Arm, willig, billig

Sie machen alles und sind schon froh, wenn sie drei Euro dafür bekommen: Die Rumänen am ARBEITERSTRICH Triester Straße. Der Kampf um einen schnellen Job am Bau wird täglich härter und hinterlässt seine Spuren. Ich schätze Sebastian auf knapp 50. Er ist 32 …

Von Marian Smetana

Halb sieben Uhr morgens auf der Triester Straße. Der Novemberdunst verschluckt die ewig lange Autokolonne, die sich langsam stadteinwärts schiebt. Am Rand der Straße erkennt man die dunklen Umrisse mehrerer Männer, die hoffnungsvoll in jedes vorbeifahrende Auto schauen. Einer der Männer ballt die Fäuste und streckt die Brust raus. Damit will er wohl sagen: „Schau, wie ich zupacken kann.“

Aus dem Nebel taucht ein kleiner Lkw auf. Er parkt an der nahen Tankstelle. Es zieht die Männer wie einen aufgeschreckten Schwarm zum Lkw. Sie umzingeln ihn und gestikulieren wild durcheinander. Der Mann hinter dem Steuer brüllt „Installateur?!“ Alle heben die Hand. Der Fahrer lacht und steigt kopfschüttelnd aus dem Wagen. Am Rande der nächsten Wirtschaftskrise haben Arbeitgeber hier leichtes Spiel. Nach kurzer Verhandlung wählt der Mann drei Männer mit dem Finger aus, sie springen zu ihm in die Kabine. Die restlichen Männer trotten zurück vor den Baumarkt.

Der Lkw verschwindet im Nebel, zu einer der vielen Baustellen der Stadt.

Sebastian

Es ist Rushhour am Arbeiterstrich. Wer hier steht, hat nicht viel mehr anzubieten als seine Hände, seine Füße und seine blanke Muskelkraft. Jeder kann hier stehen bleiben und die Männer einladen, solange man nur ein paar Euro in der Stunde springen lässt.

Vor mir steht einer dieser Männer, eingepackt in eine alte Lederjacke. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, seine Beine zittern unter einer dünnen Stoffhose. Er nennt sich Sebastian. Seinen rumänischen Namen verheimlicht er mir. Ich habe ihn erst vor ein paar Minuten kennengelernt und trotzdem würde er für mich fast alles tun, wenn ich ihm nur „fünf Euro“ in der Stunde dafür gebe. Er zeigt mir seine starken Hände und die Schwielen darauf: „Ich bin ein guter Arbeiter. Schwere Arbeit, kein Problem“,  sagt er in gebrochenem Deutsch. Ich sage ihm, dass ich keine Arbeit für ihn habe, aber er scheint das nicht zu akzeptieren.

Während unseres Gesprächs werden wir beobachtet. Ein dunkler BMW steht am Parkplatz der Tankstelle. Zwei Männer sitzen darin und blicken in unsere Richtung. Je länger ich hier an der Straße stehe, desto mehr wird mir bewusst, dass hier andere Gesetze herrschen. Hier ist das Revier der Stricher, eine andere Welt, obwohl wir mitten auf einer der meistbefahrensten Straßen Wiens stehen.

Ich frage Sebastian, ob er mit mir auf einen Kaffee geht. Er nickt, nimmt mich am Arm und zeigt auf die andere Straßenseite. Wir laufen bei Rot über die Triester Straße und während wir uns durch die Autos im Stau hindurchschlängeln, redet er noch immer davon, dass ich ihn am nächsten Tag für die Arbeit holen soll.

Ein Leben ohne Heizung

Sebastian schiebt mich unter einer flackernden Leuchttafel durch in einen Nachtclub, der noch immer offen hat. Die Putzfrau versucht gerade die letzten Gäste mit dem Staubsauger zu vertreiben, der Boden ist klebrig vom Vorabend, kalte Rauchschwaden hängen im Raum. Sebastian ordert einen Kaffee mit viel Zucker und ein kleines Bier. Ich frage ihn, woher er kommt: „Rumania. Bukarest. So wie die  meisten“, antwortet er und deutet mit dem Kinn Richtung Triester Straße. Er schnorrt sich noch eine Zigarette.

