"Damit muss sie rechnen, wenn sie ein Nacktfoto macht."

von Melisa Erkurt

Am Wochenende sind wieder einmal Nacktfotos einer prominenten Frau an die Öffentlichkeit geraten. Dieses Mal traf es eine deutsche Sängerin. Der Laptop ihres Freundes wurde geklaut, der Dieb veröffentlichte die Nacktfotos der Sängerin, die sich auf dem Laptop befanden. Nichts Neues also. Es sickern doch gefühlt jeden Tag Nacktfotos von irgendwelchen prominenten Frauen an die Öffentlichkeit. Von Kim Kardashian bishin zu Kate Middleton. Ist doch halb so schlimm, damit muss man rechnen wenn man in der Öffentlichkeit steht, oder? Eigentlich wäre auch mir diese Meldung keinen Blog wert - gäbe es da nicht dieses eine Erlebnis, das mich seit zwei Jahren nicht loslässt.

Als ich damals mit unserem biber-Schulprojekt gestartet bin, war in an einer Klasse, in der ein Mädchen gemobbt wurde. Als ich das thematisiert habe, stellte sich heraus, dass das Mädchen vor Monaten ihrem Freund, der in dieselbe Klasse geht, ein Foto von sich in Unterwäsche geschickt hat. Der Junge hat das Foto in die Klassen-WhatsApp-Gruppe geschickt und so hat binnen 24 Stunden die ganze Schule das Foto gesehen. Und jetzt wird das Mädchen gemobbt, sie sei eine Schlampe.

"Soll sie sich doch gleich filmen, wie sie ihm einen bläst"

Wieso macht sie solche Fotos, wieso schickt sie sie an ihren Freund? "Soll sie sich doch gleich filmen, wie sie ihm einen bläst", erklärt mir einer ihrer Klassenkollegen. Die ganze Klasse stimmt ihm zu. Alle, auch die Mädchen, verurteilen die junge Frau. "Ehrenlos" sei sie, "Das wollte sie doch eh damit bezwecken, dass sie jeder nackt sieht, wieso sonst schickt sie ihm so ein Foto?", fragt mich eine Mitschülerin. Aus Liebe. Aus Gutgläubigkeit, einfach so - sage ich. Die Gründe sind doch egal. Selbst wenn sie ihm das Foto geschickt hat, um ihn zu verführen, ihm zu zeigen, wie gut sie aussieht - wieso auch immer - sie hat ihm, nur ihm, dieses Foto geschickt. Er hat das Falsche getan, in dem er das Foto verbreitet hat - sie trifft gar keine Schuld, versuche ich zu erklären. Die SchülerInnen zeigen sich unbeeindruckt. "Was ist so schlimm daran, dass er das Foto rumgeschickt hat? Die Nacktfotos von Promis kommen doch auch an die Öffentlichkeit, manche Medien drucken die sogar ab", versucht der Klassensprecher sich zu rechtfertigen. Egal, was ich dann gesagt habe, und wir haben noch sehr lange darüber diskutiert, die Mehrheit der Klasse ist bei ihrer Meinung geblieben, nur ein paar konnte ich zum Umdenken bewegen.

"Die wollte ja nur zeigen, wie geil sie ist"

Seitdem diskutiere ich diesen Vorfall mit jeder Klasse, in der ich mit dem biber-Newcomer-Projekt bin. Ich nenne natürlich nicht die Schule, ich lasse die Klasse nur abstimmen, wer der Meinung ist, dass das Mädchen die Schuld trifft und wer findet, dass der Junge das Falsche getan hat. In jeder Klasse, und ich habe seitdem mit ca. 400 SchülerInnen zusammengearbeitet, war die Mehrheit der Meinung, das Mädchen sei selber Schuld und noch dazu eine Schlampe. Aufgrund dieser Basis diskutieren wir dann stundenlang, in der Hoffnung, ich könne ein paar SchülerInnen zum Umdenken bewegen. Zumindest zwei, drei SchülerInnen pro Klasse zeigen sich dann auch tatsächlich einsichtig. Meistens kommen dann am Ende unserer Projektwoche Mädchen persönlich zu mir und suchen das Gespräch unter vier Augen. So habe ich auch erfahren, dass vielen Mädchen etwas Ähnliches passiert sei. Wie beispielsweise dieser Schülerin, deren Bikini-Foto unfreiwillig an die Öffentlichkeit ging.

