Frau als Mensch zweiter Klasse



Immer wieder zerreißt es einem fast das Herz, wenn man den Film „ Die Farbe lila ansieht“. Ich möchte jetzt gar nicht so sehr auf den Film eingehen oder beschreiben worum es geht.

Eher möchte ich die Gedanken loswerden, dir mir durch den Kopf schwirren. Vor allem Erinnerungen an Gespräche mit älteren Frauen aus dem Dorf meiner Mutter in Bosnien, die erzählen, wie es war in ihrer Jugend eine Frau zu sein. Und wenn sie so von sich erzählen,bekommt man bald das Gefühl, dass man damals von Frauen als Menschen zweiter Klasse sprach, die eben fügig und für bestimmte Sachen geschaffen wurden.

Kurz zurück zum Film und dem schockierenden Detail, dass Cilie, das kleine schwarze Mädchen, von ihrem Vater vergewaltigt wurde, weil ihre Mama die Sachen mit ihm nicht mehr machen wollte. Sie wurde auch zweimal schwanger und brachte zwei Kinder auf die Welt.

 

Natürlich nahm ihr der Vater die Kinder wieder weg und verkauft sie. Aber die Sätze, die er zum Mann sprach, der Cilie heiratete, obwohl er ihre Schwester haben wollte, brachte mich ins grübeln.
„Du musst wissen. Sie ist schon gebraucht und hat auch zweimal geworfen. Sie ist ein hässliches Ding.“

Gebraucht wurde sie. Und geworfen hat sie also auch wie ein Hündin, und das auch noch vom eigenen Vater. Bevor ich zu den Frauen aus Bosnien komme, noch so ein Satz, der dafür spricht, wie Frauen früher gesehen wurden.

Die Frau, die nicht gehorcht: „Hast du sie schon mal verprügelt? Weiber sind wie Kinder. Denen muss man zeigen wo es lang geht!“

Die dummen Sätze aus dem Film bin ich jetzt los. Und nun das Gespräch unter Frauen, wo ich nicht fassen konnte, dass ich mit diesen Frauen im selben Raum sitze, und im Vergleich sooo viel mehr wertgeschätzt werde als weibliches Wesen. Und vor allem, dass ich so viel mehr Freiheiten hab. Dass ich mir meinen Ehemann aussuchen kann. Und überhaupt dass ich mir einen Ehemann aussuchen darf, wenn ich den überhaupt will. Und hoch lebe die Tatsache, dass ich mich nicht selbst als GEBRAUCHT sehe, sondern als ein Mensch mit Gefühlen und der Leidenschaft, die mich erst zum Menschen macht.

Hoch lebe mein freier Wille.

Kapitel Vergewaltigung:

Großtante R. erzählt über ihre Mama. Ihre Mama war ein zierliches Mädchen. Früher in den Dörfern, auf wenig befahrenen Straßen, waren Frauen wie Freiwild. So auch ihre Mama, die spät abends von der Feldarbeit aus der Nachbarschaft nachhause ging. Ein bekannter Mann aus dem Dorf, der übrigens schon verheiratet war und Kinder hatte, sah sie und kam auf Gedanken. Er ging zu ihr rüber und vergewaltigte sie. Es kommt mir vor, als ob sie für ihn nur ein dahin wandelndes Loch war, dass von ihm gestopft werden wollte. Als ob Frauen dafür da sind, um seine Triebe auszuleben. Als ob ihr Leben scheißegal wär. Ohne daran zu denken, dass er das Leben einer jungen Frau zerstört, die von ihrer Jungfräulichkeit in der damaligen Zeit abhängig war. Abhängig deshalb, weil sie dann, wie im Film, gebraucht wurde.

Aber was kümmerte es ihn? Für die jungen Männer im Dorf gab es bestimmt andere, die das Glück hatten nicht auf der Staße allein gewesen zu sein und mal für den Augenblick hinzuhalten. Und was blieb für das Mädchen? Es wurde bekannt, dass sie „geschändet“ wurde. Und nein! Er wurde nicht beschuldigt. Sie wa doch schließlich die jenige, die zu der Zeit an dem Ort war, wo er Lust bekam. Da sie schon gebraucht war, blieb sie als alternative Heiratsgelegenheit für junge oder ältere Witwer. Und so war es auch. Ein Mann, dessen Frau verstorben war und ihm ein Kind hinterließ, heiratete das vergewaltigte Mädchen, welches durch die Vergewaltigung auch schwanger wurde. Ihren daraus entstandenen Sohn konnte sie nicht behalten. Natürlich nicht. Ihr neuer Mann ernähre keine fremden Bälger. Das Mädchen brachte mit ihrem neuen Ehemann 6 Kinder zur Welt. Darunter zwei Zwillingsmädchen.

