Das heilige Tattoo




Sie tragen die Jungfrau Maria auf der Haut, betende Apostelhände auf dem Schulterblatt, lassen sich Bilder von Jesus oder das Christenkreuz tätowieren. Religiöse Motive sind beliebte Tattoos, aber wie religiös sind die Tätowierten?
biber-Redakteurin Ivana Martinović und Lucia Bartl (Fotos) haben sich auf Spurensuche begeben.

 

Die Gründe für diese Tattoomotive sind so unterschiedlich wie ihre Lebensgeschichten. Günther wird durch „Dürers Hände“ an seinen Großvater erinnert, der Thaiboxer Fadi Merza denkt bei der arabischen Inschrift „Vater unser“ an seinen Vater und Martina ließ sich Jesus und daneben das Kreuz tätowieren, weil sie das an eine schwierige Zeit erinnert. Die Tattoos haben oft weniger mit Religion und mehr mit Glauben und Erinnerung zu tun. Und jedes von ihnen erzählt eine persönliche Geschichte.




Im Namen des Vaters

Die linke Brust von Fadi Merza ziert ein christlichorthodoxes Kreuz, das von einem Heiligenschein umrandet wird. In der Mitte des Kreuzes ist das Abbild seines verstorbenen Vaters zu sehen. Fadi war 12 Jahre alt als er ihn verlor. Unter dem Kreuz steht auf Arabisch: Im Namen des Vaters und des Sohnes. Am linken Arm trägt der Thaiboxer mit syrischen Wurzeln das Antlitz der Jungfrau Maria, die das Jesus-Kind hält. Über der Jungfrau zwei Engel, die sich schützend über sie beugen. Schon seit mehreren Jahren hegte Fadi den Wunsch, sich zu Ehren seines Vaters tätowieren zu lassen. Er wurde sehr religiös erzogen, deshalb sollte es ein religiöses Motiv sein. Das Bild seines Vaters sollte dort sein, wo sein Herz schlägt. Seine Mutter war anfangs gar nicht begeistert. Dann erklärte ihr Fadi, was ihm das Tattoo bedeuten würde. Wenn Fadi jetzt seine Tattoos im Spiegel anschaut, hat er das Gefühl, dass Gott und sein Vater über ihn wachen. Auch vor jedem Boxkampf geht er in die Kirche und zündet eine Kerze an. Fadi ist überzeugt, dass viele Leute Tattoos nur als eine Modeerscheinung sehen und es irgendwann bereuen, bestimmte Motive zu tragen. „Ich werde es nie bereuen, meinen Vater bei mir zu haben“, sagt er. Als Thaiboxer ist er viel herumgekommen in der Welt. Er war schon in den Arabischen Emiraten, Ägypten und der Türkei. Er kann sich vorstellen, dass manche seine Tattoos als provokativ empfinden könnten. „Die Leute schauen und bemerken, dass ich religiöse Bilder trage. Es bleibt aber beim Schauen.“ Nach der Bedeutung der Motive wird er nur selten gefragt. „Es ist es auch gut so, weil ich nicht jedem erzählen will, welche Beweggründe ich hatte.“

 




 

 

 





Das Traum-Tattoo








Aleksandar ist serbisch-orthodox und ließ sich mit 21 Jahren sein erstes Tattoo stechen: eine Kette um den Hals, die ein serbischorthodoxes Kreuz als Anhänger trägt. Tattoos fand der 29-Jährige schon in seiner Jugend schön. Für ihn war klar, dass er sich auch irgendwann eines machen lassen würde. Die Entscheidung kam buchstäblich über Nacht als er von einem bestimmten Motiv träumte. Er hatte es irgendwann bei jemand anderem gesehen. Zwei Tage später vereinbarte er einen Termin beim Tätowierer und der Traum wurde Realität. Allerdings sollte es eine Körperstelle sein, die nicht für jeden sichtbar ist. Das Kreuz auf der Brust erinnert ihn daran, nie seinen Glauben zu verlieren. Vor allem nicht den Glauben an sich selbst. Mit dem Christentum oder der Kirche hat seine Entscheidung nichts zu tun. Er selbst sieht sich nicht als religiös, sondern als jemand, der an eine höhere Macht glaubt. Seine Mutter hat fast der Schlag getroffen, als ihr Alexander von seinem Wunsch erzählte. Sie befürchtete, dass er irgendwann mit 40 sein Tattoo satt haben könnte. Aleksandar macht sich aber keine Sorgen. Hinter dem Tattoo steckt schließlich seine ganze Lebenseinstellung. Seine Freunde finden das Tattoo super. Auch jene mit einer anderen Religion hatten nichts auszusetzen. Jeder lebt seinen Glauben, wie er will. Diskutiert wird da nicht viel. In anderen – nichtchristlichen – Ländern will Aleksandar aber nicht austesten, wie sein Tattoo ankommt. Er befürchtet, dass manche Leute seinem christlichen Körperschmuck gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossen sind.