"Slip im Mund, du verhältst dich wie ein Hund"

Ich erfahre dann auch, dass die Mädchen die Schuld tatsächlich bei sich suchen, weil ihnen das so von der Gesellschaft suggeriert wird. Diskutiere ich den "Nacktfoto-Fall" mit Erwachsenen aus meinem Umfeld, gebildeten, aufgeschlossenen Menschen, höre ich ganz oft: "Naja, die ist schon sehr naiv, wenn sie so ein Foto rumschickt". Von "Damit muss sie doch rechnen", bis "Geh bitte, die wollte ja nur zeigen, wie geil sie ist", ist alles dabei. Dass es einen großen Unterschied macht, ob jemand freiwillig von sich aus die Entscheidung trifft, ein Foto von sich zu veröffentlichen oder diese Entscheidung von einem anderen übernommen wird, ohne Absprache mit der betroffenen Person - interessiert anscheinend wenige. Wie zum Beispiel einen Wiener Rapper, der am Samstag auf Twitter über den Nacktfoto-Vorfall der deutschen Sängerin schrieb: "Schreibe gerade an ner neuen Single "Slip im Mund, du verhältst dich wie ein Hund" Überlege Lena zu fragen ob sie im Video mitspielt." Auf meine Frage, ob er das ernst meint oder, ob er das nur raushaut, um sein Rapper-Image zu wahren, antwortet er: "das weis man nie so genau, kann dir ja gerne ihre Bilder per Whats App schicken."  Ich finde das halt nur so halblustig, wenn ich daran denke, dass ich für diesen Tweet, den er in ein paar Sekunden verfasst hat, wieder stundenlang mit SchülerInnen diskutieren muss, um sie zum Umdenken zu bewegen.

Ich weiß, ich klinge jetzt nicht annähernd so cool wie ein Rapper, aber: Niemand, ob 14-jährige Schülerin oder berühmte Sängerin, ist Schuld daran, wenn seine privaten Fotos an die Öffentlichkeit geraten. Und statt (nur) den Mädchen beizubringen, dass sie nicht gutgläubig private Fotos von sich an Burschen schicken sollen, sollten wir den jungen Männern klar machen, dass sie kein Recht haben, diese Fotos zu veröffentlichen, dass sie damit das Falsche tun, dass sie dafür verurteilt werden, dass das sicher nicht cool ist - egal was irgendwelche Rapper sagen.

 

Was kann man rechtlich tun?
Wer ohne die Zustimmung der darauf ersichtlichen Person der Öffentlichkeit zugänglich macht und dadurch berechtigte Interessen des Abgebildeten verletzt, verstößt in der Regel gegen den Bildnisschutz nach § 78 UrhG. Die in ihren Rechten verletzte Person kann (auch gerichtlich) einen Unterlassungsanspruch geltend machen. Darüber hinaus kann das Vorgehen auch strafrechtlich relevant sein, etwa wenn sie zu einer Üblen Nachrede iSd § 111 StGB führt. Seit 01.01.2016 gibt es zudem den neuen § 107c StGB: Wer im Wege einer Telekommunikation oder unter Verwendung eines Computersystems in einer Weise, die geeignet ist, eine Person in ihrer Lebensführung unzumutbar zu beeinträchtigen, eine längere Zeit hindurch fortgesetzt Tatsachen oder Bildaufnahmen des höchstpersönlichen Lebensbereiches einer Person ohne deren Zustimmung für eine größere Zahl von Menschen wahrnehmbar macht, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen zu bestrafen.
Allenfalls wäre strafrechtlich noch Nötigung oder Erpressung zu erwähnen: Wenn nämlich das Foto bzw. das Veröffentlichen des Fotos (oder die Drohung damit) dazu genutzt werden soll, jemanden zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung zu bewegen.
Information von Rechtsanwalt Balazs Esztegar

 

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