen aber nur schwer: Im Blut und Harn geht es nur zwölf Stunden lang, eine Haar-Probe kann man länger machen, sie ist aber sehr teuer und wird erst bei einem Strafverfahren gemacht. „Und selbst wenn man dann nachweisen kann, dass das Opfer die Substanz im Körper hat, muss man für eine Verurteilung noch feststellen, dass es nicht freiwillig genommen wurde. Da kommt wieder das Problem mit den Erinnerungslücken der Frauen ins Spiel “, sagt Ursula Kussyk. Die Zahl der Anzeigen wegen Vergewaltigung unter Betäubungsmittel ist ohnehin gering, in den letzten Jahren waren es in Österreich nicht mehr als hundert registrierte Fälle. Denn: „Wenn es unter dem Einfluss zu sexuellen Handlungen kam, behaupten viele der angeklagten Männer, dass die Frau freiwillig mitgemacht hätte. Deshalb werden auch wenige wirklich verurteilt.“, so Kussyk.

 

KO Tropfen im Internet bestellen - geht das?

 

Genau das führt wieder zum Thema der Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, der Unsicherheit, des „Ich hätte das nicht machen dürfen“- Denkens. Das zeigt sich allein darin, dass alle Mädchen in diesem Artikel anonym vorkommen. Und die Namen der Täter nicht genannt werden. Das Thema ist immer noch ein riesen Tabu. Auch weil die Frauen eingeschüchtert sind und die Täter dabei ermutigt werden. 

Das Beunruhigende ist: Gibt man in google den Suchbegriff „K.O. Tropfen“ ein, erscheint als Suchbegriff nach „K.O. Tropfen Nachweisen, und „KO Tropfen Wirkung“ gleich weiter unten „KO Tropfen selber machen“ und „KO Tropfen im Internet bestellen.“ Es braucht nur ein paar Klicks, bis man an Webseiten gelangt, wo man jene Mittel bestellen kann. Der relativ leichte Zugang, die schwere Nachweisbarkeit und die gleichzeitige Verunsicherung der Opfer sowie die damit verbundene Machtausübung sind wohl der Reiz an der Sache. 

 

Das Opfer ist niemals Schuld 

 

Fakt ist: Wenn jemand etwas mit dir ohne deinen Willen macht oder dir ohne deinen Willen irgendwelche Substanzen verabreicht, dann ist das nicht in Ordnung und es ist auch nicht deine Schuld. Egal, ob du getrunken hast oder nicht, ob du dich freizügig gekleidet hast oder ob du allein in der Nacht unterwegs warst.  Die Opfer werden hier nur noch zu noch größeren Opfern, nämlich deren ihrer selbst. Und das muss aufhören.

 Dagegen gibt es bereits Maßnahmen: „Was viele nicht wissen, ist, dass wir kostenlose  juristische Prozessbegleitung bei Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung anbieten - sowie kostenlos einen Rechtsanwalt zur Verfügung stellen. Wir zeigen auch von selbst nicht an, wir begleiten die Frauen nur während und nach dem Prozess“, sagt Kussyk. Am besten wäre aber natürlich, wenn es nicht erst so weit kommen würde, dass solche Vorfälle überhaupt stattfinden. 

Ich werde euch keine Aufzählung mit „Lass dein Getränk nicht stehen, gehe Nachts nicht raus, trinke keinen Alkohol, rede nicht mit Fremden“ an dieser Stelle liefern. Die Geschichten in diesem Artikel zeigen, dass so etwas jedem passieren kann, egal in welchem Setting - Es geht jetzt darum, die Täter schärfer in Rechenschaft zu stellen, und merkt euch eins: das Opfer ist niemals selber schuld. 

 

 

NotrufBeratung für Vergewaltigte Frauen und Mädchen
Tel:  01523 22 22
1170 Wien - Rötzergasse 13/8

 

*Namen von der Redaktion geändert

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