Die Leiden des jungen Todor: "Victor und der Sex

Von Todor Ovtcharov.


Die einzige Romanze, die Viktor in Wien erlebt hat, war mit einem slowakischen Mädchen, das sehr betrunken war und kaum durch Viktors kleine Wohnungstür passte.

 

Mein Freund Viktor kommt aus einer Musikerfamilie und schon seit seinem vierten Lebensjahr ist die Violine sein Schicksal. Nach dem Musikgymnasium in Sofia entschied er sich, wie auch viele andere junge bulgarische Musiker, Sofia zu verlassen und die Welt der klassischen Musik zu erobern. Seine Wahl fiel auf Wien, denn in Wien soll ja die klassische Musik erfunden worden sein. Er meisterte die Aufnahmeprüfung an der Universität für Musik und Darstellende Kunst trotz riesiger Konkurrenz aus Asien und wurde zum ordentlichen Studium in der Instrumentalfakultät zugelassen. Seitdem lebt Viktor hier, spielt regelmäßig in kleineren Orchestern, gibt Geigenunterricht in privaten Volksschulen und arbeitet nebenbei als Pizzalieferant, Würstlstandverkäufer oder Spielautomatencroupier. Die deutsche Sprache hat er nach nur einem Jahr akzeptabel gelernt – mit Hilfe seines Vorgesetzten aus Bangladesh in der Pizzeria, wo er gearbeitet hat. Jetzt kann er normal auf Deutsch kommunizieren – mit einem leichten Bangladesh-Touch. Doch eins fehlt Viktor, seitdem er in Wien ist, gewaltig: der Sex.

 

Künstler und Verführer

Als Schüler war er kein großer Playboy. „Der Sexgott“ des Musikgymnasiums war bestimmt ein anderer. Doch Viktor hatte das normale Liebes- bzw. Sexleben, das ein 19- bis 20-jähriger, relativ gut aussehender Geigenspieler so hat. Er brauchte nur zu sagen, dass er Geige spielt und schon freuten sich die zu betörenden Damen: „Oh, ein Künstler!“ Obwohl Viktor ein eher schüchterner Typ ist, passierte es ihm schon häufig, dass er das schöne Geschöpf, das morgens neben ihm aufwachte, gar nicht so richtig kannte. Nach dem Schulabschluss und der Aufnahmeprüfung in Wien freute sich mein Violinistenfreund auf neue künstlerische wie auch Liebesherausforderungen. Doch aus Zweiteren ist nichts geworden und seit zwei Jahren geht bei Viktor auf sexueller Ebene gar nichts mehr.

Inspiration und Libido

Ich habe ihm für ein paar Wochen meinen Computer geliehen. Der ist jetzt voll mit Pornos und das Betriebssystem stürzt regelmäßig ab.

 
Schlimmer noch: Woher soll jetzt die künstlerische Inspiration kommen? „Ich habe nichts, verstehst du?“, erzählt mir Viktor. „Mit der Geigen-Nummer komme ich nicht weiter, Geigenspieler haben sie genug. Mit Exotik kann ich in Wien auch nicht richtig punkten, schließlich komme ich aus einem kleinen und unwichtigen Balkanland. Intelligenz und lange Gespräche waren nie meine Stärke. Ich spiele Musik, ich rede nicht darüber.“ Während er mir das erzählt, versucht er einen besonders schnellen Satz aus Paganinis Capricen zu spielen. Vergebens. Der Misserfolg in der Liebe schlägt sich eindeutig auf seine künstlerische Leistung nieder.

Die einzige Romanze, die Viktor in Wien erlebt hat, war mit einem slowakischen Mädchen, das sehr betrunken war und kaum durch Viktors kleine Wohnungstür passte. Viktor erlebt jetzt mit 22 eine zweite Pubertät. Er redet nur über Titten und Sex. Jede einzelne Frau, die er auf der Straße sieht, erscheint ihm wie eine Göttin. Ich habe ihm für ein paar Wochen meinen Computer geliehen. Der ist jetzt voll mit Pornos und das Betriebssystem stürzt regelmäßig ab.

 

Seit kurzem hat Viktor eine feste Beziehung – mit der allergnädigsten Miss Mary Jane. Er raucht jetzt so viel Gras, dass er sich kaum bewegen kann, vom Geigespielen ganz zu schweigen. Also liebe österreichische Damen, seid gutherzig und schenkt Viktor, wenn ihr ihn irgendwo trefft, wenigstens einen netten Blick. Zerstört nicht seine Künstlerlaufbahn, er wird euch bestimmt dankbar sein.

 

 

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