Und sie fürchtete nichts mehr, als dass ihre Töchter von der „Bunten Schlange“ oder „dem schwarzen Kuchen“ eingeholt werden. Als ihre Töchter im heiratsfähigen Alter waren, kam die Mutter ständig zu ihnen und sagte besorgt:

„ Lasst euch nicht von der „Bunten Schlange“ beißen. Und wenn sie euch beißt. Dann bleibt ruhig liegen. Sonst tut es noch mehr weh.“

Könnt ihr euch das vorstellen. Sie hat durch die seltsame Blume ihre Töchter vor einer Vergewaltigung warnen wollen. Sie sollten Männer nicht reizen. Und wenn ein Mann unbedingt will und sich das nicht verhindern lässt, dann sollen sie ruhig liegen bleiben un es über sich ergehen lassen, bis es vorbei ist. Sonst wird Mann agressiv und tut einem noch weh. Ich konnte nicht fassen, was R. erzählt. Sie meinte, dass sie erst später begriff, was ihre Mama mit der bunten Schlange meinte.
Und auch die Sache mit der Vergewaltigung sah sie mit seltsamen Augen.

Sie meinte und ich staunte:
„Wenn mich jemand auf der Staße erwischt. Dann Augen zu und durch. Geh nachhause und erzähle es keinem. Und wehren würde sie sich auch nicht. Männer seien nun mal so. Es ist besser, dass er einem nicht zu viel wehtut und einen in Stücke reißt, wenn man sich wehrt. „

Und die Nachbarin von R fügt hinzu:
„Ah. Wenn ich mir manche Frauen ansehe, wie sie rumlaufen. Kein Wunder, dass Männer auf die Idee kommen. Die Frauen reizen sie ja. Besser sich zurückhalten und Männer gar nicht auf die Idee kommen lassen“

Ich griff mir auf den Kopf und konnte nicht den Mund halten:
„Nein! Das sehe ich nicht ein. Auch wenn ich nackt auf der Straße rumrenne. Keiner hat das Recht gegen meinen Willen über mich herzufallen, nur weil ich eine Frau bin.“

Meine anwesende Oma lächelte und schien stolz auf mich zu sein. Vor allem erkannte sie, dass ich nicht das gleiche Schicksal erleiden werde, wie sie und einen Mann heirate, der mich als Wesen zweiter Klasse sieht. Schließlich war sie auch die Frau dieser Generation, die nicht gerade ein leichtes Los als Frau hatte. Am Feld geschuftet wie ein Mann, 9 Kinder zur Welt gebracht, eines sogar auf dem Feld während der Arbeit, und dennoch dem Schwiegervater jeden Morgen die Füße gewaschen und beim Essen gewartet, bis die Männer satt waren und die besten Stücke bekamen.

Weiter geht’s!

Kapitel Ehe:
R. war zwar als Mädchen in ihren Mann verliebt, lernte aber nie kennen, was Romantik, Zärtlichkeit und Leidenschaft ist. Als Mädchen schwärmte sie für ihn, weil er mit seinen Kumpels immer in ihrer Gegend auf Brautschau war und an ihrem Zaun anhielt, um mit ihr zu flirten. Dann war bald klar, dass sie diejenige ist, die seine Frau werden sollte. Und vor allem musste sie nicht das gleiche Schicksal erleiden, wie ihre Mutter, schon vor der Ehe von der bunten Schlange gebissen worden zu sein. Ihr Weg für eine „ehrenvolle“ Heirat war geebnet. Und sie war überglücklich. Und sogar im Haus des Bräutigambruders wurde für eine Nacht ein Zimmer hergerichtet, um den Liebesakt zu vollziehen.

