"Bekommt die Kinder jetzt, bevor es zu spät ist"

09. September 2021

Inside: Frau mit Vierzig

In fortgeschrittener Altersweisheit hinterlässt Chefredakteurin Delna Antia-Tatić kurz vor ihrem Mutterschutz eine dringende Empfehlung für junge Frauen.

Von Delna Antia-Tatić, Collagen: Zoe Opratko

„Macht nicht denselben Fehler wie ich, wie meine Freundinnen, wie meine Bekannten und deren Freundinnen – wie tendenziell Frauen in meiner Generations-Bubble,“ predige ich seit Jahren in der biber-Redaktion – bekanntlich ein Magnet für sehr viele junge Frauen aller Art. Zum Glück fürs Unternehmen verhalten sie sich jedoch stur und uneinsichtig. Denn was tun sie? Nichts. Womit wir beim Kern des Fehlers sind: In der entscheidenden Zeit ihres Frauseins machen sie genau das, was ich auch tat: Sie lassen einfach lässig laufen, werden Mitte 30 und älter, konzentrieren sich in besorgniserregender Naivität auf ihre Karriere, ihr Ego und ihre Verwirklichung und stehen dann irgendwann da: mit Kinderwunsch und ohne Kind. Als ob sie keiner gewarnt hätte. Nun, dieser Text übernimmt das hiermit.

Ich werde 38 Jahre alt. Das ist fast vierzig. Biologisch eine fortschreitende Katastrophe, psychologisch die eingeläutete Blütezeit. Ich werde grau, aber weise. Und im Gegensatz zu einem knackigen Hintern oder rosigen Wangen nützt diese Alterserscheinung nicht nur mir: Meine Weisheit bringt allen etwas. Vorausgesetzt die Menschen würden auf mich hören. Doch sie (!) tun es nicht. Dabei erkenne ich in meiner Weisheit völlig an, dass Frauen in den Zwanzigern mir in vielen Dingen weit voraus sind. Ich, als Vertreterin einer bequemen Generation, die irgendwie immer so dazwischen ist, schaue bewundernd auf alle jungen Frauen, die politisch engagiert, klug und uneingeschüchtert die Welt verändern wollen. Chapeau! Ich finde Euch toll und lerne gern von Euch. Weiter so! Aber bitte, in dieser einen Sache, hört mir zu. Ich spreche aus Lebenserfahrung, wenn ich Euch dringend empfehle: Wenn ihr Kinder wollt, bekommt sie JETZT – bevor es zu spät ist. Klingt dramatisch, ist es leider auch.

Collage: Zoe Opratko
Collage:Zoe Opratko

Mit 26 Jahren hat frau ständig Panik, ungewollt schwanger zu werden.

Denn das, was man sich als Zwanzigjährige nicht erträumen kann, wird als Dreißigjährige zum Albtraum. Nicht immer. Aber öfter, als ihr glaubt – viel öfter. Ich weiß, mit 26 Jahren hat frau ständig Panik, ungewollt schwanger zu werden. Nun, mit 36 Jahren passiert das Gegenteil: Frau will schwanger werden, will Kinder haben, aber kann nicht. Es gehört leider zu einer unverhandelbaren biologischen Tatsache, dass mit zunehmendem Alter die Fruchtbarkeit abnimmt, von der erhöhten Gefahr einer Risikoschwangerschaft oder davon ein „nicht-gesundes“ Kind zu bekommen mal ganz abgesehen. Ich zitiere das österreichische Gesundheitsportal: „Derzeit wird bereits jedes siebente Baby von einer Frau über 35 Jahren geboren. Allerdings beginnt die Fruchtbarkeit schon bei jungen Frauen ab einem Alter von etwa 26 Jahren langsam zu sinken. So liegen die Schwangerschaftschancen pro Lebensjahr beispielsweise bei Frauen unter 25 Jahren bei 90 Prozent, bei 24- bis 35-Jährigen bei 70 Prozent und bei 35- bis 40-Jährigen nur mehr bei 20 Prozent. Mit zunehmendem Alter wird es also immer schwieriger, ein Baby zu bekommen, und zwar sowohl auf natürlichem Wege als auch bei künstlicher Befruchtung.“ Zusätzlich wird betont, dass dies „unabhängig von körperlicher Fitness“ passiert. Sprich, dagegen hilft weder Pilates noch Kickboxen. „Diese Tatsache sollte bei der Familienplanung mitbedacht werden.“ Sag ich ja. Es muss ja nicht panisch beim nächsten Tinderflirt die Pille abgesetzt werden. Aber "mitbedenken" trifft es gut.

Nichts trennt Freundschaften so sehr, wie der Kinderstatus.