 





 

 





Halt und Hoffnung






Martina (27) ist römisch katholisch erzogen worden, doch Jesus und Kreuz auf ihrem Oberarm haben damit nur wenig zu tun. In der Pubertät zweifelte sie an jedem und allem, vor allem an der Existenz von Gott. Dann aber kam ein Schicksalsschlag. Sie verlor einen geliebten Menschen. Martina quälte die Sehnsucht – und nur im Gebet und Glauben fand sie Hoffnung und Halt. „Man sagt, dass Glaube Berge versetzt! Und so fühlte ich mich auch. Ich hatte wieder Hoffnung und vor allem Lebenslust“, erinnert sich Martina. Diese Hoffnung, als auch den geliebten Menschen, wollte sie nie vergessen, sie ewig bei sich tragen: als Tattoo. In ihrem bosnischen Heimatdorf ließen sich alte Frauen während der Fastenzeit früher kleine Kreuze tätowieren – Martina folgte diesem Brauch. Sie nahm auch ihren Vater zum Tätowierer mit, damit er ein Bild für sie aussucht und so Teil der Entscheidung wird. Neben das Kreuz wurde Jesus tätowiert, weil er in ihren Gebeten vorkam. „Die beiden erinnern mich immer daran, dass man im Leben aufstehen kann, auch wenn man hart gefallen ist“, sagt Martina. Bereut hat sie die Entscheidung nie: „Es war ja kein Modetrend, der Wunsch kam von innen. Und auch um meine Haut mach’ ich mir keine Sorgen“, lacht sie achselzuckend. „Mit 40 ist’s auch schon wurscht.“

 

 

 

 

 

 

 





Grossvaters Hände












Günther denkt oft an seinen verstorbenen Großvater und an
ein bestimmtes Bild aus seinem Haus. Der Großvater hatte
ein Bild der „Betenden Hände“ von Albrecht Dürer im Wohnzimmer hängen. Die Hände sollen zu einem Apostel gehören, der die Auferstehung der Jungfrau Maria gesehen hatte. Für Günthers Großvater hatten die Hände immer eine große Bedeutung. Sie waren auch auf seinem Sarg eingraviert. Als sein Großvater starb, brach für Günther eine Welt zusammen. Der Großvater war für ihn Vaterersatz und Vorbild. „Er war mein Held. Deshalb ließ ich mir nach seinem Tod zuerst seinen Namen, Johann, auf den Unterarm tätowieren.“ Am dritten Todestag wusste Günther dann, welches Motiv ihn am meisten an den Großvater erinnerte. „Dürers Hände.“ Allerdings mit einer kleinen Änderung. Statt der alten, faltigen Apostelhände wählte Günther die Hände seiner Freundin Danijela als Motiv und ließ sie mit einem Rosenkranz umranden. Auf seinem rechten Schulterblatt hat er damit seinen Großvater und seine große Liebe verewigt. Die Tattoos halfen ihm, mit seiner Trauer fertig zu werden. Mit jeder tätowierten Erinnerung fühlte er sich erleichtert. „Alle, die es sehen, denken, dass ich religiös bin“, sagt Günther. „Ich bin aus der Kirche ausgetreten und offiziell ohne Bekenntnis. Das heißt aber nicht, dass ich nicht an eine höhere Macht glaube. Ich glaube an das Schicksal und dass alles im Leben vorbestimmt ist.“ Das Tattoo erinnert Günther an geliebte Menschen und nicht an die christliche Religion.

Für die Menschen im Schwimmbad ist das aber nicht unbedingt ersichtlich. Sie verbinden das Bild gleich mit Religion. „Ich werde meine Entscheidung nie bereuen“, sagt Günther. „Mir sind religiöse Tattoos lieber als Modebildchen wie Sternchen und Tribals.“ Und selbst wenn Tattoos eine religiöse Bedeutung haben, ist Günther überzeugt, dass jeder zu seinem Glauben stehen darf.

 

 

 


biber im Beichtstuhl





Im Judentum und im Islam sind Tattoos nicht erlaubt. Wie sieht es im Christentum aus, wo

doch so viele Leute christliche Motive als Tattoos wählen?
biber war für euch im Stephansdom beichten und stellte im Beichtstuhl die alles entscheidende Frage:
„Vater verzeih mir, denn ich habe gesündigt! Ich habe mir auf den linken Oberarm das Jesusbild tätowieren lassen. Ist das eine Sünde?“

Der Beichtvater: „Ah. Nein. Mir ist nicht bekannt, dass es bei uns verboten ist. Wenn dir das Bild etwas bedeutet und du das Abbild Christi nicht anstößig abgebildet hast, ist es keine Sünde. Wenn dir dein Motiv etwas bedeutet und du ein gläubiger Mensch bist, dann ist es deine Entscheidung. Jeder Mensch kann für sich entscheiden, was richtig oder falsch ist. Und wenn du es nicht als Sünde empfindest und damit dem Herrn gedenkst, ist es auch keine Sünde!“

biber: „Danke Herr Pfarrer! Da bin ich ja beruhigt!“

 

 



Auch ich hab's gemacht!