Nach der Hochzeitsnacht ging es allerdings wieder zurück ins Haus der Schwiegereltern. Alle schliefen im gleichen Zimmer. Der Schwiegervater fiel mitten in der Nacht ab und zu über die Schwiegermutter her. Und der frischgetraute Ehemann zeugte auf die selben Art, „mitten in der Nacht“, ganz leise, auch seine 5 Kinder.

R. erzählt von einer Situation, wo sie mal die Gelegenheit hatten alleine im Zimmer zu sein. Es war dunkel. Natürlich. Bei Licht war es ja peinlich. Auf einmal stürmt die Schwiegermutter rein und macht das Licht an. Die Braut voller Scham schupst ihn vom Bett und tut so, als ob sie das nicht will. Schande! Er stürzt vom Bett und sie äußert noch ein „unglaubwürdiges“ „Nein. Lass mich in Ruhe – ich will das nicht tun“, damit die Schwiegermutter von ihr nichts unanständiges denkt.

Später, voller Scham, spricht sie ihre Schwiegermutter darauf an, ob es doch möglich wäre eine Zeit auszumachen, wo die Brautleute unter sich sein können. Die Schwiegermutter, voll verlegen über das Thema, beschimpft sie und meint: „Ihr habt den Wald, ihr habt den Stall! Geht doch dort hin, wenn ihr das unbedingt braucht!“ So als ob das etwas perverses wär, was keiner auf der Welt, außer den beiden, tut.

Dieser Versuch von R. eine gewisse Privatsphäre zu schaffen, war der lezte. So verstrichen Jahre, bis ein größeres Haus mit mehr Räumen gebaut wurde und die Schwiegereltern tot waren. Allerdings kamen auch R. und ihr Mann ins gewisse Alter. Und so kam es auch, dass die Verliebtheit von R. seit ihrer Hochzeit zu einer reinen Enttäuschung für ihre romantische Veranlagung war. Sie sehnte sich nach Liebe und ihrem Mann, lebte neben ihm her und war ihm dennoch fremd.

Als R.s Mann im Alter erkrankte und pflegebedürftig war, musste er von seiner Frau gewaschen werden. Seine Scham ging so weit, dass er ständig sein Schlafhemd nach unten zog, damit sie seinen Penis nicht sieht, mit dem er ihr fünf Kinder zeugte. Und so bemerkte R., dass sie in den ganzen Ehejahren ihren Mann nie nackt gesehen hat.

Und wenn er mal früher wollte, dann war sein Codewort für sie:
„R., geh in den Stall die Kühe melken!“ Und sie wusste, was dann kam. Sie ging hin, hob ihren Rock und traute sich vor Scham ihm nicht mal ins Gesicht zu sehen. So blieb der Rock am Gesicht, bis der Akt vorbei war.

Diese Geschichten schmerzten mich. Ich sah alles Frauen vor mir, die liebeshungrig waren und nie ihre verdiente Aufmerksamkeit bekamen. Sie wollten auch geliebt werden. Sie wollten auch geschätzt werden. Und sie wollten auch als Menschen gesehen werden. Jahre verstrichen. Das einzige was ihnen blieb, sind die Geschichten, die sie jetzt unter sich austauschen, wo ihre Männer längst tot sind. Und ich junges Ding hörte zu und war voller Mitleid, wie viel Schmerz und Leid diese Frauen ertragen mussten. Ich war so froh, dass sich das Bild der Frau im Laufe der Zeit veränderte. Ich war so froh, dass es mutige Frauen gab, die mir den Weg für mein Selbstbewusstsein als Frau geebnet haben. Und ich bin froh, dass ich entscheiden kann, was ich mir wert bin. Und was bleibt diesen Frauen?

Sie sehen sich die jungen Paare von heute an. Sehen Väter mit ihren Kindern und sagen:
„Meiner hat sich nicht mal getraut unseren Sohn in den Arm zu nehmen, weil es damals als Schande galt Gefühle zu zeigen. Und noch eine größere Schande war es seine Frau zu küssen.“

Und so kam es auch öfter dazu, dass R.s Mann beim Abschied, wenn er auf Reisen ging, alle Familienmitglieder küsste, nur auf seine Frau vergaß, weil es peinlich war, ihr einen Kuss zu schenken. Ein Kuss, der ZUUU sexuell verstanden werden könnte, weil es doch die Frau ist, mit der man in der Nacht ins Bett steigt.