Mit Händen und Füßen erzählt er, dass er in Österreich mit anderen Arbeitern in einem alten Haus ohne Heizung wohnt – „aber Internet“, fügt er stolz hinzu. So kann er mit seiner Familie in Kontakt bleiben, zu Hause in Rumänien. Alle paar Monate besucht er sie. Sebastian kramt ein Handy aus der Tasche seiner Lederjacke und zeigt mir ein Foto von seinem Sohn André. Er vermisst seine Familie. Aber was bleibe ihm anderes übrig, als zu arbeiten und Geld zu verdienen? In Rumänien würde er auf der Straße leben, gibt er zu verstehen. Knapp tausend Euro verdient er in einem guten Monat. Seiner Familie schickt er davon ungefähr hundert Euro pro Woche. Österreich sei ein gutes Land, mit guter Arbeit, sagt er. Dann sieht er noch einmal schweigend die Bilder seines Sohnes durch.

 

Die Krise, die Mafia und wir

Obwohl Sebastian schon lange vor der Wirtschaftskrise auf den Arbeiterstrich ging, ist das Wort „Krise“ eines der wenigen, das er auf Deutsch gut aussprechen kann. Denn die Zeiten werden härter auf der Triester. Bis zu 100 Männer bieten jetzt schon täglich ihre Dienste an und es werden immer mehr. Die Konkurrenz steigt, die Löhne sinken. Mit fünf Euro hat Sebastian seinen Preis eher hoch angesetzt. Ein Bauherr erzählt, dass er Leute schon ab drei Euro aufgabelt.

„Seit sieben Jahren bin ich hier in Österreich und arbeite“, erzählt Sebastian. Von der Polizei ist er noch nicht erwischt worden, er habe aber auch keine Angstvor ihr – Nur vor denen, die hier alles kontrollieren, die im BMW. Ohne, dass ich ihn danach gefragt hätte, versichert er mir, dass das mit der Mafia nichts zu tun hätte. Es fällt schwer, ihm das zu glauben.

Auf die Frage, wie alt er eigentlich sei, lächelt er und meint, ich solle raten. Ich mustere ihn noch einmal genau, seine dicke ledrige Gesichtshaut, die aufgeschundenen Hände, die Zahnlücke, die mich angrinst, die müden Augen. Mir wird klar, dass ich hier alles sehe, was in unserer Gesellschaft falsch läuft. Mit den Schultern zuckend antworte ich „47?“ Sein Lächeln vergeht und er zeichnet, ohne etwas zu sagen mit seinem Finger die Zahl „32“ auf die weißgelbe Tischdecke. Die Arbeit am Strich hat ihre Spuren hinterlassen.

Endstation Triester

Wir verabschieden uns. Er müsse wieder arbeiten, sagt er, und fragt mich ein letztes Mal, ob ich nicht einen Job für ihn hätte. Ich schüttle den Kopf, sage ihm, dass es mir leid tut und schenke ihm meine halb volleTschickpackung. Er bedankt sich, wünscht mir alles Gute und geht wieder an seinen Arbeitsplatz, zurück zu den Männern, die gerne in ihrem eigenen Land leben würden, es aber nicht können; die gerne ein Stück vom Wohlstand hätten, es aber nicht können, weil wir sie so brauchen wie sie sind: arm, willig, billig.

Kunde am Arbeiterstrich – ein Insider packt aus:

„Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren in der Baubranche und es war schon immer üblich, dass Schwarzarbeiter auf den Arbeiterstrichen rekrutiert werden um billigst zu arbeiten. Heute arbeiten manche schon für drei Euro, früher waren es noch acht. Es ist oft so, dass gar nicht mehr verhandelt wird. Wenn der Preis nicht stimmt, wird einfach der Nächste genommen. Es ist wie im Supermarkt. Was sich neben dem Preis noch geändert hat, ist die Herkunft der Leute. Früher waren sie aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei, heute sind es Rumänen und Bulgaren. Die Leute machen meistens einfache Hilfsarbeiten, wie Schutt stemmen und Baumaterialen tragen. Dass diese Schwarzarbeiter fast auf jeder Baustelle in Wien zu finden sind, ist ein offenes Geheimnis. Ein Problem ist, dass man als Bauherr oft gar nicht weiß, wer auf seiner Baustelle arbeitet. Man beauftragt ein großes Bauunternehmen und die geben den Auftrag wieder an viele kleine Subunternehmen weiter. Die müssen, um möglichst billig zu bleiben und den Auftrag zu bekommen, dann Leute von der Triester Straße beschäftigen. Neben den billigen Löhnen ist es ein Problem, dass die Leute nicht versichert sind. Ich kenne Fälle, in denen Kunden verletzte Arbeiter einfach wieder zurück auf die Straße gesetzt haben, ohne einen Arzt zu holen.“


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Kommentare

 

Wie ein Helfersyndrom erkennen? u.a.

