Are we Over-Holocausted?



Der in den USA lebende Leo Bretholz, ein Holocaust-Überlebender, hält 40 Vorträge jährlich, wird dabei aber nicht müde zur Auflockerung einen guten Witz zum Besten zu geben. Der Film "See you soon again" zeigt wie wichtig die Arbeit der Überlebenden für die Jugend ist.

 

Leo Bretholz, ein Protagonist des Films „See you soon again“ und ein Großvater, wie ich ihn mir wünschen würde. Ehrlich, witzig, sensibel und stark im Ausdruck. Meinen Opa väterlicherseits lernte ich nie kennen – im Irak starb er eines natürlichen Todes. Den anderen besuchte ich als ich noch klein war ab und zu in Oberösterreich. Er starb ebenfalls eines natürlichen Todes, aber zu früh, um ihn nach dem Zweiten Weltkrieg zu befragen. Ich weiß nur, dass er ein gewöhnlicher Schneider war, der seiner Arbeit nachging. Er war weder für noch gegen Hitler. Nur mein Urgroßvater soll etwas mit den NS-Soldaten zu tun gehabt haben. Verrückt soll er gewesen sein. Wie konnte es auch anders sein? Zieht sich dieser Wahnsinn noch bis zu mir durch?

 

Keinen Bock mehr auf Trauma!

Im Film „See you soon again“ streitet sich die Enkelin einer Holocaust-Überlebenden mit ihrer Oma darüber, ob sie durch ihre Geschichte traumatisiert ist. Die Enkeltochter will mit dem Holocaust nichts mehr zu tun haben – sie hat genug von Albträumen im KZ oder einem Deportierzug, die ihr nachts den Schlaf rauben. Außerdem findet sie, dass es keinen Sinn hätte, wenn ihre Oma ständig ihre Geschichte erzählt. Es ändere ohnehin nichts. Doch die Holocaust-Überlebende gibt nicht auf auch nur ein Kind zu erreichen. Wenn nur ein Kind soweit sensibilisiert ist, nie jemanden wegen seines Aussehens, wegen seiner Herkunft oder seiner Religion zu diskriminieren, hätte sie ihr Ziel erreicht.1180

In den Medien wurde in letzter Zeit viel darüber diskutiert, warum die heutige Jugend keinen Gedanken mehr an den Holocaust verschwendet. Sei es deswegen, weil sie der Geschichte überdrüssig sind, oder weil sie der Meinung sind, selbst nichts mehr damit zu tun zu haben. Ist das wirklich so? Steuert diese Entwicklung nicht eher wieder in eine Richtung, in der diese Grausamkeit sich wiederholen könnte, einfach nur deshalb, weil wir sie vergessen? Ich muss ehrlich sagen, mir geht es auch auf die Nerven, dass Österreich als das Land Hitlers gesehen wird. Was hab ich persönlich schon mit diesem Psychopathen zu tun? Nichts! Wie soll sich die Geschichte also nochmal wiederholen?

 

Leo ist over-holocausted!

Leo Bretholz, der 89-jährige Star des Films und der amerikanischen Stadt Baltimore, liest aus einem Schülerbrief: „…Ich bin froh, dass die Welt heute nicht mehr so grausam ist wie damals...“ Leo stößt ein Lächeln aus und meint das sei nur das, was der Schüler DENKE. Viele Vorträge hält er, mit zahlreichen Jugendlichen spricht er. Mir scheint, es liegt an der jeweiligen Erinnerung, die ihn entweder heiter, traurig oder wütend stimmt. Oder an den Reaktionen um ihn herum. Manchmal ist er auch einfach nur overholocausted.

1181 In einer Klasse wurde er von einem Schüler gefragt, ob der Holocaust das Schlimmste Ereignis in der Geschichte der Menschheit gewesen war. Leo meint ja. Zwei afroamerikanische Schülerinnen fragen ihn, ob er ihn auch schlimmer als die Sklaverei fände. Leo meint ja. Die zwei Schülerinnen sind entrüstet und begreifen nicht, wie er so etwas behaupten könnte. Daraus entwickelt sich eine interessante Diskussion.

 

„See you soon again“ ist ein Portrait über zwei Holocaust-Überlebende. Durch Leos eindrucksvolle Persönlichkeit und die Themen, die aufkommen, wirft der Film ein ganz neues Licht auf die Debatte der Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg. Prädikat wertvoll! - Ab 28.9.2012 im Topkino und den Village Cinemas.

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