Fatemeh: Ich werde bald hingerichtet
Die fünfzehnjährige Fatemeh sitzt in einem iranischen Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Ihre schriftlichen Hinterlassenschaften zeugen von der Grausamkeit des Mullah-Regimes
"Ich werde bald hingerichtet" - schon der vierte Satz aus dem Tagebuch Fatemehs konfrontiert die LeserInnen mit dem bevorstehenden Tod der jungen Iranerin. Der letzte Wunsch der zum Tode Verurteilten ist es, ein Heft und einen Stift zu bekommen, um ihre Geschichte aufschreiben zu können, "denn ich habe Angst, einfach so zu sterben, ohne etwas zu hinterlassen".
Die Stumme
So sind es also die schriftlichen Hinterlassenschaften in Tagebuchform, die die LeserInnen vorgesetzt bekommen. Fatemeh schildert darin die Lebensgeschichte ihrer Tante väterlicherseits, „der Stummen", welche eng mit der ihren verbunden ist. "Die Stumme" ist eine Frau in den Endzwanzigern, die sich über für Frauen im Iran geltende Verbote hinwegsetzt: Sie trägt kein Kopftuch, raucht, läuft barfuss und trägt bunte Gewänder. Kurzum: Sie ist „genauso frei wie ein Mann". Als sie sich schließlich verliebt und diese Liebe auch auslebt, wird sie zum Tod verurteilt: Ohne es zu wissen, ist sie von ihrer Schwägerin einem Mullah versprochen worden. Zwar ist sie offiziell noch nicht dessen Frau, doch da sie mit einem andern Mann geschlafen hat, hat sie nach Meinung der Mullahs Ehebruch begangen und soll dafür gesteinigt werden.
Frauentausch
Fatemehs Vaters setzt alles daran, den Mullah dazu zu überreden, seine Schwester "nur" hängen und nicht steinigen zu lassen. Der Mullah willigt schließlich unter der Voraussetzung, dass ihm Fatemehs Hand versprochen wird, ein. Ohne ihr Wissen wird die fünfzehnjährige dem Mullah versprochen. Dieser ist "etwa fünfzig Jahre alt, hatte eine Glatze, einen breiten Nacken, das Gesicht und der Bauch waren dick, der Blick arglistig und lüstern". Nach der Hochzeit wird Fatemeh regelmäßig vom Mullah vergewaltigt, bis sie schließlich schwanger wird.
Doppelmord
Als ihre Tochter vier Monate alt ist, realisiert Fatemeh ihre Mordpläne: „Ich hatte das Messer geschliffen, es unter der Matratze versteckt und ihm tief in die Kehle gerammt, während sein Geschlecht in mir war." Doch nicht nur den von ihr zutiefst gehassten Mullah bringt Fatemeh um, auch ihrer Tochter nimmt sie das Leben. Sich selbst kann sie nicht umbringen, da ihr „Kraft und Wut dazu" fehlen - auch ist es ihr unmöglich, „mir die Adern mit dem Messer aufzuschneiden, das vom Blut des Mullahs besudelt war".
"Großes Meisterwerk"?
Chahdortt Djavanns Roman „Die Stumme" erschien 2008 erstmals im Französischen und wurde vom "Figaro" als "großes Meisterwerk" gelobt - ein nicht nachvollziehbares Urteil. Nicht etwa wegen der einfachen Sprache, der sich die Autorin bedient, diese entspricht durchwegs der fünfzehn Jahre alten Erzählerin Fatemeh. Was den Roman wenig meisterlich erscheinen lässt, ist die Vielzahl an gängigen Iran-Klischees, die darin aufgegriffen werden. Von der Zwangsverheiratung und der Ermordung durch Steinigung bzw. durch den Strang über Vergewaltigungen, Mord bis hin zur Doppelmoral des Mullah-Regimes - all das packt die Autorin in ihren gerade etwas knapp über 100seitigen Roman. Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die hier angeführten Grausamkeiten Frauen nach wie vor angetan werden - es sei nur an das nach wie vor ungeklärte Schicksal Sakineh Mohammadis erinnert - ist man doch versucht der Autorin zu unterstellen, sie habe aus reinem Kalkül einen klischeeüberladenen Roman verfasst. Frei nach dem Motto: Je schockierender und klischeehafter, desto besser zu verkaufen. (Meri Disoski, 08. September 2010, daStandard.at).
