6 Unterschiede zwischen syrischen und österreichischen Beziehungen

Vor ungefähr zwei Jahren bin ich nach Österreich gekommen und habe viele Dinge festgestellt, die mir neu waren. Aber erst als meine Freunde, Bekannte und ich begonnen haben österreichische Frauen kennenzulernen, wurde mir klar, wie unterschiedlich das Liebesleben in Syrien und hier abläuft.

Von Tayer Benshi und Jelena Pantić, Foto: Marko Mestrović

1) Liebe ist Family Business
In österreichischen Beziehungen haben zwei Personen Entscheidungsrecht: die beiden, die zusammen sind. Sonst sollte sich eigentlich niemand einmischen. Bei syrischen Familien ist das ganz anders, denn “Liebesgeschichten und Heiratssachen” sind Familienangelegenheiten. Deshalb halten viele syrische Paare ihre Beziehung geheim, bis sie wissen, dass es etwas Ernstes wird. Doch auch nachdem das Paar sich füreinander entschieden hat, geht der richtige Entscheidungsprozess erst los. Denn jetzt wird abgewogen, ob der Partner für Sohn oder Tochter die richtige Partie ist. Da muss man durch, denn ohne den Segen des Familienrates, keine Ehe.

2) Niemand wohnt zusammen
Während es für österreichische Paare ganz normal ist, nach einer gewissen Zeit zusammen zu ziehen, ist das in Syrien überhaupt kein Thema. So etwas wie “in wilder Ehe leben” ist überhaupt nicht üblich. Zusammengezogen wird dort nach der Hochzeit. Punkt.

3) Konstanter Kontakt
Bei einer syrischen Frau musst du dich mindestens fünf Mal am Tag melden, sonst glaubt sie, du bist nicht an ihr interessiert. Ich habe einmal eine ExFreundin nur zwei Mal an einem Tag angerufen und sie wollte gleich mit mir Schluss machen. Ich war entsetzt, aber sie war felsenfest überzeugt: „Du nimmst das nicht ernst genug!” Bei österreichischen Frauen habe ich diese Erfahrung gar nicht gemacht, ganz im Gegenteil. Die haben ihr eigenes Programm und wollen eigentlich ihre Ruhe.

4) Eifersucht gehört einfach dazu
Wie das ständige Melden gilt auch Eifersucht als eine Geste der Zuneigung in syrischen Beziehungen. Es ist ganz normal, dass der/die Partner/in sich beim Treffen dein Handy schnappt und WhatsApp und Facebook durchforstet, um zu schauen, mit wem du geschrieben hast. Viele syrische Männer speichern ihre “Schreibfreundinnen” deshalb unter männlichen Namen in den Kontakten ein. Aber Achtung: Diesen Trick kennen die Frauen schon und rufen an.

5) Nix mit locker flockig
In Syrien ist es normal jemanden in der Öffentlichkeit anzusprechen, an der Busstation, im Café oder im Einkaufszentrum. In Österreich wird das als bisschen komisch angesehen, wenn fremde Menschen versuchen einander in der Öffentlichkeit kennenzulernen. Deshalb benutzen hier viele Flirting Apps wie Tinder, um unter neue Leute zu gelangen. Meine Freunde erzählen mir, dass die meisten Frauen, die sie so kennenlernen nur Spaß und nichts Ernstes wollen. Höchstens Freundschaft plus. Natürlich gibt es auch viele österreichische Frauen, die etwas Ernstes suchen. Aber es ist schwierig sie zu überzeugen, denn sie denken viel an ihre Zukunft und wollen einen Mann, der ihnen etwas bieten kann. Die Kriterien für etwas Ernstes sind: guter Job, eigene Wohnung, gleiche Hobbys etc. Sie sind einfach sehr vorsichtig und haben Angst vor dem Ungewissen. In Syrien ist das anders: Wenn syrischen Frauen ein Mann gefällt, geben sie ihm mehr Chancen, sich zu beweisen. Auch über das Materielle hinaus. Es muss nicht alles passen. Sie mögen abenteuerliche Liebe. One Night Stands oder “Spaß-Beziehungen” sind dennoch selten.

6) Jungfräulichkeit
Während das für österreichische Männer und Frauen kein großes Thema ist, ist es in Syrien umso wichtiger. Vor allem Frauen bemühen sich stark, ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe zu behalten. Das hat übrigens nicht nur mit dem muslimischen Glauben zu tun, sondern ist eine kulturelle Sache. Auch Christinnen achten darauf.

Der Autor TAYER BENSHI, 32, hat in Damaskus sechs Jahre lang als Radiomoderator und Programmmanager bei einem großen syrischen Sender gearbeitet. Er hat Anglistik studiert und spricht dementsprechend perfekt Englisch (und jetzt natürlich auch Deutsch).

unterschiede syrer
Tayer über Unterschiede zwischen syrischen und österreichischen Beziehungen. (Foto: Marko Mestrovic)
 

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