Der unerfüllte Kinderwunsch wird in den Dreißigern schnell so zentral, dass er zur psychischen wie zur sozialen Belastung wird. Wer monatlich frustriert seine Regel bekommt und bei dem „scheitert“, was stets als Naturgesetz galt („Sex ohne Verhütung beschert Kinder“), fühlt sich verraten. Warum klappt es nicht – bei mir, bei uns? Immerhin schaffen „ältere“ Hollywoodstars das ja am laufenden Band und auch bei der 40-jährigen Nachbarin hat es noch letzten Monat geklappt. Was die selbstzweifelnde Frau nicht weiß: Meist ist dieser Kindererfolg kein Zufall – doch dazu später. Es gibt ein großes Tabu was das Thema betrifft und das macht den Druck nach innen um so stärker. So wird frau sich nach Außen in scheinheiliger Geduld präsentieren, nebenbei dem Partner daheim eine grüne Ernährungsumstellung verpassen, sie wird mit Akupunkturnadeln von TCM-Ärzten nachhelfen lassen und Sex strikt nach Wochenplan turnen. Das Projektmanagement hält Einzug ins Schlafzimmer, bye bye unbekümmerte Leidenschaft. Die Partnerschaft leidet – und Freundschaften haben es schwer. Wer einmal in dieser Performancespirale steckt, geht weder gern auf Babyshowers, noch will den Kinderrotz vom Freundeskreis ständig unter die Nase gerieben bekommen. In meinem Alter kann ich sagen: Nichts trennt Freundschaften so sehr, wie der Kinderstatus. Denn das Konzept von „Mutter-Vater-Kind“, einst die scheinbar normalste und spießigste Angelegenheit auf der Welt, wird plötzlich zum kostbaren Gut. Der 40-jährige Mann einer Freundin sagte mir letztens: „Dass wir unsere drei Kinder natürlich und komplikationslos bekommen haben, ist in unserem Freundeskreis die Ausnahme.“ Nicht nur in seinem. Auch in meinem Umkreis ist es das zentrale Thema: Es verbindet oder trennt. Manche Freundschaften leiden, andere schaffen es mit Fingerspitzengefühl. Dabei sind die Hintergründe so vielfältig.

Mit zunehmendem Alter tickt die biologische Uhr dröhnender und drängender. Und immer stärker rückt die Möglichkeit ins Auge, dass die Kinderlosigkeit bleibt – für immer.

Der Klassiker: Das ehrgeizige Paar ist inzwischen Ende dreißig, Anfang vierzig, mit grauen Schläfen, teuren Sonnenbrillen, ersten Falten und viel Druck in der Arbeit. Weil kein natürlicher Trick geholfen hat, entscheidet es sich für „in vitro“ – die künstliche Befruchtung im „Glas“. Das ist zwar schweineteuer und verlangt der Frau eine ordentliche Hormonprozedur ab, aber Happy-Endings sind nicht unwahrscheinlich. Bei „in vitro“ liegt die Quote bei drei Versuchen immerhin bei 50 Prozent. Und hey, oft wird das Paar gleich doppelt beglückt: Hallo Zwillinge! Leider klappt es aber auch oft gar nicht. Ein Schlüsselfaktor ist das Alter der Mutter. Und das schmerzt. Wer so viel „investiert“ – Geld, Hormonprozeduren, Leid und Hoffnung – für die wird es mit jeder Niederlage enger. Mit zunehmendem Alter tickt die biologische Uhr dröhnender und drängender. Und immer stärker rückt die Möglichkeit ins Auge, dass die Kinderlosigkeit bleibt – für immer. Manche Paare zerbricht das, andere wachsen, und manche wechseln die Strategie drastisch, setzen auf noch künstlichere Formen der Fortpflanzung: etwa die Leihmutterschaft. Doch auch diese in Amerika beliebte Variante birgt viele biologische und medizinische Herausforderungen. Zudem ist die „Ersatzgebärmutterschaft“ nur im Ausland möglich und es stecken meist Jahre der Planung samt Prozeduren dahinter. Und viel Geld. Andere Paare verabschieden sich von der Idee, ihr „eigenes“ Kind zu bekommen. Sie adoptieren. Doch auch hier kann ein biologisches Zeitfenster versäumt werden. Wer sich zu spät entscheidet, ein Kind zu adoptieren, kann zu alt dran sein. Eltern sollten maximal 45 Jahre älter als das adoptierte Kind sein. Und die „Nachfrage“ ist größer als das „Angebot“.

Diese Hindernisliste ist natürlich längst nicht vollständig. Das „hohe“ Alter macht ja zusätzlich noch aus anderer Richtung Druck. Quasi bei der Grundvoraussetzung zur Fortpflanzung: Die Frau braucht einen Partner - jedenfalls im klassischen "Vater-Mutter-Kind"-Konzept. Männer können theoretisch ein Leben lang Vater werden, mit der freundlichen Unterstützung einer jüngeren Frau zum Beispiel. Umgekehrt können Frauen das nicht, egal welchen Jüngling sie ergattern. Bei Frauen geht es ums Timing, das wird in den Dreißigern klar: Es braucht nicht irgendeinen zum Verlieben, es braucht den Richtigen zur Familiengründung.