Chahdortt Djavann wurde 1967 im Iran geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Teheran und war zwölf Jahre alt, als Ayatollah Khomeini 1979 im Iran die Macht ergriff. 1993 flüchtet sie über Istanbul nach Frankreich, wo sie Sozialwissenschaften studierte. Djavann ist Autorin mehrere Sachbücher und Essays über die für sie alarmierende Ausbreitung des Islamismus. In Frankreich ist sie eine anerkannte und vielzitierte Islam-Expertin.
Chahdortt Djavann: Die Stumme. München: Goldmann 2010 (frz. Orig.: La muette, Paris 2008)
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ICh war persönlich noch nie
ICh war persönlich noch nie in Iran aber ich hatte eine Freundin die dort geboren und gelebt hat. Sie war Christin und hat uns erzählt dass es dort schon manchmal übertrieben wird und das manche Menschen denken sie müssen bestimmen was der Nachbar für eine Religion haben soll aber im Grunde soll es davon abhängen wo man lebt und welche Menschen man als LEhrer oder Nachbar hat. Dort sollen solche bescheuerten Typen auf den Straßen sein die Wache halten ob sich die Frauen auch schön bedecken. Das eigenartige ist aber das im Islam den Männern verboten ist Frauen (über eine längere Zeit) zu betrachten. Diese gestörten Deppen machen das aber um zu kontrollieren ob die ihre Hintern wackeln oder so. Irgendwie paradox. Kopftuch soll weder aufgezwungen noch verbten werden. Eine Frau sollte sich eigentlich so kleiden so wie sie möchte und so wie sie sich gut fühlt. Einz ist mit Sicherheit klar: Egal wo auf der Welt, Frau zu sein ist schwer...
erschütternd...
als erstes sollte weltweit die todesstrafe abgeschafft werden. denn solange der "delinquent" lebt kann noch etwas repariert werden, "danach" isses zu spät...
Die Fremdenhatz ist in den
Die Fremdenhatz ist in den vergangenen Wochen endgültig gesellschaftsfähig geworden. Diese erschreckende Entwicklung hat allerdings jämmerliche Hintergründe. Man projiziert die eigenen Probleme auf Ausländer, die als Sündenböcke missbraucht werden. Thema Nummer eins: Die Überfremdung. Den Ausländern vorzuwerfen, dass sie viele Kinder gebären, ist nur der Versuch, von einer beschämenden Tatsache abzulenken: Die wenigen Kinder der Inländer sichern nicht einmal die bestehende Zahl der Einwohner, von einer Steigerung ganz zu schweigen. Von konstruktiven Beiträgen zur Korrektur dieses Zustands ist aber nichts zu bemerken. Thema Nummer zwei: Die Probleme in der Schule. Wortreiche Diskussionen über die Schwierigkeiten der Kinder mit „Migrationshintergrund" sollen offenbar über die Lese- und Lernschwächen der inländischen Kinder hinwegtäuschen. Thema Nummer drei: Die Kriminalität. Die pauschale Verdächtigung der Ausländer als Kriminelle rückt die Tatsache der erschütternd weit verbreiteten Korruption in der inländischen Gesellschaft in den Hintergrund. Und soll offenbar eine Auseinandersetzung mit den Schwachstellen des Justiz- und Polizeisystems ersetzen. Thema Nummer vier: Der Arbeitsmarkt. In allen Sparten des Handwerks und der Dienstleistung spielen die Ausländer eine entscheidende Rolle! Ja, weil die Inländer diese Arbeiten nicht verrichten wollen. Wenn eine Gesellschaft