„Frauen sind die besseren Männer“

Bild aus dem biber Magazin

Frauen & Technik: Firmen ringen mit Händen und Füßen um die weibliche Brainpower, selbst Männer schwärmen vom Tech-Geschick der Damen. Trotzdem zögern die Mädels in Österreich noch. Warum eigentlich?

Wenn Salma Easmikhan morgens zur Arbeit fährt, hat sie immer zwei dicke Wälzer dabei. „Nie ohne mein englisches und bengalisches Wörterbuch“, sagt die 31-Jährige aus Bangladesch. Schließlich geht’s bei ihr tagtäglich um die hohen Gesetze der Physik: Wie funktionieren Strom und Widerstand? Worauf muss sie beim Gewindeschneiden achten und was zum Kuckuck ist ein „Vorhängeschloss“? Salma will das genau verstehen, denn sie wird Elektrotechnikerin.

Salma ist eine der wenigen Frauen in Österreich, die sich für eine technische Ausbildung entschieden hat. Denn nur jede Fünfte wagt den Schritt in die Männerdomäne, denn noch immer gilt das Klischee: „Frauen und Technik?! Das kann ja nicht gut gehen!“

 

Scheine statt Blüten

Von wegen. Firmen und Konzerne ringen um die weiblichen Tech-Genies, Förderungen lauern hinter jeder Ecke – wie etwa die lustige Initiative „1000 Euro statt Blumen“, wo der Elektroverband FEEI und die technischen Fachhochschulen Wien und Kärnten die fünf besten Studentinnen mit Scheinen statt Blüten belohnen. Auch bei  A1, Infineon, Verbund oder Siemens werden die Damen heiß umworben. 52 Prozent der Weltbevölkerung sind schließlich weiblich – es braucht die östrogene Brainpower.

Für Helmut Schroll, Ausbildungsleiter der Siemens AG, gilt sogar: „Frauen sind die besseren Männer.“ Weil sie von Natur mehr Feinfühligkeit und Feinmotorik mitbrächten – was gerade für Montagearbeiten nützlich sei. Daher ist man im Siemenshaus auf das Projekt „Frauen in die Technik“ besonders stolz. In Kooperation mit dem AMS wird Damen gleich welcher Altersgruppe und Herkunft die Möglichkeit geboten, über den sogenannten zweiten Bildungsweg in die Tech-Welt einzusteigen – und nochmal richtig Karriere zu machen. Denn nirgends sonst sind Aufstiegs und Karrierechancen so gut wie in den naturwissenschaftlichen Jobs.

 

Weiblich, migrantisch, technisch

Mehrsprachigkeit ist besonders von Vorteil – gerade wenn „Frau“ in internationalen Konzernen arbeitet. Trotzdem haben es Frauen mit Migrationshintergrund in Österreich oft doppelt schwer. „Häufig haben zugewanderte Frauen in ihrer Heimat eine Ausbildung gemacht, die bei uns nicht angerechnet wird. Die EU-Richtlinien sind sehr streng. Oder sie mussten ihre Lehre abbrechen, weil ein Kind unterwegs war. Jede bringe da ihre eigene Geschichte mit“, erzählt Schroll.

So wie Salma. Sie hat in Bangladesch Chemie studiert, ihr Lieblingsfach. Abschließen konnte sie es jedoch nie, aus persönlichen Gründen. Stattdessen wurde sie Kindergartenlehrerin und wollte das in Österreich weiterverfolgen, doch Fehlanzeige: Nicht nur, dass die Deutschkenntnisse bei weitem nicht reichten, um als Pädagogin zu arbeiten, Salma war auch zu „unsportlich“. Glück im Unglück für sie: In der Ausbildung zur Elektronikerin braucht’s weder Sprachraffinesse noch Fitness. Hier kann sie ihrer alten Liebe frönen und von morgens bis abends „logisch-Denken“, wie sie erzählt.

Auch Mariam Kaskandelov fühlt sich an der Werkbank pudelwohl. Während sie an einem „Kontaktsegment feilt“, erzählt die 32-jährige Armenierin und ebenfalls ausgebildete Kindergartenlehrerin, dass sie bei ihrem zweiten Einstieg in die Berufswelt unbedingt etwas ganz anderes machen wollte: „Nichts für Frauen!“ Ihre Kollegin an der Nachbarbank, Josephine Akpam Imanlemen aus Nigeria, weiß, wovon Mariam spricht. Josephine arbeitet gern in der Männerdomäne. Insgesamt 10 Jahre war sie in der Gasindustrie zuletzt als Abteilungsleiterin. Doch als es darum ging, zwischen permanenten Wochenendschichten und ihrer Tochter zu entscheiden, stieg sie aus und begann die Ausbildung bei Siemens.

