Blumenkinder
Hunderte Kinder in Wien leben als Sklaven. Sie müssen betteln, stehlen, sich prostituieren. Verborgenes Verbrechen? Nein. Jeder kennt die Opfer.
Von Iga Niżnik
Jeka* wird etwas sagen. Über Statko* (50). Und über seine Kumpanin, Iva* (40). „Der Statko hat mich mit dem Holzbrett auf den Rücken geschlagen, die Iva wollte das. Sie vermutete, dass wir Geld vor ihnen verstecken und deswegen so wenig bringen.“ Und: „Sie wollten uns auch auf den Strich schicken und haben uns geschminkt. Der Schwager von Iva hat aber gesagt, so junge Mädchen kann man nicht auf den Strich schicken.“ Und noch viel mehr wird sie sagen. Dass sie 14 ist. Dass ihre Mutter sie verkauft hat. An Fremde. Dass sie von diesen Fremden vor zwei Monaten aus Bulgarien nach Wien gebracht wurde. Dass sie hier täglich 200 Euro erbetteln musste. Dass sie Rosen verkaufte. Dass sie verprügelt wurde und vergewaltigt, wenn es zu wenig war. Dass sie in der Nähe vom Wiener Westbahnhof gewohnt hat, bei ihren Ausbeutern. Und dass sie ihr Schicksal mit der fünfzehnjährigen Mara* teilte.
Das alles wird Jeka erzählen. Zuerst der bulgarischen Botschaft, in die sie mit Mara fliehen wird. Dann der Jugendwohlfahrt und dann der Polizei und dann noch einmal dem Gericht. Dann wird Jeka lange schweigen. Die blauen Striemen auf ihrem Köper werden in einem Monat verblassen. Die Erinnerung an das, was geschah, wird für immer bleiben.
Einer, der zuhört, ist Norbert Ceipek. Er ist Sozialarbeiter beim Magistrat der Stadt Wien und Leiter der „Drehscheibe Augarten“. Dort kümmert man sich um minderjährige, unbegleitete Fremde, also um ausländische Kinder, die in Wien ohne Eltern aufgefunden werden. Die meisten kommen aus Bulgarien, aber auch aus Rumänien, Moldau, China und anderen Staaten. Die meisten Kinder sind zwischen neun und dreizehn. „Ihre Schicksale sind alle ähnlich“, sagt Ceipek. „Man darf sich die Geschichten nicht zu sehr zu Herzen nehmen, sonst geht man daran zugrunde.“ Ein Zigarette anzünden muss er sich trotzdem.
VERKAUFT UND „VERMIETET“
Durch alle Fälle zieht sich ein roter Faden. In den Herkunftsländern der Kinder herrscht Armut. Kriminelle Organisationen bieten Eltern an, ihre Kinder in den Westen zu bringen. Für ältere Kinder hätten sie Arbeit, für jüngere eine Adoptivfamilie. Manchmal zahlen die Eltern den Kinderhändlern noch Geld. Andere Familien verkaufen ihre Kinder schlicht oder „vermieten“ sie. Eine notarielle Bescheinigung, die den Kinderhändler zur rechtmäßigen Aufsichtsperson erklärt, gibt dem ein rechtmäßiges Gesicht.
Wir alle kennen die Kinder aus Wien, es sind mehrere Hundert. Aus dem Park, wo sie Handtaschen stehlen, aus Drogerien, wo sie Parfüm mitgehen lassen, aus der U-Bahn und von der Mariahilfer Straße, wo sie uns welke Rosen oder einfach ihre Hände entgegenstrecken. Andere sind weniger sichtbar. Des Nachts sind sie am Kinderstrich. Oder in Wohnungen wie die 13-jährige Tatjana*. Sie muss 15 Freier über sich ergehen lassen. Täglich. Die Zigaretten, die ihre „Besitzer“ an ihrem Körper ausdämpfen, der Schlaf- und Essensentzug und die Schläge brechen auch den stärksten Willen. Tatjana wagt die Flucht erst als sie schwanger wird.
FURCHT VOR DER FLUCHT
Die Fluchtgedanken der Kinder werden mit Drohungen zerstreut. „Die österreichische Polizei wird dich ins Gefängnis stecken.“ „Wir töten deine Eltern.“ Viele in Sicherheit gebrachte Kinder laufen deshalb wieder weg – zu klein ist das Vertrauen in die Polizei und zu groß die Angst vor der Rache der Peiniger.
Dass für diese die Rechung der Grausamkeit aufgeht, belegen die Statistiken der UNO. Der Menschenhandel bringt weltweit nach illegalem Drogen- und Waffenhandel den größten Umsatz. 1,2 Millionen Kinder sind betroffen. Kindersklaven lohnen sich: Ein Kind ist leicht zu schmuggeln. Es immer und immer wieder stehlen lassen, betteln lassen. Zum Sex zwingen. Es vergewaltigen. Bedrohen. Und um viel Geld weiterverkaufen. Je jünger das Kind, desto besser: Es ist länger einsetzbar, leichter einzuschüchtern und kann in Österreich bis 14 Jahre für Vergehen nicht bestraft werden.