ständig die Wochen- und die Lebensarbeitszeit verringert, zeugt dies nicht von besonderem Eifer. Dann jene zu beschimpfen, die diese Arbeiten doch verrichten, ist allzu verräterisch. Thema Nummer fünf: Der Clan. Ausländer treten immer laut und als „Rudel" auf, lautet der Vorwurf. Und wird durch die Klage ergänzt, dass stets ein Verwandter auf Abruf bereit steht. Hier wird ganz offensichtlich neidvoll auf funktionierende Familienverbände geblickt, die in der inländischen Gesellschaft nur mehr selten anzutreffen sind. Thema Nummer sechs: Die Religion. Der Wunsch nach Religiosität bringt ein menschliches Grundbedürfnis zum Ausdruck. Die aufgeklärte Gesellschaft schafft es nicht, diese Dimension mit ihrer Sachlichkeit zu vereinen und verliert sich in der Sehnsucht nach einer einfachen Mystik. Statt die eigene Geistigkeit zu entwickeln, wird die muslimische Religion attackiert. Thema Nummer sieben: Die Politik. Die inländische wie auch die europäische Politik sind nicht fähig, brauchbare Lösungen für die zahllosen Probleme der modernen Gesellschaft anzubieten. In dieser Leere wächst das Bedürfnis nach einer möglichst einfachen Antwort. Da ist die Ausländerhatz ein willkommenes Ventil. Die Angriffe auf die Ausländer sind in Wahrheit Angriffe auf die Inländer. Hier wird der Hass auf sich selbst zum Fremdenhass sublimiert. Ein Rezept, das niemanden heilt.
Fremdenhass ist sublimierter Selbsthass Von Ronald Barazon am 11. Sep 2010 um 06:00
prost mahlzeit...
@comment,
ich lese gern im biber, die beiträge haben hier wirklich qualität und sind lesenswert - aber so einen einseitigen darmwind wie diesen kommentar habe ich im biber noch nie gelesen. sorry.
ihr geschreibsel entbehrt jeder grundlage und ist um keinen funken besser als das rechtsgedödel bei unsren eigenen leuten.
mit solchen ansichten kanns nicht funktionieren, ich hoffe sie sind der einzige der so denkt...
mit freundlichen grüssen,
fred
Es ist in der Tat immer
Es ist in der Tat immer schwieriger zu unterscheiden zwischen guter Literatur zu Einzelschicksalen von Frauen speziell in Verbindung mit dem Islam und Klischeevermarktung.
Die Büchertische im Thalia quellen über vor Covern mit verschleierten Gesichtern, darüber Titel die an Schlagzeigen von Boulevardmagazinen erinnern.
Und doch empfinde ich dieses Buch als Ausnahme. Es sind schriftliche Hinterlassenschaften eines kleinen Mädchens das nicht mehr lebt.
Die Sprache des Buches ist klar und einfach, nicht etwa hoch dramatisch oder besonders anklagend.
Man bekommt ein Gefühl für die Lebenswirklichkeit in diesem Land, aber auch für die Familienstruktur des Mädchens.
Man kann das Buch wohl auf verschiedene Arten lesen. Je nach dem was man
im Hinterkopf sitzen hat. Doch wenn ich als Autorin solche Aufzeichnungen zugespielt bekommen würde und selbst auch noch Exiliranerin wäre würde ich sie wohl auch unter allen Umständen veröffentlichen wollen und das hat nichts mit Gelüsten nach Verkaufszahlen zu tun.
Das einzige was ich ein bisschen schade gefunden habe war, dass die Autorin das Buch nicht komplett in der Originalfassung von Fatemeh gelassen hat.
Dadurch liest es sich halt ein bisschen aus zweiter Hand.