„Milliardäre sind die wahren Wirtschaftsflüchtlinge“

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SPÖ
Sebastián Bohrn Mena kandidiert für die SPÖ bei der kommenden Wien-Wahl. Foto: Privat

Sebastián Bohrn Mena kandidiert für die SPÖ bei der kommenden Wien-Wahl. Mediale Aufmerksamkeit bekam der 30-Jährige Austro-Chilene mit einem offenen Brief an die SPÖ-Parteispitze. Darin bedauert er, dass manche Sozialdemokraten ihre wahren Werte aus den Augen verloren haben und sie lediglich der Machterhalt interessiere. biber sprach mit ihm über den Zustand der SPÖ, was die ÖVP und FPÖ bei jungen Wählern besser machen und warum Österreich mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte. 

biber: Damit die Leser einen Eindruck von dir bekommen. Erzähl wer du bist.

Sebastián Bohrn Mena: Geboren und aufgewachsen bin ich in Wien-Penzing. Meine Mutter flüchtete 1975 aus Chile nach Österreich, weil sie und ihre Familie politisch verfolgt wurden. Mein Großvater war ein sozialistischer Landeshauptmann unter dem damaligen Ministerpräsidenten Salvador Allende. Nach dem Militärputsch durch Augusto Pinochét, wurde mein Großvater 2 Jahre in ein Konzentrationslager gesteckt und gefoltert. Danach konnte er mit meiner Mutter und ihren Geschwistern nach Österreich fliehen und bekamen Asyl. Mein Vater ist ein gebürtiger Wiener. Meine Eltern haben sich dann im Psychologiestudium kennengelernt und sich hier ein Leben aufgebaut.

Was sind deine politischen Kernthemen?

Aktuell beschäftige ich mich sehr stark mit Themen wie Menschenrechte, Tierrechte und mit der Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Warum ich mich mit diesen Bereichen auseinandersetzte, liegt für mich auf der Hand: Grundlage jeglicher Missstände auf der Welt ist die ungleiche Vermögensverteilung. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass am Anfang oder Ende jeder Menschenrechtsverletzung der Kapitalismus und seine Verwertungslogik dahinter stecken. Es geht ihm grundsätzlich darum, alles bis in den letzten Lebensbereich zu ökonomisieren, um daraus Profit zu machen. Dies geschieht auf Kosten von Menschen, die ausgebeutet und entrechtet werden.

Du trittst bei der kommenden Wien-Wahl für die SPÖ an und befindest dich auf dem 75. Listenplatz. Wie hoch schätzt du deine Chance ein, dass du in den Gemeinderat gewählt wirst?

Ich brauche 10.000 gültige Stimmen, damit ich fix in den Gemeinderat gewählt werde. Ich muss mit den Menschen viel sprechen und ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Deswegen finde ich den Vorzugsstimmenwahlkampf so spannend. Ich möchte nicht auf einen fixen Listenplatz, ohne vorher den Kontakt zu den Wählern gehabt zu haben. Ich bin in die Politik gegangen, damit ich meine Meinung offen sagen und mir selbst treu bleiben kann. Das sollen die Menschen erfahren, um darauf reagieren und mit mir in den Dialog treten zu können.

Können junge Menschen wie du in der SPÖ überhaupt etwas bewirken?

Ja. Ich glaube einfach, dass man mutig sein und sich trauen muss, etwas in Gang zu setzen. Der Auftrag von jungen Kräften sollte es sein, bestehende Prozesse und Systeme zu hinterfragen. Das Problem ist ja nicht, dass es keine politisch engagierten jungen Menschen gibt. Der Punkt in der Politik generell ist, dass nur wenige von ihnen offen ihre Meinung sagen, vielleicht aus Furcht vor Konsequenzen. Die Folge ist, dass wir in der Politik viel zu wenig sichtbar sind und von den Parteien kaum dargestellt werden.

Du hast einen öffentlichen Brief an die SPÖ-Spitze geschrieben. Darin heißt es, dass manche in der Partei ihre sozialdemokratischen Werte kaum noch vertreten und nur noch an dem Machterhalt interessiert seien. Wie hat die Partei darauf reagiert?