 

Simone:

Am linken Unterarm entdeckt man bei Simone die Statue der Jungfrau Maria, über der eine blaue Rose abgebildet ist, umgeben von einem Rosenkranz. Simone erzählt stolz, dass ihr Tattoomotiv in Hollywood einmal den 2. Platz bei einem Wettbewerb gemacht hatte. Simone ist nicht religiös, aber gläubig. Sie ist geprägt von der christlichen Religion und findet katholische Statuen in der Kirche schön. Die Gottesmutter Maria symbolisiert für sie die „schützende Mutter“. Sie glaubt an eine höhere Macht, an das Schicksal und an das Gute im Menschen. Ihre Tattoos sind ein Teil dieses Glaubens, den sie jeden Tag im Spiegel sieht. Man soll andere Menschen behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, findet Simone.

 

 

 

 

Petra:

Auch Petra aus Wien trägt das Bild der Jungfrau Maria am rechten Unterarm.
Dieses allerdings ist durch den blanken Busen, der am Körper der Jungfrau zu sehen ist,
alles andere als eine religiöse Darstellung. Petra lässt sich gern tätowieren und wird es auch in Zukunft tun. Allerdings nur aus einem Grund. Sie findet Körperschmuck in Form von bunten Bildern schön. Keine Erinnerungen sind mit den Motiven verbunden und auch lange Überlegungen stecken nicht dahinter. Viele Leute brauchen Jahre, um sich für ein Bild zu entscheiden. Sie entscheidet sich nur für Ästhetik. Sie wählt Bilder, die zu ihr passen. Es gibt Dinge aus anderen Kulturen, die schön zum Anschauen sind, allerdings nicht zum Körperbild von Petra passen. Und dies sind die einzigen Grenzen, die sie für sich sieht. Skeptische Blicke der Anderen? Die kümmern sie nicht, weil Menschen,
die nur auf da
s Äußere achten, keines Blickes würdig seien.

 

 



Falls du es doch bereust:

Lass es weglasern:

Durch die neue Lasertechnik lassen sich Tattoos bis zur Unkenntlichkeit

aufhellen. Allerdings sind, je nach Tattoogröße und Farbintensität,

unterschiedlich viele Behandlungen notwendig. Kostenpunkt: ab 80 Euro pro Behandlung.

 

Cover Up:

Tattoos lassen sich durch neue Tattoos abdecken. Je ausgebleichter das alte

Tattoo, desto besser das Ergebnis. Ausbesserungen durch andere Motive

können jedoch nur einmalig ausgeführt werden.

 

 

 

 

Bereich: 

Kommentare

 

er kann den religiösen schwachsinn nicht aus den köpfen entfernen, der in erster linie die auswahl des motives bedingt hat.

schade... es wäre so einfach...
ABB

 

MARTINAS TATTOO IST DER HAMMER ;)

 

martinas tatoo ist kein hammer, sondern jesus. das ist ein mann dessen existenz ungesichert ist und der angeblich ohne sex gezeugt wurde.

er soll der sohn und gleichzeitog der mann im himmel gewesen sein der alles geschaffen hat.
alles klar?
ABB

 

Komm mal runter... Wirklich... Geh in ein Pub, nimm dir ein Bier, schau Fußball und entspann dich... Das Leben ist auch ohne deine 'Ich-Hab-Immer-Recht'-Einstelleung zach genug... Langweiler.

 

macht das leben auch nicht besser...
ABB

 

"Simone ist nicht religiös, aber gläubig. "

was ist dabei der Unterschied?

 

agnostiker, nicht religiös aber glauben ...

 

agnostikern ist es wurscht, obs einen Gott gibt oder nicht. Die können mit seiner Existenz leben und ohne.

 

hab mal von irgendwem gehört "um gläubig zu sein bin ich viel zu gottesfürchtig". hat was

 

übersetzt lautet das: blablabla.
thats it
ABB

 

Einige der Geschichten sind wirklich lesenswert, die Antwort "ich find das einfach schön" ist wohl die häufigste auf die Frage nach dem Grund für ein Tattoo. Schön, dass sich einige Leute noch Gedanken machen.

Bei einem online casino wie diesem erwarte ich sehr viele Glücksspielgelegenheiten und die Casino-Spiele hier haben den Spieler in mir überhaupt nicht enttäuscht.

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