Es klingt echt krass. Aber bei den Geschichten kamen mir Gedanken, wie: „Ihr Frauen wart ja damals für die Männer Menschen zweiter Klasse. Und nicht nur dass die Männer so dachten. Den Frauen wurde es genau so eingebläut. Auch Frauen dachten von sich, dass dies richtig sei und eine Frau nun mal das Schicksal trägt, eine Frau zu sein. Mit allem was dazu gehört, wie auch der bunten Schlange, die einen am dunklen Feld ereilt. Kann man diese Frauen mit Juden und den Schwarzen in Amerika vergleichen. Auch sie sah man als unwerteres Leben. Auch sie wurden diskriminiert und verfolgt. So wie auch im Film Die Farbe lila, die zeigt, dass es schwer war eine Frau zu sein. Und noch schwieriger eine schwarze Frau zu sein. Wann wird Mensch einfach ein Mensch sein?

5
 
 


nachdenklich...

Ein ausgezeichneter Blog!

Der Artikel mich sehr schockiert und zugleich nachdenklich gemacht. Wenn das wirklich noch vor 2 Generationen "normal" war, dann graust es mir darüber zu Rätseln welche alten Geschichten in meiner Familie vielleicht auch waren. Zumindest sehe ich da gewisse Parallelen.

Btw: ein tolles Magazin! Ich bin heute zufällig darauf gestossen und sehr positiv überrascht worden, da man anscheinend hier über Dinge lesen kann, die der Mainstream nicht schreiben will oder kann.

Danke an die Redaktion und an die fleissigen Blogger!

hey neu-biber. willkommen

hey neu-biber. willkommen bei uns.

ich freu mich, dass du da bist.

und die anderen auch. gö andere? :)

eh kloa

eh kloa :)

; )

; )

danke schön leute. es gibt

danke schön leute.
es gibt noch tausende solcher stories. man muss sie nur finden und den menschen zuhören, die sie erzählen wollen.

super blog

und ein sehr trauriges thema! wir können nur froh sein, dass uns solche geschichten heute eine gänsehaut machen und uns schockieren, als dass wir es als "alltag" auffassen. aber in vielen ländern werden frauen immer noch wie menschen zweiter klasse behandelt. wie werden verkauft, zwangsverheiratet sogar in wien zur prostituion gezwungen. das elend ist noch nicht vorbei!

In vielen Ländern...???

du brauchst gar nicht Wien zu verlassen um solches zu sehen

Draga Ivana,

Blog ti je fenomenalan. Weiter so!

Echt irre wenn man sich vor Augen führt wie es mal früher war, richtig Angst einflößend.

Mir dreht es den magen um

Mir dreht es den magen um und gleichzeitig kommen mir die tränen. Einfach unvorstellbar was unsere geslechtsgenossinnen, vor gar nicht allzu langer zeit. Werde auch einen blog schreiben, der ein wenig damit zu tun hat.

steven spielberg-regie,

steven spielberg-regie, quincy jones-musik, whoopi goldberg-celie, oprah winfrey-sofia (am rande erwähnt)
ist ein schlimmes thema, darf man nicht wegschauen
sag ich mal

kann damire nur zustimmen

hab letztens ein sehr altes hochzeitsvideo von einer bekannten angesehen.es scheint als wäre die frau auf ihrer eigenen beerdigung, während der mann fröhlich das tanzbein schwingt. und nein, sie wurde nicht zwangsverheiratet. als ich sie darauf ansprach meinte sie nur, "damals war es verpönt als frau auf der eigenen hochzeit lustig zu sein."
die leute könnten wohl denken sie freue sich auf die bevorstehende hochzeitsnacht.
schlimm...

oh...das gehört bei "uns"

oh...das gehört bei "uns" zur Tradition - dass die Braut sich kaum bewegen darf und vorallem nicht lachen oder tanzen sollte... weil!!! "sie so auch in der Ehe sein könnte"!!!!

Bin dankbar für die Zeit in der ich lebe, für die Möglichkeiten die mir geboten wurden und für die Chance mein Leben selbst zu gestalten...

alles Andere wäre schlimm ausgegangen mit meinem Dickschädel!

Toller Blog Ivana!!!!

toller blog du bist eine

toller blog
du bist eine wandelnde blogmaschine ivana :)

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