Bosnier fordern Namensänderung des olympischen Turmes in London
Überlebende des KZ-Lagers Omarska in Bosnien und Herzegowina verlangen die Umbenennung des ArcelorMittal Orbit in „Memorial in Exile“ in Gedenken an Bosniaken und Kroaten aus Prijedor.
Omarska war eines von vielen KZ-Lagern im Norden von Bosnien und Herzegowina, in dem Teil, welchen das Dayton-Abkommen später als Republika Srpska deklarierte. Von Mai bis August 1992 lebten in etwa 3330 Nicht-Serben unter unmenschlichen und brutalen Bedingungen, die Zahl der Toten ist nicht exakt bekannt. Die der Vermissten auch nicht.
Im Jahre 2004 wurde der Komplex vom Stahlkonzern ArcelorMittal übernommen, welcher mit der Wiederaufnahme des Bergbaus begann. Auf dem Platz wurden Massengräber entdeckt, Überreste von Opfern der Kriegsverbrechen wurden ausgegraben. Im Dezember 2005 versprach das Unternehmen den Hinterbliebenen eine Gedenkstätte. Sieben Jahre später wurde das Versprechen nicht eingelöst, dafür wurde im Februar 2006 das Projekt „Gedenkstätte Omarska“ erst einmal beiseite geschoben.
Im April diesen Jahres eröffnete der Direktor von ArcelorMittal Prijedor, Mladen Jelaca, dem Professor der Universität von London, Eyal Weizman, und der Künstlerin Milica Tomic von "4 faces of Omarska", Belgrad, dass das Eisenerz und andere Gewinne aus Omarska zur Konstruktion des neuen Londoner Wahrzeichens genutzt wurden.
Bild: www.klix.ba
Ende Mai 2012 ging der Konzern soweit, den Überlebenden und Familien den Zutritt zum Grundstück zu verweigern.(*) In einer Pressemitteilung fügte das Unternehmen hinzu, „dass eine Gedenkstätte mit allen Beteiligten entschieden werden muss“ und, „dass sich ArcelorMittal auf keine Seite stellt“. Eine Einigkeit in diesem Punkt ist allerdings nicht zu erwarten, da der aktuelle Bürgermeister, Marko Pavic, meint, eine Gedenkstätte würde die Beziehung der verschiedenen ethnischen Gruppen verschlimmern.
„Es gibt Anzeichen dafür, dass menschliche Knochen in diesem Eisen enthalten sein könnten“ so Satko Mujagic, ein Überlebender des Lagers und Mitgründer der Aktion. „Durch den Aufbau des Turmes wirft ArcelorMittal einen blutigen Schatten auf London, das Vereinigte Königreich und die Olympischen Spiele“ meinte er bei einer öffentlichen Konferenz in der britischen Hauptstadt Anfang Juli.
Die Aktivisten haben folgende vier Forderungen an ArcelorMittal:
- Einen ungestörten Zugang zu allen Gebäuden während des ganzen Jahres
- Sofort mit der beschämenden, gegenwärtigen Politik aufzuhören und wie versprochen eine Gedenkstätte zu errichten
- Einen neuen Komplex zu errichten und aufzuhören, den, der damals als Konzentrationslager genutzt wurde, zu gebrauchen
- Ein Replik des weißen Hauses, der Ort, in dem die KZ-Häftlinge gefoltert und getötet wurden, unter dem Orbit-Turm zu erbauen um so den Opfern die letzte Ehre zu erweisen
Des Weiteren ist Lakshmi Mittal, Besitzer des Unternehmens, eingeladen, bei der Gedenkfeier am 6. August 2012 in Omarska teilzunehmen.
(*) Mehr dazu:
Quellen:
www.forensic-architecture.org/
www.slobodnaevropa.org
www.bhportal.eu
www.klix.ba
http://www.blowe.org.uk
http://sokak.blogger.ba/
http://www.opendemocracy.net/
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Danke für diesen wichtigen Artikel!
"...der aktuelle Bürgermeister, Marko Pavic, meint, eine Gedenkstätte würde die Beziehung der verschiedenen ethnischen Gruppen verschlimmern." Aha. Also Überlebenden und den Angehörigen Zutritt zum Gelände in Omarska zu verweigern geht mit gutem Beispiel voran und wirkt konstruktiv in der Problemlösung?! Es ist wie in dem Song "debeli lad" der serbischen Musiktruppe S.A.R.S. wo es frei übersetzt heißt "...die einen säen Pflanzen und die anderen ernten sie". Dieses "Wahrzeichen" (obwohl mir die Bezeichnung Mutantenposaune viel besser gefällt) ist ein weiterer pervertierter Ausdruck einer kranken Gesellschaft und das seit langem bestehende Motto von Olympia "schneller, höher, stärker" bekommt unter diesen Umständen einen neuen, grotesken Charakter.
Nicht zu vergessen die Diskussion und Kontroversen, welche es damals gab um die Authentizität des berühmten Bildes von Fikret Alić aus dem Gefangenenlager Trnopolje. Jahre später wurde die Diskussion zu einem Rechtsstreit zwischen zwei britischen Magazinen. Wen´s interessiert, hier der bekannte Artikel aus dem Guardian von Ed Vulliamy über die Umstände und Geschehnisse in serbischen Gefangenenlagern in Bosnien: http://www.guardian.co.uk/world/1992/aug/07/warcrimes.edvulliamy
Der amerikanische Journalist Roy Gutman gewann mit seinen Berichterstattungen aus dem Bosnienkrieg den Pulitzer-Preis, er war einer der ersten Journalisten welche die Gefangenenlager von innen sehen konnten. Hier ein Interview mit ihm: http://www.ajr.org/article.asp?id=1516 Die Berichte dieser Journalisten führten schließlich dazu, dass die Vereinten Nationen begannen die Lager zu durchleuchten.
Ein bizarres Detail am Rande: Heute steht vor dem ehemaligen Lager Trnopolje ein Denkmal zur Erinnerung an gefallene serbische Soldaten während des Krieges, finanziert von der Gemeinde Prijedor. Die Erinnerung an Krieg ist nicht nur eine persönliche Angelegenheit, es ist ein Gut das umkämpft, manipuliert und für politisch dienliche Zwecke missbraucht wird.