„Ich lade 15 Leute zu meiner Hochzeit ein“



Wer vom Balkan, der Türkei oder anderen Ländern kommt, wo das Hochzeitsfest fast ein ganzes Dorf beherbergt, dem wird der Satz einer österreichischen jungen Frau vollkommen seltsam vorkommen.
„Ich lade 15 Leute zu meiner Hochzeit ein“

Karina, 24, verlobt, wird in Kürze heiraten. Ich sprach mit ihr das letzte Wochenende, als sie die Taufe meiner Nichte besuchte. Wir kamen ins Gespräch und sie fragte neugierig, woher denn diese 60 Gäste kommen, die auch zur Taufe eingeladen sind.
So viele Leute kennt sich doch gar nicht, geschweige denn, dass sie 60 Leute zu ihrer bevorstehenden Hochzeit einladen könnte.

 

Und so fing der Vergleich der Kulturen zwischen uns beiden an.

Karina:
Bei uns ist es üblich, dass der Brautvater die Hochzeit bezahlt. Und mein Vater ist ein einfacher Arbeiter, der mir gesagt hat, dass ich keine große Hochzeit haben kann, weil er sich das nicht leisten kann. Außerdem sind viele meiner Verwandten zerstritten. Wenn der eine eingeladen wird, kommt der andere nicht, weil er nicht am selben Fest sein will.
Und dann die Kosten.

 

Ivana:
Bei uns finanziert sich die Hochzeit von allein. Geldkuverts sind üblich als Geschenk. Wer braucht schon irgendwelche materiellen Dinge, die eh keiner braucht. Und bei uns geht es auch um eine Schuld, die man ableisten muss. Die Eltern sind zu der Tochter der Nachbarn gegangen, haben Geld gegeben. Somit verpflichtet sich der Nachbar auch zu dir zu kommen, um dir die Schuld abzuzahlen.
So kann es sein, dass 400 , 500, oder sogar 1000 Leute auf einer Hochzeit sind. Vor allem, wenn die Hochzeit unten im Heimatort veranstaltet wird, wo die Nachbarschaft bei der Vorbereitung mithilft. Kuchen werden von den Nachbarinnen gebacken. Die Männer bereiten das Fleisch vor und viele andere Gefälligkeiten mehr.
Und eine genaue Gästelist gibt es „unten“ auch nicht. Man kommt eben in Begleitung und feiert mit.

 

Karina:
Bei uns gibt es Geschenklisten, welche die Brautleute meistens in den Möbelhäusern aufstellen. Dann suchen sie sich Sachen aus, die sie brauchen und die Gäste gehen sich dort aussuchen, was sie schenken wollen.

 

Ivana:

Das ist doch Blödsinn. Dann kauft einer ein Messerset und dem anderen bleibt dann nur die teure Mikrowelle?
Geld ist besser. Damit kann man dann machen, was man will.

Karina:
Bei uns ist es nicht so in der Mentalität, dass wir alle Leute einladen, die wir kennen. Ich finde es schade. So wie ihr das macht, klingt das so, als ob sich die Hochzeit von allein finanziert.

 

Ivana:

Ja stimmt. Die ganzen Kosten kann man danach begleichen. Essen nach der Hochzeit, Musiker nach der Hochzeit, Saal nach der Hochzeit. Und dann bleibt immer noch genug übrig, um eine nette Hochzeitsreise zu finanzieren. Mein Cousin kaufte sich danach noch ein neues Auto.
Je größer die Hochzeit, desto mehr Kohle.

Karina:
SO hab ich's noch gar nicht gesehen. Ich hab gedacht, dass bei euch auch der Brautvater alles zahlt.

 

Ivana: Den Brauch gibt es sehr wohl, dass die Braut von zuhause abgeholt wird und dort die Gäste auch bedient werden. Die Familie der Braut gibt allerdings ihre Geldgeschenke schon bei der Abholung der Braut ab. Man kann dann mit dem Vater ausmachen, ob man die Kosten übernimmt und wie viel er gibt. Meistens geben die Eltern allerdings auch lieber das Geldkuvert. Dafür sind aber dann paar Tausend Euro drin. Je höher der Familienrang, desto mehr gibt man.
Ich sage es jetzt ca.:
2000 Euro von den Eltern. Manchmal mehr, manchmal weniger.
500 Euro die Onkel und Tanten.
100 Euro weiter entfernte Verwandte und sehr gute Freunde.