Natürlich gab es Funktionäre, die nicht erfreut über so viel Offenheit waren. Doch wahnsinnig viele Genossen und Genossinnen aus ganz Österreich haben sich bei mir gemeldet und mir zu dem Brief gratuliert. Viele von ihnen schilderten mir, dass sie seit 30 oder 40 Jahren in der SPÖ sind und sich in den letzten Jahren kaum noch von der Partei vertreten fühlten. Ich gäbe ihnen die Hoffnung wieder, dass es nach wie vor mutige Menschen in der SPÖ gibt, die Fehlentwicklungen ansprechen.

Eine kürzlich erschiene Umfrage des STANDARD ergab, dass die SPÖ bei jungen Wählern ganz unten liegt. Was muss die SPÖ tun, um Jugendliche zu erreichen?

Ich glaube Identifikationsfiguren spielen eine größere Rolle als Themen. Die SPÖ tut viel für junge Menschen, schafft es aber nicht ihre Themen zu kommunizieren. Das liegt einfach daran, dass sie zu wenige Identifikationsfiguren hat, die von Jugendlichen wahrgenommen werden. Die Wähler, die in den Gemeindebauten sitzen und zur FPÖ wandern, sind unsere Leute. Sie fühlen sich vernachlässigt und sind enttäuscht von uns. Deswegen müssen wir bei Ihnen an die Tür klopfen und ihnen zuhören. 

Was machen ÖVP und FPÖ bei den jugendlichen richtig?

Die ÖVP hat es geschafft mit Sebastian Kurz eine Marketingshow zu inszenieren. Meiner Ansicht nach macht Kurz keine junge Politik und spricht seit fünf Jahren wie jemand, der seit 40 Jahren ein Politiker ist. Als Außenminister hat er aber die Möglichkeit mit Akteuren wie John Kerry aufzutreten und Ansehen zu bekommen. Man bekommt einen Eindruck vermittelt, dass man es in so jungen Jahren weit bringen kann. Das kommt bei jungen Menschen gut an. Die FPÖ dient den Leuten als Verstärker ihres Protests. Strache schafft es die „Nicht-Wahrgenommenen“ auf den Radarbildschirm zu bringen. Natürlich inszeniert er sich auch als junger draufgängerischer Typ, der auf Partys geht und den Mächtigen in den „Arsch“ tritt. Doch wenn die Wähler wüssten, dass Strache für eine neoliberale Wirtschaftspolitik steht und eigentlich das Gegenteil von dem will, was er nach Außen verspricht, dann würden sie ihn nicht mehr wählen.

Bedeutet das, dass die österreichische Politik eher von Personen als von Inhalten dominiert wird?

Nicht grundsätzlich, denn Inhalte spielen eine wichtige Rolle in der Politik. Aber sie werden in Österreich auf einer emotionalen Ebene vermittelt. Man kann das mit der Werbung von Produkten vergleichen. Wenn ein Fleischprodukt mit einem glücklichen Schwein auf einem grünen Feld geworben wird, dann ist es eine inszenierte Marketingshow. Das passt mit der Realität nicht zusammen, aber trotzdem kommt das beim Konsumenten gut an. So läuft es auch mit politischen Botschaften.

Ein anderes Thema: Die Flüchtlingsthematik dominiert zurzeit die mediale Berichterstattung. Die Regierungsparteien scheinen überfordert zu sein und auch hier profitieren am meisten die Freiheitlichen. Welche Ansätze verflogst du in der Flüchtlingspolitik?

Zunächst gehört klargestellt, dass es sich hier um ein Menschenrecht handelt. Wenn Menschen in Österreich Schutz suchen, sollen sie ihn auch bekommen. Dass wir mit einer vergleichsweise geringen Anzahl an Menschen so überfordert sind, ist nicht auf ein Ressourcenproblem zurückzuführen. Vielmehr steckt ein politisches Kalkül dahinter. Man will die Situation eskalieren lassen, um einen für die Flüchtlinge abschreckenden Zustand zu erreichen. Das Innenministerium plakatiert in den Herkunftsländern der Flüchtlinge „Kommt nicht nach Österreich.“ Der österreichischen Bevölkerung soll vermittelt werden, dass wir nicht mehr in der Lage seien, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Das können wir jedoch allemal.

Siehst du grundsätzliche Unterschiede zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politisch Verfolgte?