("Das Bedürfnis zu helfen wird größer als der tatsächliche Bedarf nach Hilfe")

 

verzerrte Wahrnehmungswelten

 

Helfer nimmt wahr: "Mir wird klar, dass ich hier alles sehe, was in unserer Gesellschaft falsch läuft."

 

Opfer: "Österreich sei ein gutes Land, mit guter Arbeit"

 

vielleicht kannst du nochmal kurz erklären was du damit sagen willst. Ich hab es ehrlich gesagt nicht ganz verstanden. Nur vielleicht sollte man kurz sagen, dass man als Journalist nicht unbedingt als "Helfer" gesehen werden kann, sondern als jemand der Situationen beschreibt insofern verstehe ich nicht ganz die Kritik mit dem Helfersyndrom (oder vielleicht is es ja gar keine Kritik) vielleicht könntest dus nochmal erklären.

danke!!

 

super idee, super thema, super geschrieben! 1a artikel =)

ich ziehe meinen hut vor dir, marian :D

 

Ein durchaus interessanter Artikel und dennoch ... bei den letzten Sätzen dachte ich mir, dass der Autor wohl ein typisch eher links-orientierter Schwabo ist. Die Problematik ist vielschichtiger und hat die verschiedensten Aspekte - wie das bereits die Posterin Ludmilla angedeutet hat.

 

Nur damit ich nicht falsch verstanden werde:

Ich möchte damit nicht die Problematik verharmlosen - vor allem nicht das Fehlen von Kranken- und Unfallversicherung.

 

... stammen nicht von einem eher linksorinetierten Schwabo sondern von einem Bauherrn, der erstens kein linksorientierter Schwabo ist und zweitens ein Kenner der Szene und mit diesen Leuten zu tun hat.

 

Ich bezog mich nicht auf den Abschnitt über die Aussagen des Insiders. In der Printausgabe erscheint dieser Teil ja als eigene Box und nicht als Teil des Artikels. 

 

und wie gehts weiter? was ist passiert als du dir das gedacht hast, dass "der Autor wohl ein typisch eher links-orientierter Schwabo ist"?

 

Wahrscheinlich hat er das Interesse verloren...

 

da herinnen sind alle links, du Tschecker ;D

 

"Die Problematik ist vielschichtiger und hat die verschiedensten Aspekte"

 

Das ist aber ein nichts aussagender Satz...dann zähl doch bitte mal auf, welche Aspekte da fehlen, damit wir mit deinem Beitrag was anfangen können.

 

ich wünschte, dass es in unserem Land wirklich typisch wäre, ein linksorientierter Schwabo zu sein...

 

Was mich gestört hat, war das der Artikel moralisierend geendet hat. Es ist eben nicht so einfach wie "die armen Opfer" und die böse Gesellschaft, die sie ausnützt.

 

Meine Eltern haben selbst in den 90er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, schwarz in Polen gearbeitet, sei es auf Baustellen oder auf Erdbeerfeldern. Sowie gut das halbe Dorf. Man war froh, dass man wenigstens irgendwo arbeiten und Geld verdienen konnte. Mit dem Geld das meine Eltern schwarz in Polen verdient haben, haben wir überlebt. Ohne dem Geld hätte ich wohl nie studieren können. 

 

Der Gedanken, das es für meine Eltern in Polen die Möglichkeit gab schwarz zu arbeiten, weil gleichzeitig so viele Polen schwarz in Deutschland und Österreich gearbeitet haben, amüsiert mich ein wenig.

 

Also sollten diese Menschen eigentlich dafür dankbar sein, für 3 Euro die Stunde zu arbeiten ohne dabei versichert zu sein???

 

 

 

Wer hat davon gesprochen, dass sich irgendwer zum Dank verpflichtet fühlen muss? Gibt es zwischen "zum Dank verpflichtet sein" und "Opfer sein" nichts? Die Welt ist nicht nur schwarz und weiss. 

 

Ich wollte nur eine weitere Facette dieser vielschichtigen Problematik hinzufügen.

 

Man sollte nicht übersehen, dass es einen Unterschied zwischen Aussen- und Selbstwahrnehmung gibt. Ja, diese Menschen versuchen unter schwierigen Bedingungen ihren Weg durch das Leben zu finden. Niemand bestreitet die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Aber es sind Menschen, die so wie alle anderen auch, die unterschiedlichsten Beweggründe, Vorstellungen und Wünsche haben. Vielleicht noch ein Gedanke: wenn man jemanden nur auf "Opfer", "willig" und "billig" reduziert, nimmt man ihm die Menschenwürde. Vielleicht war es das was mir aufgestossen ist. Nämlich das ich meine Eltern, die auch unter diesen Bedingungen gelebt haben, nie auf "willig" und "billig" reduziert sehen will.

