"Warum hast du mich nie geliebt?"
Margita kommt aus einem kleinen serbischen Dorf an der rumänischen Grenze. Dort reiht sich eine Gastarbeitervilla an die nächste. Auch Margita hat eine Villa gebaut. 25 Jahre hat sie dafür in Österreich als Putzfrau geschuftet. Darin wohnen wird sie nie. Das ist ihre Geschichte.
Ohne viele Worte und ohne Blumen wird Ljubisav Bratić aus der Welt geschafft. In der braunen Kiste, mit einem schwarzen Kreuz auf dem Deckel, wird er seine letzte Ruhe finden. Nur der Pfarrer stimmt in monotone orthodoxe Gesänge ein um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Es ist 11 Uhr vormittags, ein kalter, trister Tag im Februar. Ein Tag, an dem nicht einmal die Sonne den Weg durch den Nebel findet. Das halbe Dorf hat sich um das Grab versammelt. Trotzdem hört man nur das Scharren der Schaufeln und die ersten gefrorenen Erdklumpen auf den Deckel des Sarges aufschlagen. Eine schmächtige, hagere Frau ganz in Schwarz beginnt leise zu schluchzen und wird immer lauter. Man hört, wie sie tief Luft holt, um mit zittriger Stimme ein vlachisch-serbisches Klagelied anzustimmen. Es ist Margita Bratić. Sie war mehr als 60 Jahre mit Ljubisav verheiratet. Heute trägt sie einen Teil ihres Lebens zu Grabe.
Margarita kommt aus einem kleinen serbischen Dorf an der rumänischen Grenze. Knapp 700 Einwohner zählt das Nest, das zu einem der Reichsten des Bezirks gehört. Dort reiht sich eine Gastarbeitervilla an die nächste. Auch Margita hat eine Villa gebaut. Dafür hat sie 25 Jahre lang in Österreich als Putzfrau geschuftet – getrennt von ihrem Ehemann und einem Teil ihrer Familie. Als die Zeit reif war für die Rückkehr – Margita verfügte mittlerweile über eine kleine Pension – weigerte sie sich. In diesem Dorf wollte sie nie wieder leben. „Wer hält es schon mit deinem Großvater aus?“, antwortet sie auf meine Frage, warum sie ihr Luxushaus mit zwei Badezimmern und Klimaanlage nie genützt hat. „Dein Großvater stand sich selbst am Nächsten, dem war egal was mit mir ist. Warum hätte ich mich für ihn interessieren sollen?“
Die letzten Monate seines Lebens hatte Ljubisav Bratić als Schatten seiner Selbst verbracht. Eine gebrochene Hüfte und ein Schlaganfall hatten den zwei Meter großen, stämmigen Mann ans Bett gefesselt. Er war ein stolzer Mann gewesen, mit großen, gefurchten Händen. Im Dorf war er für seinen Fleiß bekannt. Margita waren seine großen gefurchten Hände vor allem für die Schläge die früher auf sie niederprasselten bekannt. Damals als sie alles hinnahm ohne mit der Wimper zu zucken, hatte sie gewusst, dass sie ihm eines Tages alles heimzahlen können würde. Sie hatte beschlossen sich eines Tages genauso gut um ihn zu kümmern wie er sich um sie gekümmert hat.. Am Schluss lag er mit Windeln im Bett und wartete auf seinen Tod. Eine Fremde wickelte ihn und Margita, die weit weg war, wusste, was das für so einen stolzen Mann wie Ljubisav bedeutete. Er schämte sich und wünschte sich nichts sehnlicher als den Tod.
„Jeden Tag hat er mich geschlagen. Wegen Kleinigkeiten oder weil er einfach nur Lust dazu hatte“, erzählt sie, „das war kein Leben mehr“. Die Flucht vor ihm, aber auch aus dem Dorf, das immer öfter über Margitas blaue Flecken im Gesicht tuschelte, trat sie nach 20 Jahren Ehe an. Ihre Schwester war nach Österreich gegangen und hatte dort einen Job als Putzfrau. Das wollte Margita auch. Und so packte sie ihren kleinen braunen Koffer mit ein wenig Kleidung und ließ ihren Mann und ihre zwei Söhne zurück. Sie begann ein neues Leben. Ein Leben, das sich nur um sie drehte. 1989 holte sie auch die Familie ihres Sohnes Dimitrije nach Wien. Anfangs lebten sie zu fünft in ihrer kleinen 30 Quadratmeter Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Es begann eine Zeit voll Sorgen und Leid, denn die Aufenthaltsgenehmigungen für ihre Familie mussten jedes Jahr neu beantragt werden. Jedes Jahr bangte sie um die Visas. Heute besitzen sie alle unbefristete Arbeitserlaubnisse. Darauf ist Margita sehr stolz.
Als ihr Mann den Schlaganfall bekam und sich die Hüfte brach, hatten alle erwartet, dass sie zurückkehren wird um sich um ihm zu kümmern. Doch sie veränderte nichts an ihrer jahrelangen Gewohnheit: sie besuchte ihn zwei Mal im Jahr und organisierte eine Pflegehilfe.
Als Margita von seinem Tod erfuhr machte sie sich auf dem Weg zu seinem Begräbnis. Sie packte ihren kleinen braunen Koffer und bereitete sich auf ihre Rückkehr vor. Wie es sich für eine Ehefrau gehört legte sie die schwarze Kleidung an und tauschte ihr braunes Kopftuch gegen ein schwarzes aus. Sie kaufte ihm den größten und schönsten Grabstein, den es gab. Nur die Tränen, die jede gute Ehefrau vergießen sollte, wollten nicht fließen. Erst als sie die ersten Erdklumpen auf seinen Sarg fallen hörte, begann sie darüber nachzudenken warum ihr Leben so verlaufen war. Und so begann sie ihm mit ihrem Klagelied die Fragen zu stellen, die sie ihm früher nicht zu stellen wagte: „Warum hast du mich nie geliebt?“
Text & Foto: Monika Bratić
www.bratic.at
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danke leute!
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Wow! Was für eine schöne,
Wow! Was für eine schöne, toll geschriebene Geschichte Moni!
danke für diese geschichte
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wunderbarer text!
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sehr berührende geschichte,
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einfach nur WOW geschrieben!
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Sehr berührend!
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wirklich schöner artikel,
wirklich schöner artikel, moni!
bin beeindruckt
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Echt stark!
Das ist wohl die passendste Geschichte die ich zum 100. Weltfrauentag gelesen habe.
Das Deine Großmutter die Kraft und Energie aufbringen konnte sich gegen die "gesellschaftlichen Regeln" aufzulehnen und Ihren Standpunkt bis zum Ende nicht verändert hat, obwohl wahrscheinlich der größte Teil Eurer Familie dagegen intervenierte, macht Sie zu einer Beispielpersönlichkeit der Emanzipation.
Du hast jedoch einen Großvater verloren und dazu möchte ich Dir mein Beileid ausdrücken!
wow, sehr episch. mit jedem
wow, sehr episch. mit jedem satz den ich gelesen hab, haben meine mundwinkel immer mehr der schwerkraft nachgegeben.
deine oma ist eine echte powerfrau!
R.I.P monis opa ='(
erst jetzt ? moni , hab
erst jetzt ?
moni , hab schon lange auf den blog von deiner page gewartet.
jezt ist er endlich daaaaaaaa!!!!!
es wurde endlich zeit! =)
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