Die Behörden in Wien erkennen Kinderhandel zunehmend als Problem. 2007 wurde das Betteln mit Kindern verboten. Hilfsorganisationen kritisieren allerdings, dass das den Opfern nicht hilft, weil sie dann in weniger sichtbaren Bereichen ausgebeutet werden. Und, weil kurzfristig weniger Kinder aufgegriffen wurden, wurde das Personal der „Drehscheibe“ reduziert: Jeka und Mara mussten zehn Tage warten, bis sie zum Arzt und Psychologen konnten, erzählt Ceipek.
VERKANNTE OPFER
Das größte Problem bleibt aber, dass die nicht alle Kindersklaven von den Behörden als solche erkannt werden. Oft werden eher Täter gesehen als Opfer. Oberst Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt erklärt das so: „Wenn ein 16-jähriger Roma bei einem Autoeinbruch erwischt wird um drei in der Früh mit zwei Autoradios oder einem Navigationsgerät unterm Arm, ist es im ersten Moment schwierig, an ein Opfer zu denken.“ Die Polizei werde zwar geschult, es brauche aber mehr Bewusstsein, dass solche Täter eventuell Opfer von Zwang und Ausbeutung sein könnten.
In den Augen der Bevölkerung gelten Kinder wie Jeka und Mara vor allem als aufdringlich, lästig, schmutzig, aggressiv. Die blauen Striemen, die Brandwunden, die zerrissenen Vaginas? Nicht sehen, nicht sehen wollen, scheint die Devise zu sein.
„In der Schule lernen wir, dass Sklaverei im 19. Jahrhundert existierte und
dann abgeschafft wurde. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass
Menschenhandel bzw. Kinderhandel eine moderne Form der Sklaverei in ihrer
schlimmsten Ausprägung ist“, sagt Elisabeth Tichy-Fisslberger. Sie wurde im März von der Regierung ernannt, um die Bekämpfung des Menschenhandels in Österreich voranzutreiben.
Die Wirtschaftskrise und die wachsende Armut werden noch mehr Kinder zu Sklaven machen. Norbert Ceipek hat in der Drehscheibe wieder „so viele Kinder, wie schon lange nicht“. Die wachsende Armut sei die größte Gefahr. „Die Menschen sind dann zu allem bereit, um an Geld zu kommen.“
*Die Namen wurden geändert
Frage/Antwort
Soll ich den bettelnden Kindern Geld geben?
Das ist ein Dilemma. Gibt man ihnen ein paar Euro, unterstützt man das ausbeuterische System. Aber: Schafft ein Kind es nicht, untertags die ihm aufgetragene Summe zu erbetteln, droht ihm Schlaf- und Essensentzug, Misshandlung, Schläge, Vergewaltigung...
Wie erkenne ich ein Opfer?
Das Kind kommt aus dem Ausland, spricht kein oder wenig Deutsch. Es wirkt eingeschüchtert, ist eventuell nicht kooperativ oder aggressiv. Es kann in Begleitung von Erwachsenen sein, die vorgeben, „Eltern“ oder ‚Erziehungsberechtigte’ zu sein. Wenn das Kind eingeschüchtert wirkt oder bei Berührungen dieser Erwachsenen Unwohlbefinden zeigt, könnte es sein, dass diese nicht die Eltern sind.
Was ist bei Verdacht zu tun?
Ich kann die „Drehscheibe“ (MA 11, Tel. 01/33134-20396), das Bundeskriminalamt (BKII/BK/3.6, Tel. 01/24836-85383) oder die nächste Polizeistation verständigen.
Wo finde ich Hintergrundinfos?
www.ecpat.at, www.kinderrechte.gv.at
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Bedauern
Vor diesem Dilemma stehe ich jedes mal wenn ich eine Bettlerin an der Thaliastrasse sehe, diese hält ein Baby in den Armen.
Jedes mal Frage ich mich:
Ist es ihr Kind?
Ist sie ein Opfer des Menschenhandels oder der österreichischen Asyl- und Arbeitspolitik.?
Geb ich ihr Geld oder doch zu essen?
Ich weiss es wirklich nicht...........und ich bedaure mit ihnen ihre Situation, die Umstände und ihr grausames Schicksal.
am besten...
...du gibst ihr zu essen, denn ich bezweifle, dass sie das geld behalten darf.