 

weißt du wovon du gesprochen hast? du hast den autor einfach kategorisiert und hast dir eingebildet, dass deine meinung zum thema "vielschichtiger" ist und alle "aspekte" beinhaltet, weil deine eltern mal schwarz gearbeitet haben und du ein migrant bist.

bin auch migrant, meine eltern haben die gleichen erfahrungen durchgemacht, trotzdem beleidige ich den autor nicht, nur weil er österreicher ist.

ich kann ungefähr verstehen, was du meinst, trotzdem finde ich deine typische "du bist schwabo, du bist gutmensch, du kennst dich nicht aus" einstellung nicht in ordnung.

und wenn du jetzt versucht dich irgendwie zu verteidigen. ich habe jetzt eigentlich nur das gemacht, was du in deinem ersten kommentar gemacht hast (vergleich "typisch")

 

Ich glaube deine "Meinung" ist zu compromised durch deine Beziehung zur sowohl Vorposterin als auch zum Author :D

ob ich dir recht gebe oder nicht, solltest du mittlerweile wissen ^^

 

...sagte der, der alles von weiblichen Usern prinzipiell toll findet.

 

 

 

   Muss ich etwa Gegenbeispiele erwähnen? Oder findest du multicem und seine Beiträge "weiblich"? :D

 

Also ich habe mich ja jetzt  zurückgehalten aber ich glaub ich muss da ein bissl den Wind aus der Diskussion nehmen.

Ich will gar nicht viel sagen und erklären.

Mir ist nur wichtig anzumerken, dass hier niemanden als Opfer darstellen, niemanden die Würde nehmen will und schon gar keine Eltern beleidigen will. Im Gegenteil, ich habe größten Respek vor diesen Männern auf der Triester Straße und habe hoffentlich dadurch, dass ich mit diesen Männern und dann weiter mit Sebastian lange und intensiv gesprochen habe, ihnen den Respekt entgegengebracht, den sie verdienen. Mir ist aber auch klar, dass in diesem Artikel einige Formulierungen sind, die sehr zugespitzt sind und dadurch vielleicht missverstanden werden. Das rührt vielleicht daher, dass meine Erlebnisse am Arbeiterstrich auch sehr emotional waren und ich dadurch gar nicht wirklich in der Lage war den Artikel total wertneutral, fachlich und vielleicht auch mit anderen Formulierungen zu schreiben. 

Ziel war es sicher nicht die Männer am Arbeiterstirch als bloße Subjekte darzustellen. Sondern eben als Menschen, die sich durch das Leben kämpfen und das sicherlich etwas härter als die meisten. Was aber auch klar ist, ist, dass die Männer (zumindest diejenigen, mit denen ich gesrochen habe) das nicht freiwillig tun. Niemand arbeitet freiwillig für drei Euro oder auch um 5 Euro in einem Mitteleuropäischen Land, weil er sonst auf der Straße stehen würde.

Und mit dem letzten Satz wollte ich darstellen, wie die Leute, die die Arbeiter dort abholen die Leute sehen. Für die sind das nämlich Subjekte. Und die brauchen arme, willige und billige Arbeitskräfte. Und für mich stellt sich die Frage ob nicht nur der Arbeitgeber solche Arbeitskräfte braucht, sondern vielleicht auch die Gesellschaft (das soll das bitte in keiner Weise rechtfertigen- im Gegenteil!!). Und die Gesellschaft sind ja wir alle oder nicht?

 

In diesem Sinne

 

ein (eher) linksorientierter Schwabo

 

Du musst deinen Artikel gar nicht verteidigen, denn er ist großartig geschrieben. Dass du nicht "wertneutral" geschrieben hast ist in diesem Fall gut. Nur hätt dein Kommentar irgendwo weiteroben gehört, damit ihn die Leute lesen, die es lesen sollten :)

 

und hör auf dich selbst als Schwabo zu bezeichnen! In der Biber-Akademie bist du der Migrant :D

 

Du bist ja sooooo lustig mit deinen Bildchen

 

Danke für diesen Artikel. Jeden Morgen sehe ich diese Männer dort stehen. Es ist einfach unfassbar, dass es so ein offenes Geheimniss ist und man diese Männer so billig arbeiten lässt.

 

Es ist ja eigentlich ein Doppelschaden. Irgendwo ist einer arbeitslos weil sein Job von einem dieser Männer gemacht wird auf der anderen Seite bekommt der fast gar nichts für seine Arbeit und wird nur ausgebeutet obwohl er die härteste und dreckigste Arbeit erledigt.

 

 

 

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