Würdest du dich neben einen Obdachlosen setzen und mit ihm essen?

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Es ist erst 16 Uhr, als mein Magen anfängt zu knurren. Ich bin ein wenig krank und faste heute nicht. Mein Blick fällt auf den nächsten Ströck in der Nähe, ich gehe aber weiter. Denn viel Zeit bleibt mir nicht, ich muss schnell zum nächsten Laden. Außerdem bin ich schon knapp bei Kasse und muss unbedingt noch meine Einkäufe erledigen. Bevor ich die Tür des Geschäftes öffne, erblicken meine Augen einen alten Mann. Zerfetzte Kleidung, schmutzige Hände und ein übler Geruch.  Er wühlt im Mist rum. Ich ignoriere ihn und gehe trotzdem hinein. Drinnen such ich mir schnell, was ich alles brauche. Ich steh an der Kassa und zähle das Geld, hoffentlich geht es sich aus. Mein Magen knurrt wieder, aber diesmal denke ich nicht an mich. Mir fällt der alte Mann ein, der da draußen vergeblich nach Essen sucht.

Als mein Magen zum ersten Mal heute knurrte, dachte ich an das Geld, das ich jetzt nicht für Essen ausgeben kann, weil ich es noch brauche. Und das war keinesfalls ein Problem, denn Zuhause gibt es Gott sei Dank immer genug zu essen. Ich würde niemals im Müll nach Essen suchen. Wie verzweifelt muss man sein, wie hungrig muss man sein, um diesen Schritt zu wagen?

„25,90“. So wurden meine Gedanken von der Kassiererin unterbrochen. Ich sehe sie an und bitte sie, eines der Dinge, die ich kaufen wollte,  zurückzubringen. Danach nehme ich mein Zeug und laufe raus zum Ströck. Ich kaufe zwei große Käsebrote mit dem Geld, das ich noch habe und suche diesen alten Mann. Er steht vor mir, in seiner Hand lauter Müll. Ich sehe zu ihm und gebe ihm das Brot. Er sieht mich dankend an und setzt sich. Ich setze mich neben ihn und packe auch mein Brot aus. Der Geruch stört mich kaum, auch nicht die schmutzige Kleidung oder seine Hände, die er kurz auf meine Schulter legt. Wir sprechen kaum, hin und wieder sieht er mich lächelnd an und isst weiter.

 

Wir werden egoistisch geboren, sehen uns meistens immer an erster Stelle, was nicht falsch ist. Aber manchmal bringt uns das dazu, dass wir vergessen, auf andere zu achten. Wir ekeln uns vor einem Menschen, der stinkt und nicht gepflegt aussieht. Fragen uns aber nie, was ihn dazu getrieben hat und ob wir helfen können. Wir sehen zu, wie jemand im Mist wühlt, um etwas zu essen zu bekommen. Uns genügen dann Worte wie „Oh, wie arm oder wie kann man nur aus dem Müll essen?“ Wir hinterfragen nicht, wir trauen uns auch nicht, diesen Menschen näher zu kommen. An diesem Tag habe ich es aber gewagt, einem Bedürftigen näher zu kommen. Er sprach kaum mit mir, aber ich habe mich weder geschämt noch geekelt neben ihm zu sitzen. Ich genoss diese Minuten, denn ich wusste, sie sind sicher etwas wert. 

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