Ich finde es willkürlich eine Differenzierung zwischen Leuten zu machen, denen eine Pistole an den Kopf gehalten wird und Menschen, die quasi eine Pistole im Magen haben. Es ist scheinheilig zu erklären, dass die sogenannten Entwicklungsländer sich um sich selbst kümmern müssen, wenn wir mit unserer Wirtschaftspolitik ihre Wirtschaft kaputt machen. Meiner Ansicht nach sind die wahren Wirtschaftsflüchtlinge Milliardäre und Unternehmen, die uns jedes Mal mit der Abwanderung ins Ausland drohen, wenn wir ihr Vermögen antasten wollen.

Deine Familie ist selbst einst aus Chile nach Österreich geflüchtet. Kannst du darstellen, wie die Empfangskultur damals im Vergleich zu heute war?

Ich war damals nicht auf der Welt, deswegen kann ich nur das erzählen, was mir meine Eltern erzählt haben. An Tagen wie diesen, reden wir oft über die früheren Verhältnisse. Mein Großvater konnte von Chile aus einen Asylantrag für Österreich stellen. Die Bereitschaft Verfolgten zu helfen und sich mit ihnen zu solidarisieren war groß. Manfred Nowak hat mir einst erzählt, dass die Situation in Chile der Grund war, warum er Menschenrechtler geworden ist. In Österreich wollte man eine globale Verantwortung übernehmen. Ich glaube das ist heute verloren gegangen. Dafür mache ich die gegenwärtigen politischen Akteure verantwortlich.

„Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen.“, oder „Wir sind nicht das Weltsozialamt.“ Wie reagierst du auf solche Aussagen?

Ich habe nicht das Gefühl, dass es darum geht die ganze Welt aufzunehmen. Aber ich glaube, dass wir europaweit wesentlich mehr Kapazitäten haben und sie noch lange nicht erreicht sind. In Europa leben 500 Millionen Menschen. Man kann mir nicht erzählen, dass man 500.000 Menschen keinen Schutz bieten kann. Gleichzeitig müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen können. Kein Flüchtling möchte fliehen. Niemand kommt freiwillig hierher. Es ist ja nicht so, dass sich die Leute in Uganda oder sonst wo zusammensetzen und sagen, wir wollen nach Österreich und machen uns ein schönes Leben. Die wollen bei ihren Familien und Freunden bleiben und lieben ihr Land genauso, wie wir unser Land lieben. Aber wenn ich nichts zum Essen habe, meine Religion nicht ausleben kann und keine Aussicht auf eine Schulbildung besitze, dann würde ich auch überlegen, wo ich oder meine Kinder das bekommen können.

Zum Abschluss: Du setzt dich für Tierrechte ein. Welchen Nutzen hätte eine mehrheitlich vegetarische und vegane Gesellschaft?

Es hätte einen positiven Nutzen für die gesundheitliche, individuelle und ökologische Ebene. Wir wissen, dass übermäßiger Fleisch- und Milchkonsum schädlich für die Gesundheit ist. Der Haupteinflussfaktor für den Klimawandel  - noch vor dem Individualverkehr, vor dem Flugverkehr und vor dem Transportwesen – ist die Fleischproduktion. Auch deswegen findet in anderen Ländern „land grabbing“ statt, wo Regenwälder gerodet werden, weil wir Soja für die Fleischproduktion brauchen. Das ist der ökologische Aspekt. Nicht zu vergessen ist die individuelle Ebene, also die Frage der Ethik. Wie viel Tierleid sind wir bereit für unsere Ernährung in Kauf zu nehmen? Wir brauchen kein Fleisch zum Überleben. Es ist jedermanns persönliche Entscheidung, wie er sich ernähren will. Mein Anliegen ist es, diesen Diskurs auf die politische Ebene zu bringen, eben aufgrund der vielfachen Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Sebastián Bohrn Mena (30) ist Wiener mit lateinamerikanischen Wurzeln. Er ist studierter Ökonom und Migrationsforscher und arbeitet beruflich als Volksbildner. Bei den Gemeinderatswahlen am 11. Oktober kandidiert er für die SPÖ auf der Landesliste und führt einen wienweiten Vorzugsstimmenwahlkampf.

Siehe auch:

Offener Brief eines SPÖ-Politikers

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