 

No-Go Nachtschicht

Für Frauen mit Kindern sind Nachtschichten oder Wochenendeinsätze No-Goes. Das weiß auch Helmut Schroll von Siemens. „Seine“ Frauen sind meistens alleinerziehende Mütter, zwischen 25 und 45 Jahre alt, mit zwei Kindern zu Hause und Schulden auf der Bank. Wenn sie um 7.30 Uhr anfangen und ihren Tag um 16.20 Uhr beenden, haben sie nicht selten Stress, noch pünktlich das Kind abzuholen. Mehr als einmal musste Schroll sich schon einschalten und im Kindergarten anrufen, um die Lage zu richten.

Trotz Sprachbarrieren und Kind daheim: Salma, Josephine und Mariam werden gute Chancen haben, nach ihrer Ausbildung einen gut bezahlten Job zu bekommen – bei Siemens oder woanders.

 

Österreich: Technik ist unweiblich

Bis die Technik in Österreich weiblich wird, ist es aber noch ein langer Weg, denn die traditionellen Rollenbilder sind fest in den Köpfen verankert. Schade, aber je mehr Frauen wie Salma leuchtende Augen bekommen, wenn es ums Löten, Fräsen und Schweißen geht, umso schneller werden verstaubte und fade Klischeebilder verblassen.

 

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Nachgefragt …

… bei Dr. Petra Korica-Pehserl (29, gebürtige Kroatin), Technical-Evangelist bei Microsoft

 

Was fasziniert Sie an „Computer Science“?

Vieles. Ich finde neue Technologien prinzipiell interessant – vor allem die Interaktion mit Computern. Ich denke, dass die Technologie die Welt verbessert. Mithilfe von Computer Science kann ich „Patterns“, also Muster in den Daten finden, was ohne Computer niemals oder nur sehr langsam möglich wäre. Das kann beispielsweise in der Medizin oder auch im Katastrophenschutz genutzt werden.

In Ihrem Lebenslauf fällt das Wort „Robot“ – entwickeln Sie Roboter?

Ja, nachdem ich eigentlich eine Tierhaar-Allergie habe und meine Fische sehr unkommunikativ sind, musste ich mir einen Roboter entwickeln. OK, das ist halb-wahr! Ich habe in meiner Masterarbeit einen Roboter-Kopf entwickelt, der sieben fundamentale Gesichtsausdrücke darstellen kann. Der Roboter hatte Kameras in den Augen und konnte auch dieselben Geschichtsausdrücke an einem Menschen erkennen. Ich habe Studien über autistische Kinder gelesen, denen die Interaktion mit Robotern geholfen hat.

 

 

Waren Sie schon immer tech-affin, auch in Ihrer Kindheit?

Oh ja, als ich 12 war, hat sich mein Vater einen Computer gekauft. Nachdem ich ihn zusammenbauen durfte, kam der Wunsch, ihn gleich wieder zu zerlegen. Ich wollte einfach sehen und wissen, wie er funktioniert. Danach kam das Programmieren. Ich habe ein triviales Datei-Explorer Programm in QBasic entwickelt und es auf rosa Disketten in der Schule verteilt. Peinlich, nicht wahr?

Waren Sie als Frau eine Außenseiterin im Studium?

Leider schon, wir waren rund 20 Mädchen bei meinem Studium an der TU Graz. Das waren ca. 10 Prozent. Allerdings habe ich mich nie als Außenseiterin gefühlt, dort war es egal, ob man Frau oder Mann ist.

Wurde Ihnen die Computerliebe daheim in die Wiege gelegt? Warum sind sie aus Zagreb nach Wien gekommen?

Nein, ich bin die einzige „Computer-Frau“ in der Familie. Meine Eltern sind Ärzte. Ich sehe das so: Sie sind „Menschenärzte“ und ich bin eine „Computer- Ärztin“! In Graz habe ich studiert, aber danach bin ich nach Wien gezogen, weil es eine internationale und moderne Multi-Kulti-Hauptstadt ist und ich dort mehr Berufschancen für mich sah.

 

 

 

von Delna Antia und Michele Pauty (Foto)

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