Ich finde es schlimm, dass
Ich finde es schlimm, dass unsere moderne Gesellschaft diese neuen Formen der Sklavarei zulässt!
http://koprax.wordpress.com/2009/06/12/ich-verkaufe-mein-kind/
man trifft in wien sehr oft
man trifft in wien sehr oft diese kinder. und sehr oft trifft man auch die polizei.
wenn ich sehe, dass ein polizist an einem bettlerkind vorbeiläuft, die bettler stundenlang auf der mariahilferstraße sitzen und sich keiner drum kümmert, wie effektiv ist denn dann ein anruf bei der polizei, wenn ich am telefon sage, dass sie doch bitte vorbeikommen sollen, um die leute mitzunehmen?
das problem dabei ist wahrscheinlich, dass sie nicht wissen, wohin sie diese leute unterbringen sollen.
dann überlässst man sie dem eigenen schicksal und lässt sie in die peinigerbude nach feierabend gehen.
war letztens beim mcdonalds. ein bettlekind machte die runde und kam zu einer frau. gelernt hat das kind zu sagen:"bitte geld, essen"...
die frau fragte nochmal nach: "du willst esssen"
das kind: "ja essen"
sie stand auf und sagte zu ihm: "komm mit". ging zur mcdonaldskassa und bestellte ihm ein mcmenü.
das kind hat gegessen, obwohl es verängstigt wirkte, weil da draußen wahrscheiinlich der aufpasser irgendwo lauert und ihm nicht erlaubt die kohle bei mcdonalds zu verprassen oder sich zum essen hinzusetzen.
als die frau wegwahr, machte das kind die nächste mcdonaldsrunde und fragte weiter nach geld.
aber es stimmt schon, was im artikel steht. viele gehen vorbei. auch ich treffe auf solche kinder oft und weiß nicht, was ich tun soll.
gedanke 1: das geld kriegt die bande
gedanke 2 und erinnerung an den kusturica-film "dom za vjesanje"...schläge, misshandlung, folter, das verursachen körperlicher behinderungen, um mitleid zu erhöhen und die lange reise durch viele länder, in denen keiner platz zu haben scheint diese menschen aufzufangen.
und wenn man es tun würde, kämen immer mehr nach, weil die quelle des übels die schlechte situation in den heimatländern dieser menschen ist. die banden suchen sich dann neue opfer, wenn die alten aus dem verkehr gezogen sind.
joj boli me glava od razmisljanja
die quelle ist nicht die schlechte situation in den heimat
ländern. armut macht nicht gleich kriminell! das ist eine beliebte diskriminierung armer menschen und dient oft der "verständnisvollen" diskriminierung von menschen aus ländern das ehemaligen ostblocks.
was da dahintersteht sind mafiastrukturen - verbrechen!
verbrecher nutzen die macht aus, die man über arme menschen so leicht bekommen kann. hier geht es nicht um ethnien, nicht um armut. hier geht es um verbrechen von menschen, die durch verbrechen reich geworden sind.
stimmt . du hast recht. die
stimmt . du hast recht. die aussage soll auch nicht diskriminierend sein.
aber das eine bringt das andere. wo armut herrscht, gehen auch die verbrecher hin oder sind schon dort zuhause und nutzen die menschen in ihrer not aus.
österreichische kinder sind nicht in der welt für mafiamissbrauch bekannt.
dennoch bin ich der meinung, dass es unter leuten in geldnot auch solche gibt, die das leid ihrer leidensgenossen ausnutzen und daraus profit schlagen wollen.
diese banden sind auch nicht auf die welt reich gekommen. nur gibt es menschen, die aus armut zum verbrecher werden, andere dann unterdrücken und dadurch zu geld kommen.
der teufelskreis geht weiter, und das gewissen bleibt auf der strecke.
ich kann mich an die nachkriegsjahre in bosnien erinnern, wo auf einmal paar die gunst der stunde genutzt haben und zu geld gekommen sind. und das sind die jenigen gewesen, die im stande waren ihre eigenen landsleute auszunutzen, obwohl sie den gleichen kriegsscheiß miterlebt haben.
es gab leute, die vom krieg profitiert haben. und das war bestimmt nicth auf sauberem weg. korruption, unterschlagung, REKET!!! (von jungs verbrochen, die vor dem krieg durchschnittsbürger waren und nach dem krieg auf einmal nichts auf dem tisch hatten). sie gingen gegen bezahlung auf leute los und erhofften sich durch kriminalität das große los.
jetzt sind die unten noch immer die großen macker und halten ihre "untertanen" unter kontrolle.
Das ganz ganz große geld ist sehr oft blutig. und irgendwann fängt an blut zu fließen, wenn die armut drückt.
ar........ gibt es überall
das misst sich nicht an der menge an geld, die jemand besitzt oder nicht.
und armut oder reichtum entscheidet bloß darüber, welche art von verbrechen begangen werden und wie sie vertuscht werden können. und ich meine verbrechen, nicht beschaffungskriminalität, um existentielle bedürfnisse befriedigen zu können.
bitte endlich die "armen menschen" von der kategorie "verbrecher" trennen.