Der Richter als "Asylant"
Pjeter Logoreci war Richter in Albanien, wurde Asylwerber und ist jetzt Österreicher. Dank seiner juristischen Ausbildung kann er Menschen betreuen, die heute Asylwerber sind. Nebenbei stand er am Volkstheater auf der Bühne und gibt ihnen eine Stimme.
„Die Asylanten findens die Straße runter“, weist ein freundlicher älterer Anrainer den Weg zum Ute-Bock Haus. Eine bunte Menschenschlange markiert den Eingang am Ende der Zohmangasse. Dort können an die 80 Personen unterkommen - vorwiegend männliche Asylwerber. Hier gibt es kostenlosen Deutschunterricht und einen Raum, in dem Matratzen und Essen liegen. „Jeder, der herkommt, kann sich einfach das nehmen, was er braucht“, erklärt Pjeter Logoreci. Von Pjeter bekommen die Menschen Rechtsbeistand. Der Mann mit dem markanten Profil war mit Mitte 40 Richter in Albanien. Als es in seinem Land zu einer Staatskrise kam - 1997 verloren viele Albaner ihre Ersparnisse durch Kreditbetrug, es herrschten bürgerkriegs- ähnliche Zustände und die Gefängnisse wurden geöffnet. Pjeter erzählt, dass mancher ehemaliger Insassen Rache an ihm nehmen wollte. Nachdem ein Sprengsatz in seiner Küche detonierte war, floh Pjeter mit zwei Kindern, seiner Frau und 2 000 Deutsche Mark nach Wien.
So wurde der mittlerweile zum Chef der Zollpolizei Nordalbaniens aufgestiegene Logoreci ein Asylwerber.
Vom arbeitsscheuen Migranten
Pjeter und seine Familie mussten nur einpaar Wochen auf Asyl warten. Sie kamen in ein Integrationsheim. „Dort lernten wir alles - von der Sprache bis zur Mülltrennung. Damals hatten wir Glück. Heute muss man lange auf Asyl warten und für Kurse ist auch kein Geld da. Heute muss jeder selbst schauen, wie er sich integriert. Das kann man nicht so kurz nebenbei erledigen. Ich habe ungefähr sechs Jahre gebracht. Ich denke, das kann man als Richtwert nehmen." Nach 16 Jahren ist Pjeter faktisch ein Österreicher, mental irgendwie auch: „In mir kämpfen zwei Mentalitäten. Ein Mal im Jahr zieht es mich nach Albanien, aber die ersten drei Tage nach der Ankunft frage ich mich, was ich denn hier überhaupt mache“. Trotz einer mitgebrachten juristischen Ausbildung und vierer Fremdsprachen findet Pjeter keinen Job. Seiner Arbeit als Rechtspraktikant setzte das Sparpaket 2000 ein Ende. Logoreci ist sich bewusst , dass er nicht mehr der Jüngste ist: „Es ist nicht leicht mit 46 neu anzufangen. Aber, wenn über 100 Bewerbungen vorwursvoll mit 'mangelnde Erfahrung' abgeschmettert werden, dann frage ich mich, ob die Personalchefs über die Angaben zur Muttersprachen und zum Geburtsort hinauslesen“. Das Stigma des arbeitsscheuen Migranten lässt er nicht auf sich sitzen. Im spartanisch eingerichteten weißen Rechtsbeistandszimmer des Ute Bock Hauses arbeitet Pjeter nun als Flüchtlingshelfer – unentgeltlich und auf freiwilliger Basis. Am selben Abend gab er ihnen auf der Bühne des Volkstheaters eine Stimme.
Die Verfolgte spielen
„Die Reise“ wurde vom September bis Juni 2012 am Volkstheater gegeben.
Diese 105 Minuten sind kein Theater im klassischen Sinne. In jedem Theaterstück wird etwas vorgespielt. Hier erzählten 30 Menschen, die aus irgendeinem Grund ihre Heimat verlassen haben, einen Teil ihrer Geschichte. Es geht dabei um Trennung, Betrug, Krieg, Lebensgefahr, Hunger und Vergewaltigung. Pjeter Logoreci "spielt" hier auch mit. Sein Monolog handelte von seinem Hund. Er erzählt darüber, wie es ist alles, was man in jahrelanger Arbeit angesammelt hat, an einem Tag verlassen zu müssen. Auch seinen Schäferhund, den er zurückließ und der „geweint“ hat. Manchmal gelegentlich wurde im Publikum auch eine Träne abgetupft. „In Österreich sind die Leute sehr tierlieb. Es gibt viele Tierschutzvereine. Manchmal glaube ich, es wäre einfacher gewesen, als Hund in Österreich zu landen. Das ist natürlich ein Scherz - ich bin eben direkt. Aber ganz ehrlich, wem würden die Menschen eher helfen: einem Hund oder einem Asylsuchenden?“ Wie so oft standen Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten auf einem Haufen. Um sie herum kahle goldene Wände als Sinnbild für den „goldener Westen“, der nicht viel für sie übrig hat. Doch im Volkstheater dürfen sie sprechen und wurden nicht besprochen, oder noch schlimmer behandelt - als ein Problem. Nach den eindrucksreichen Geschichten gab es eine Gesprächsrunde. Pjeter Logoreci wird nicht müde zu erklären: „Natürlich gibt es gute und schlechte Ausländer. Es handelt sich dabei immer um Menschen und es ist normal, dass es gute und weniger gute gibt. Wir sind aber nicht alle Idioten oder Kriminelle. Jeder von uns hat eine Geschichte und wir sind nicht einfach alle Asylanten. Das ist nicht nur juristisch falsch, sondern hat auch noch einen negativen Beigeschmack!“
Milena Borovsa (Text) , Kurt Prinz (Foto)
INFO: Pjeter Logoreci ist 27.09.2012, 28.09.2012 und 29.09.2012 im Stück "fly ganymed - Wenn es soweit ist" zu sehen. Um 19 Uhr am Theseustempel im Volksgarten.
http://www.wennessoweitist.com/html/th_fly_ganymed.html
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