50 Euro von Nachbarn und sonstigen geladenen Gästen.

Das ist allerdings nur ungefähr gesagt.

 

Karina:

Klingt logisch, warum dann alle so große Hochzeiten machen. Aber was ist mit den Familienmitgliedern, die zerstritten sind? Bei mir können sich viele nicht leiden. Vor allem die Familie väterlicherseits mit der Seite der Mutter.

 

Ivana:
In der Öffentlichkeit wird doch bei uns das Gesicht gewahrt. (lacht innerlich) Bei Feiern tut man so, als ob nichts wär. Die Nachbarn sollen doch nicht denken, dass man sich nicht vertragen kann. Da wird zusammen gehalten. Und Hochzeiten sind heilig. ;)
Außerdem finde ich, dass die Österreicher eine ganz andere Streitkultur haben. Viele sind so vornehm zurückhaltend. Diese typische Bussi-Bussi-Gesellschaft. Zwar höflich bleiben, aber dennoch an'gfressn sein. Die Österreicher gehen nicht so aus sich heraus und hauen auf den Tisch, wie bei uns.
Bei uns schreit man sich an, beschimpft sich gegenseitig, beleidigt ab und zu die Mutter des anderen. Aber dann ist es raus.
Irgendwie verträgt man sich ja leichter. Oder tut zumindest so, als ob man sich wieder vertragen hat.

Und wenn dann noch irgendwas juckt, dann erzählt man es bei den Nachbarn hinter dem Rücken und schafft somit neues Tratschthema.

Den Österreichern würde es vielleicht gar nicht so schlecht tun, dass sie öfter schreien. So mancher Frust wär dann rausgeschrien, oder nicht?

 

Karina:
Ich werd es versuchen. Wer weiß, wie die dann reagieren, wenn sie das Geschrei nicht gewöhnt sind. (lacht)

 

 

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Langweilig

Also wenn man euch Bosniaken und Türken immer so erzählen hört könnte man meinen, dass bei euch eh alles viel toller ist als bei uns. Ihr seid viel glücklicher, eure Familien sind viel genialer und bei uns ist eh alles mies.


Wenns denn so ist, warum seid ihr dann hier? Warum nicht im ach so genialen Heimatland?


 


Ich bin ehrlich und sage einfach mal, dass bei uns die Hochzeiten nicht nach dem Motto "Jetzt muss hier aber jeder des Dorfes mitfeiern, damit wir die Hochzeit überhaupt finanzieren können und es keinen Mord und Totschlag gibt".


Bei uns geht das Ganze nach Sympathie und Freundschaft, hinzu kommt die große oder kleine Familie. Bei mir sind das 2 Geschwister mit Anhang, Tanten, Onkeln, Eltern, Schwiegereltern, Schwager, Schwägerin mit Anhang, Großeltern, beste Freunde, Patentante, Patenonkel etc. Wir kommen auf gut 50 Menschen, wobei wir zu jedem Einzelnen direkten Kontakt haben und uns eng verbunden fühlen. Natürlich kann man auch Nachbarn einladen wenn man mit ihnen befreundet ist, aber warum sollte man jeden x-beliebigen zu einem solchen Familienfest einladen?


 


Bei euch schaut es vielleicht anders aus, weil in euern Heimatländern kein Sozialsystem existiert und jeder auf sich selbst gestellt ist. Da hängt man halt finanziell am Tropf der Dorfgemeinschaft, wenn man sowohl bei Krankheit als auch anderen Krisenschlag nicht mal die Grundversorgung bekommt.


 


 

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Streitkultur ist ein ganz wichtiges Thema, finde ich.
Ich meine Hallooo?? Sich eine Hochzeit entgehen zu lassen, nur weil der Lieblingsfeind hingeht?? Da hat man dem doch einen Gefallen getan, da könnte man sich doch gleich vertragen wenn das so ist. Is ja kein Streit mehr.

Nun bei den Orientalen gehts so ähnlich ab. Die Hochzeit finanziert sich auch fast von selbst, nur mit dem Unterschied, dass der Vater des Bräutigam als Geschenk das finanzielle regelt und "bisschen" Gold, in Form von Schmuck, springen lässt. Das Gold wird dann aber nicht immer getragen, sondern für den finanziellen Notstand der frisch verheirateten aufbehalten.
Bei uns Kurden, aber muss der Goldschmuck zurückgegebn werden, falls es zu einer Scheidung kommt die durch die Braut verursacht wurde.

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