Erinnerungen an eine Migration

von Jelena Pantić

Was wäre Wien ohne seine Einwanderer? Gerufen wurden Gastarbeiter, geblieben sind Menschen und drei davon erzählen nun die Geschichte ihrer lange zurückliegenden Migration.

 

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Das Ehepaar Panta und Olga kam in den Siebzigern und blieb für immer.

Nur vorübergehend

Wir sind Panta und Olga. Ihr seht unser erstes gemeinsames Foto in Wien, es ist 1973. Die 60er und 70er waren eine interessante Zeit in Serbien, es herrschte fast so etwas wie eine Goldgräberstimmung. Viele strebten nach einer Variante des „Amerikanischen Traums“. Wir waren nicht arm, wir mussten nicht flüchten, aber wir wollten mehr. Damals hatten wir ganz große Pläne: Wir wollten nach Südafrika oder Sydney, wohin auch immer, einfach die Welt entdecken, Geld verdienen und das Leben in vollen Zügen genießen. Doch das Leben spielt oft anders, als man denkt. Wir haben uns in Belgrad kennengelernt, geheiratet und zwei Kinder bekommen. Panta ist als Erster im April 1973 nach Wien gekommen, weil bereits einige unserer Freunde hier waren. Ein paar Monate später, im Juli, kam Olga nach. Die meisten sammelten hier Geld, um sich unten etwas aufzubauen. Einen Job hatte man schnell: Jemand kannte jemanden und nahm dich mit. Es gab keine Bewerbungen und langen Gespräche wie jetzt. Die Kinder blieben in der Zwischenzeit bei ihren Großeltern in Čačak, bis wir uns etwas aufgebaut hatten. Wir lernten Deutsch, die ganze Wohnung war voller Vokabelhefte und Wörterbücher.

Allmählich begriffen wir, dass Wien doch keine Zwischenstation war und konnten auch von den Kindern nicht länger getrennt sein, die Sehnsucht war zu groß. Wir holten sie nach Wien, wo sie zuerst in den Kindergarten, dann zur Schule gingen, sie wurden hier erwachsen und bekamen dann ihre eigenen Kinder. Jahrzehnte vergingen und wir zogen nicht weiter und wir zogen auch nicht zurück. Jetzt sind wir in Pension und verbringen ein paar Monate in Österreich, ein paar in Serbien. Olga sagte früher manchmal, sie könne in Österreich nicht atmen. Sie konnte erst aufatmen, wenn sie an der Grenze die damals jugoslawische Flagge sah. Jetzt wird sie nach einigen Monaten in Serbien schon unruhig und will zurück nach Wien. Wo Heimat ist, ist nicht immer eindeutig und manchmal wird aus „für eine Zeit“ doch „für immer“.

Ali Gedik und seine Kassetten

 

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Ali Gedik musste viele Hürden überwinden, um in der österreichischen Gesellschaft anzukommen. (Foto: Marko Mestrovic)

1976, vor 39 Jahren kam ich mit meinem Onkel nach Österreich. Meine Eltern baten ihn, jemanden aus unserer Familie mitzunehmen, der im Ausland Geld verdienen sollte und er nahm seinen Lieblingsneffen mit. Ich war damals 14 Jahre alt und gelandet bin ich in Hart, Vorarlberg. Ich ging dort zur Hauptschule, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Die Sprache, die Menschen, alles war mir fremd, also saß ich oft vor einer Kirche, schaute Richtung Bodensee und weinte. Ich wohnte in einem Arbeiterheim mit 30-40 Männern und mit 15 ½ begann ich dann in derselben Firma zu arbeiten wie mein Onkel. Anfangs haben meine Familie und ich per Brief kommuniziert, das dauerte 3-4 Wochen. Zwei Briefe habe ich erst nach drei Monaten bekommen, weil meine Eltern unabsichtlich statt nach „Avusturya“ (Österreich) „Avustralya“(Australien) geschrieben hatten.

1978, bei meiner ersten Heimreise, brachte ich ihnen dann einen Kassettenrekorder mit. Die Idee: Ich spreche drauf, schicke ihnen die Kassette, dann überspielen sie diese mit ihrer Nachricht und schicken sie mir zurück. So haben wir das acht Jahre lang gemacht. Ohne diese Kassetten wäre ich kaputt gegangen. Du warst tatsächlich ein Gastarbeiter, so hat man dich gesehen, so hast du dich gefühlt und so wurdest du auch behandelt. Es war harte Arbeit und du warst als Fabriksmensch nicht in der Gesellschaft anwesend. Erst ‘93 bin ich mit meiner Frau und meiner Tochter nach Wien gezogen. Hier habe ich dann 16 Jahre lang als mobiler Jugendarbeiter in Favoriten und dann als Jugendzentrumleiter in Simmering gearbeitet. Einmal in zwei Jahren fahre ich für ein paar Tage in mein kurdisches Heimatdorf, um das Grab meiner Eltern zu besuchen. Wenn ich in Vorarlberg bin, sitze ich wieder vor der Kirche, blicke auf den Bodensee und gehe in Gedanken in meine Geschichte. Auf diesen Kassetten ist sie aufgenommen, bald werde ich sie mir alle wieder anhören.

Migration sammeln

Bis Sommer 2016 ist das Wien Museum im „Migration Sammeln“-Fieber. Gib die Erinnerungsstücke deiner Migrationsgeschichte ans Wien Museum ab und konserviere deine Biographie für die Ewigkeit, sodass auch weitere Generationen daran teilhaben können. Kontakt: 0680 2468804 oder wienmuseum@migrationsammeln.at

Die bisherigen Sammelergebnisse kann man auf www.migrationsammeln.info und bei einer Pop-Up-Ausstellung am 4.12. um 18.30 Uhr Wien Museum bestaunen.

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