Zur Veranschaulichung ein paar Einblicke aus dem echten Leben: Sie, Mitte 30, hat eine innige Beziehung zu einem jüngeren Mann, Mitte 20. Sie wünscht sich Kinder, er nicht – tja und die Jahre vergehen, bis es letztlich an diesem Punkt scheitert. Jetzt heißt es mit 38 für sie nicht nur, einen neuen Mann zu finden und zu lieben. Es gilt gleich beim nächsten Versuch aufs richtige Pferd zu setzen.

Umgekehrt: Die andere Frau ist 39, in glücklicher Beziehung mit einem älteren Mann, Anfang 50. Sie möchte Kinder, er nicht – denn er hat schon welche. Beide verstehen die Situation des anderen, sie lieben sich. Aber verzichten oder nachgeben? Die Frau wird nächstes Jahr 40, ihre Uhr läuft. Weitsichtig wie sie schon als junge Frau war, hat sie mit Anfang 30 ein paar Eizellen auf eine Eizellenbank gelegt, der Frische wegen. Zuletzt hat sie sich sogar nach alternativen Familienmodellen umgesehen, etwa jener, sich das Kind mit einem schwulen Pärchen zu teilen.

Und noch eine Frau fällt mir ein: Eine Top-Verdienerin Mitte 40, die mir gestand, die Zeit in ihren Dreißigern mit einem Mann verbracht zu haben, der keine Kinder wollte. Sie eigentlich schon. Die Beziehung ist in ihren Anfang-Vierzigern gescheitert und mit ihr die Erfüllung ihres Kinderwunsches. Jetzt sei es zu spät, sagt sie und zuckt die Schultern.

Natürlich ist es in der Liebe wie im Leben - man kann beides schwer steuern. Das ist mir bei diesem "Jünger-Mama-Aufruf" wohl bewusst. Manchmal sind die Dinge einfach wie sie sind. Und wie man damit umgeht, wäre ein anderer Artikel. Aber solltet ihr über die idealen Grundvoraussetzungen verfügen, also den beideseitigen Kinderwunsch zur rechten Zeit mit Mr. Right (oder Mrs. Right!), dann hört die Worte einer Bekannten: "Oft denke ich mir, hätten wir doch früher angefangen - wir sind doch eh schon ewig zusammen. Denn jetzt klappt es leider nicht."

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Wem das Ticken der biologischen Uhr aus den Pupillen pulsiert, wirkt oft abschreckend auf dem Paarungsmarkt.

Ich könnte die Depressionskurve dieses Textes noch zuspitzen, indem ich jetzt auf das gewünschte, aber nicht gelingende zweite Kind einginge. Auch habe ich den Faktor der männlichen Spermienqualität komplett außen vor gelassen. Ich könnte die total unterschätzte Großeltern-Gleichung vorrechnen: Je älter du bist, umso älter sind deine Eltern und umso beschwerlicher tun sie sich, hinter Trotzbengeln auf Woom-Bikes hinterherzurasen, während du zurück im Job die Doppelbelastung wuppst. Aber lassen wir das. Vielmehr möchte ich abschließend auf einen scheinbar banalen Punkt hinweisen. Selbst wenn das späte Kinderkriegen geklappt hat, ob natürlich oder künstlich, selbst dann macht sich der Nachteil unserer Altersklasse ab Mitte 30 aufwärts täglich bemerkbar. Ich spreche aus Erfahrung und aus der meines graumelierten Mannes mit dem übernächtigten Pandagesicht. Kein Mensch ist mit 40+ so fit wie mit 20+. Eltern am allerwenigsten. Doch den Babys und Kleinkindern ist das egal, sie verlangen permanente Hochleistung unter erbarmungslosen Bedingungen (um jahrelangen Schlafentzug und die völlige Umstellung von „Me-Time“ zu „Me-Maschine“ zu umschreiben). Mein Orientierungstipp für junge Frauen: Verlagert das Kinderkriegen UND das Kinderhaben am besten in die Altersperiode von Profi-Fußballern. Die Natur scheint sich bei ihrer Fruchtbarkeitskurve etwas gedacht zu haben. Nur weil Hollywood-Starlets mit Mitte 40 Mütter werden, eure 40-jährige Bekannte Zwillinge schiebt und ja auch ich erst mit Mitte 30 angefangen habe, nehmt das weder als selbstverständlich noch als Vorbild. Kriegt die Kinder lieber JETZT, bevor es zu spät ist.

(Das gilt natürlich nicht für die jungen Frauen in der biber-Redaktion. Die hatten ihre Chance. Jetzt müssen sie arbeiten, denn ich gehe in Karenz. Alt, müde und dankbar für das Kinderglück.)

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