Der Bub mit der Federkrone

Das hat uns noch gefehlt! Damals im Jahr 2027 wurde nach zehn Jahren intensiver Diskussion das Kopftuchverbotsgesetz beschlossen. Eine notwendige Maßnahme gegen die Entcharakterisierung und Dekonstruierung unserer westlichen, fortschrittlichen, freien Meinungswelt. Aber dann passiert es schon wieder: da kommt einer daher mit diesem Dingsbums auf dem Kopf!

von Livia Mata (Text) und Fernanda Nigro (Foto)


 

Erstmals tauchte es in einem Wiener Gymnasium auf. Ein Schüler kam mit soetwas auf dem Kopf zum Unterricht. Rund um Gesicht und Stirn, entlang des Oberkörper, aus echten Tierfedern. Bunt, groß. Schön sogar. Von welchem Tier? Was weiss ich: Papageien? Tukane? Keine Ahnung. "Was soll denn das sein, bitte" empörte sich die Lehrerin. "Ein Cocar", antwortete trocken der Schüler. Schulkollegen bewunderten ihm in der Pause und überhäuften ihn mit Fragen. "Warum, wozu, wogegen, woher?" Der Schüler gab nur knappe Antworten. "Ich habe indigene Vorfahren und wir Männer tragen das so bei uns!" Also, ein Federkrone. Manche Mädchen bewunderten seinen originellen Stil und behandelten ihm wie einen Rockstar. Andere lehnten dagegen ab: "Lächerlich, Absurd, Unsinn!" Seine Kameraden würden eifersüchtig und machten sich über ihn lustig. Sie formten ein "O" mit den Lippen und tappten sich mehrmals mit der Handfläche auf dem Mund. "Oho, oho, oho".

Das Cocar erregte Aufsehen, es wurde zum Ärgernis. "Sie müssen das abnehmen, weil ihre Kollege hinter ihnen nichts sehen kann," sagte die Lehrerin irritiert. "Macht nichts, ich sitze in der letzten Reihe" revidierte der Schüler resolut. Die Angelegenheit ging schliesslich bis zum Schuldirektor. Der kannte sich damit nicht aus und suchte heimlich bei seinem Freund, einem Abgeordneten um Hilfe: "Könnte man nicht ein Gesetz erlassen zur Nivellierung westlicher Schülerbekleidungskonformität, bitte! Dieser blöder Bub geht mir auf die Nerven!"

Indianer, Federkrone, Kopftuch
Fernanda Nigro

Das neue Kopftuch

Die Boulevardzeitungen machten aus der Angelegenheit eine Covergeschichte: "Cocar. Das neue Kopftuch?" Experten wurden für Debatten ins Fernsehen eingeladen. "Cocar, ja oder nein?" Anthropologen wurden gefragt, der ORF sendete eine Amazonasdoku: "Cocar: Mythen und Wahrheiten". Die Frauen überlegten auch einen Cocar zu beanspruchen: "Eigentlich leben wir in einem Land wo gleicher Rechte für Frauen, Männer und angepasste Ausländer herrschen". Hoppla! Habe ich angepasste Ausländer gehört? Die Nicht-mehr-Kopftuchhträgerinnen rebellierten: "Warum darf er ein Cocar und wir kein Kopftuch mehr tragen? Ungerechtigkeit!" Proteste und Gegenproteste wurden organisiert: "Nieder mit dem Cocar!". "Cocar für alle!" Die Politik musste etwas tun. Aber was? Die Blauen sagten Nein! die Grünen sagten Ja! Die Roten sagten Ja, aber..., Die Schwarzen sagten Nein, aber... So schlimm hat sich die Situation zugespitzt dass der Schuldirektor heimlich den Schüler auf den Knien  gebeten hat, bitte bitte den Cocar zu Hause zu lassen. Die Eltern würden in die Schule bestellt, aber sie standen hinter ihrem Sohn: "Wenn er will, warum nicht?" Ja, warum verdammt, warum nicht? "Weil wir nicht zur Ruhe kommen können, darum! Mit dieser bedrohlichen Fremdkörperkultur um uns herum!" sagten die Leute. "Diese nicht dazugehörigen Dinge in unserer Öffentlichkeit. Furchtbar!"

Als ob es nicht schlimm genug wäre, entstanden neue Facebookseiten („Wir, Cocarträger"), hashtags #welovecocar und so weiter. Ein neues Magazin erschien: "Coolcar" mit Tipps zum Cocar selber basteln. Inzwischen trug die Hälfte  aller Jungen im ganzen Land Cocar. "Aber wieso denn? Seid ihr alle Indianer?", wurden sie gefragt. "Nein aber wir sind mit Ihnen solidarisch!". Die ganz wenigen übriggebliebenen Hutgeschäfte im Land hatten keine Tiroler Hüte mehr im Sortiment sondern nur mehr.. was? Eben. Da war dann der neuralgischer Punkt erreicht: "Schluss damit! Basta!" Zur Hilfe geeilt ist ein prominenter Philosoph, der behauptete Cocar tragen nur männlicher Angehörige einer Satanistensekte. "Ein religiöses Symbol für die Männerignoranz und Menschenunterdrückung!" Na endlich, jemand mit einer fundierten Meinung! Nach einer kurzen Welle mit Debatten von den Ja–Nein–Ja, aber–Nein,aber–Sagern, wurde ein Volksbegehren abgehalten. Resultat: Das Cocar muss weg. Es gab die üblichen Proteste und Empörungen, aber Gesetz ist Gesetz. Gleich nach dem Kopftuchverbotgesetzparagraphen wurde der Cocarverbotsgesetzparagraph eingefügt. Ein ganzes Land atmete endlich frei. Frei von Kopftuch und von Cocar.

 

Was soll das denn sein, bitte?

Aber dann passiert es schon wieder. Heuer im Jahr 2030 tauchte aus dem Nichts ein Mädchen auf mit einem neuen Dingsbums auf dem Kopf! Es wurde das erste Mal in einem Wiener Kindergarten gesichtet. Ein buntes riesiges Ding um dem Kopf und Stirn herum, mit knalligen Farben und verschiedenen Mustern. Aus welchem Material? Was weiss ich: Stoff? Plastik? Papier? Keine Ahnung. Bunt, groß. Schön sogar. „Was soll das den sein, bitte?" empört sich die Kindergärtnerin. Und alles fing wieder von vorne an...
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LIVIA MATA ist in Niterói (RJ) geboren und lebt seit 1990 in Wien.
Sie arbeitet als selbständige Artdirektorin und schreibt Reportagen
und Kurzgeschichten zum Thema Brasilien und die Brasilianer
strudeldebanana.com 

FERNANDA NIGRO ist selbständige Fotografin, kommt aus São Paulo,
lebt und arbeitet in Wien. (www.fernandanigro.com 

 

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