"In der Küche sind wir verheiratet"

Hier erlebt die „babylonische Verwirrung“ ihre Wiedergeburt. Ein in Singapur geborener Pakistani kocht, eine schüchterne Südinderin räumt die Regale ein. Zwischen ihnen sorgt der 27-jährige WU-Absolvent Anzil Pullorssangadan für Ordnung, während er einer Nigerianerin Okra und einer Filipina Ochsenschwänze in Erdnusssauce verkauft.

Von Adriana Davidovic, Amar Rajkovic (Text) und Christoph Liebentritt (Fotos)

„Mabuhay“. Beim Eintritt in den Exotic-Supermarkt „Fresh Go“ wird der Besucher mit dem philippinischen Willkommenswort begrüßt. Mit gutem Grund. Der ehemalige österreichische Besitzer des exotischen Supermarktes lernte seine philippinische Frau kennen und eröffnete den Vorgänger zum „Fresh Go“. Der Geschäftsführer Anzil Pullorssangadan wollte aus dem klassischen Exotic-Supermarkt, in dem Kunden ihr kulinarisches Fernweh mit den Kräutern und Zutaten aus der Heimat stillen, etwas völlig Neues entstehen lassen. „Wir möchten unseren Kunden zeigen, wie wir bei uns zu Hause kochen“, erläutert Pullorssangadan seine Geschäftsidee. Tatsächlich ist das in der Brigittenau beheimatete Lokal eine seltene Mischform. Es ist Supermarkt und Omas Küche in einem.

Foto: Christoph Liebentritt
Foto: Christoph Liebentritt

Der Supermarkt bietet landesspezifische Fertigprodukte und importierte Speisen. Wer wissen möchte, wie indische Knabbereien schmecken oder wie Tee mit Kakaomilch (Thai Ice-Tea) zusammenpasst, findet zwischen den Regalen die Antwort. Der wahre Zauber, den dieser unscheinbare Laden verströmt, kommt allerdings aus der Küche. Aus Maxis Küche, um genau zu sein. Die in Singapur geborene Frohnatur würden kontaktscheue Menschen als aufdringlich bezeichnen. Tatsächlich fuchtelt Maxi wild gestikulierend durch die Gegend, während er dem neugierigen Besucher seine Essenskreationen näherbringt.

Foto: Christoph Liebentritt
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Maxis Sardellen mit Schrimpspaste

Da hätten wir einmal den typisch südindischen Zitronenreis, der am besten mit dem hausgemachten Naan und einem Kokos-Kräuter-Aufstrich genießbar ist. Oder das klassische Rindercurry mit Biryani-Reis, welches ausgezeichnet mit den selbstgemachten Hummerchips oder Chicken-Rolls ergänzt werden kann. Wenn man Glück hat, erwischt man Maxi in einem Anfall von Nostalgie und freut sich über  die Chicken-Satay-Spieße oder frittierte Sardellen mit einer scharfen Schrimpspaste, die ihn an seine Kindheit in Singapur erinnern. Und ja, Maxi ist aufdringlich. Aber nur, wenn er dem Gast mehr Reis (wird nicht extra verrechnet!) nachschöpft oder seine neueste Kreation vom Gratin mit asiatischem Gemüse verkosten lässt. Seinen späteren Chef hat der leidenschaftliche Koch mit Vorliebe für selbstgedrehte Zigaretten aus Nelken und Tabak bei einem Flughafenjob kennengelernt. Pullorssangadan sammelte dort Erfahrung und nahm Maxi gleich mit. Zusammen mit Maria Elena, die sich für die philippinischen Leckereien im „Fresh Go“  verantwortlich zeichnet, bilden sie das Herzstück des exotischen Supermarktes. Als Pullorssangadan übernommen hatte, erweiterte er das philippinische Sortiment mit Produkten aus Afrika, Bangladesch, Indien, Thailand, Korea und Indonesien.

Foto: Christoph Liebentritt
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Ein paar Monate später bekam er die städtische Genehmigung, selbst Speisen zuzubereiten. „Wir möchten den Kunden zeigen, wie wir zu Hause kochen und wie man sich gesund ernähren kann. Um den Umsatz geht es hier nicht“, so der zierliche Mann mit der Vorliebe für schnelle Motorräder. Der Blick auf die Preise bestätigt seine Aussage. Das Mittagsmenü gibt es um 6€, dabei kann der neugierige Kunde zwischen einer vegetarischen und Fleischvariante wählen. Das selbstgemachte Mango-Lassi sticht die Konkurrenz mit 2€ locker aus. Maxi, der Koch, reibt genüsslich Cashew- und Haselnüsse in das Nationalgetränk Indiens.

Foto: Christoph Liebentritt
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Warum tut er sich das an?

Gewiss, der junge Geschäftsführer hat sich nicht das leichteste Einstiegsfeld ausgesucht. Immer mehr große Supermärkte bieten Ethnofood in ihren Regalen an und über die Gastronomie und ihre Tücken brauchen wir erst gar nicht zu schreiben. Pullorssangadan denkt familiär. Das zeigt nicht nur die Tatsache, dass seine Ehefrau Shana hier arbeitet und Vater und jüngerer Bruder bei Bedarf aushelfen. Der 27-Jährige möchte langsam wachsen und damit seinen Kunden eine Lebenseinstellung vermitteln: „Wenn die Kunden kommen und das Essen am frühen Nachmittag aus ist, wird nichts mehr nachgekocht. Was aus ist, ist aus“, lautet die schlichte Botschaft. So wie zu Hause eben. „Würden wir schnell nachproduzieren, würde die Qualität darunter leiden müssen. Und das wollen wir nicht“, so P. altruistisch. Der Gastro-Gandhi wirkt während des Gesprächs fokussiert und sprüht vor Ideen. Die Angst, als Selbständiger zu versagen, scheint ihn zu beflügeln. Er packt alles selbst an und macht jede Arbeit, mit der er seine Mitarbeiter auch beauftragt. „Hier gibt es keine Hierarchien“, bestätigt der Koch Maxi. „Das Team kooperiert so gut, wir alle hier sind wie verheiratet.“

INFO

Fresh Go

Hellwagstraße 10, 1200 Wien

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