Kopftuch-Debatten oder: „Und täglich grüßt das Murmeltier“

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Kücükgöl
Katharina Roßboth

Im Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" aus den 90ern spielt Bill Murray einen Mann, der in einer Zeitschleife gefangen ist: Jeden Tag erlebt er den vorigen Tag wieder. Während alle anderen immer wieder dieselbe Rolle spielen, ist er der Einzige, der sich der Wiederholung bewusst ist. Nach einigen Tagen weiß er, wem er begegnen wird, wer was sagen wird, wann was passieren wird. Anfangs ist er nur genervt, dann aggressiv und noch später belustigt und probiert neue Handlungsmuster aus. Aber egal, was er macht, wacht er immer wieder zum selben Tag auf.

Ähnlich fühle ich mich inzwischen in jeder Kopftuch-Debatte. Immer wieder kommen irgendwelche Akteure mit immer gleichlautenden Phrasen. Von mir als öffentlich präsenter Muslimin wird erwartet, Rede und Antwort zu stehen, mich zu diesen Forderungen zu äußern. Aber ganz ehrlich: Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll.

Es geht um persönliche Freiheit

Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es lustig. Wenn ich nicht die Einschränkung meiner persönlichen Freiheit auf die Wahl meiner Kleidung fürchten müsste, könnte ich vielleicht lachen. Wenn ich nicht Angst davor hätte, durch Zwangsentschleierung erniedrigt und entblößt zu werden, könnte ich einfach abwarten bis auch diese Debatte vorbeizieht wie andere davor. Aber so ertappe ich mich wieder beim Erklären und bin genervt von meinen eigenen Wiederholungen. Ich bleibe auch nur mehr beim Grundsätzlichen, bei dem, was jedem Menschen einleuchten müsste:

Jeder Mensch hat das Recht die Grenzen des eigenen Körpers so zu ziehen, wie er es möchte. Für mich ist das Kopftuch nicht nur religiöse Praxis, sondern auch ein Kleidungsstück, das ich zur Bedeckung meines Körpers nutze. Diese Grenzen sind bei Menschen unterschiedlich, selbstgesetzt - und das ist zu respektieren. Ich habe nicht das Recht meine gefühlten, körperlichen Grenzen auf andere Menschen umzulegen, so wie andere nicht das Recht haben, ihre Maßstäbe auf mich umzulegen. Was für mich zu wenig oder zu viel Bekleidung ist, kann für andere ganz anders sein.

Verantwortungslose und gefährliche Wortwahl

Heinz Faßmann, Vizerektor der Uni Wien und Vorsitzender des „Expertenrates für Integration“ hat am Donnerstag, nur einen Tag vor Sebastian Kurz, ein Kopftuchverbot im staatlichen Dienst gefordert und argumentierte mit dem „neutralen Auftreten“ des Staates[1]. Mir ist es völlig unverständlich, warum kein Kopftuch weniger oder mehr neutral sein soll als ein Kopftuch. Heißt das umgekehrt nicht auch, dass ich als Frau mit Kopftuch kein neutrales Verhalten von Staatsbediensteten oder einer Richterin ohne Kopftuch erwarten kann? Eine solche Geisteshaltung halte ich für eine gefährliche Spaltung unserer Gesellschaft entlang Religionsgrenzen.

Dass ausgerechnet Sebastian Kurz, der bis jetzt einen erfrischend unverkrampften Umgang mit dem Kopftuch[2] pflegte, sichtbare Musliminnen auch als Integrationsbotschafterinnen[3] eingesetzt und damit in der Community Sympathien gewonnen hatte, plötzlich ein Kopftuchverbot fordert, überrascht: „Weil es dort um Vorbildwirkung und ein Einflussnahme auf junge Menschen geht[4].“ Offensichtlich merkt Sebastian Kurz nicht einmal, wie gefährlich und verantwortungslos seine Wortwahl ist: Denn wenn er junge Menschen vor der „Einflussnahme“ einer Frau schützen möchte, die ein Kopftuch trägt, kriminalisiert er sie und erklärt sie zur Gefahr. Er zeigt mit dem Finger auf Frauen, die bereits zur Genüge zur Zielscheibe von Gewalt und Diskriminierung sind[5].

Ich hatte in meiner Schulzeit viele sehr gute Lehrerinnen und Lehrer, aber ich kannte auch welche, die aus ihrer Haltung zur Politik oder Religion keinen Hehl gemacht haben – das ging ganz ohne Kopftuch: LehrerInnen, die in der Schule mit ihrer rassistischen oder islamfeindlichen Haltung bekannt und unfair waren. Sind sie „neutral“ oder „vorbildhaft“, nur weil sie kein Kopftuch tragen? Macht die Kleidung eine gute Lehrerin oder macht das ihr Unterricht?

 

Es gibt in Österreich bereits ausgewogene, juristische Standpunkte

Ich frage mich: Wohin führt diese Debatte? Es gibt in unserem Land bereits ein sehr gutes OGH-Urteil zum Kopftuch aus dem letzten Jahr – mit Bezug zur Europäischen Menschenrechtskonvention[6]: Darin wird klargestellt, dass ein Verbot des Kopftuches eine Einschränkung der Menschenrechte darstellt. Nach fast 15 Jahren Rechtsstreit haben auch die Höchstrichter in Deutschland endlich entschieden, dass ein Kopftuchverbot für Lehrinnen nicht vereinbar mit der Verfassung ist. Studien belegen, dass die Repräsentation von Minderheiten im Lehrpersonal wichtig und gut das Schulklima[7] ist. Es ist schade, dass das gute Klima in Österreich nun ausgerechnet von einem Integrationsexperten und dem Integrationsminister vermiest werden. Eine solch verantwortungslose Politik irritiert nicht nur, sie macht mir auch Sorgen. Ich wünsche mir, dass sich zumindest verantwortungsbewusste EntscheidungsträgerInnen, aber auch BürgerInnen zu Wort melden und wir nicht noch öfter zur immer gleichen Kopftuch-Debatte aufwachen.

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Kommentare

 

Kopftuchtragende auf der Strasse zeigt doch damit nur was sie vom Gastland und der hiesigen Gesellschaft hält: Nämlich gar nichts, ausser natürlich den üppigen Sozialhilfegeldern!

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