Gestern waren es noch 33



Getötete Journalisten. Heute 34.* Nachdem ich wieder mal auf der Internetseite der Новая Газета (Novaja Gazeta) war und erneut die Erinnerungslinks an Politkovskaja, Schtschekotschichin und Domnikov sah (es fehlen noch zwei, die beide 2009 umgebracht worden waren), fing ich an über das Wie und Was und vor allem Wo im Journalismus nachzudenken. Frei nach dem Ausspruch Jelena Bonners „Today it is criminal to remain silent.“

Als ich vor zwei oder drei Wochen mit einem weisen Mann sprach, offenbarte er mir, dass er Journalist werden wolle, weil er auch durch eine Autobombe zerfetzt werden wolle, nachdem er als Aufdecker gearbeitet hat. Die Aussage steht mal so für sich (obwohl ich ihm anrate Kreml-Kritiker in Russland zu werden) und ob er das so durchzieht ist auch fraglich, aber einen wunden Punkt hat er damit alle Mal angeschnitten.

In vielen Ländern dieser mehr oder weniger schönen Welt gibt es rigorose Zensurgesetze bis hin zu Repressionen und Ermordungen von Reportern. Wie glücklich man sich also schätzen kann, in einem Land wie Österreich zu schreiben, in welchem (noch) nicht akkurate Gefahr herrscht für Autoren von aufdeckerischen Artikeln, ist fast unmöglich aufzuzeigen.
Die Idylle ist fast schon so perfekt, dass man meinen könnte, investigativer Journalismus ist unspektakulär geworden. Dabei zeigt gerade die aktuelle Causa Scheuch, wie wichtig (und vernachlässigt) diese Sparte ist. Denn interessant ist, wie schnell nicht-investigativer Journalismus in Manipulation und Stil à la Kronenzeitung abdriftet.

Dabei sollten gerade die Zeitungen in korrupten Löchern bohren, die sich innerhalb von liberalen Medienlandschaften befinden. Oder wenigstens ihre Kollegen unterstützen, die sich gerade im Kampf gegen Korrumpierung und Repression befinden. Am besten wäre es, in den meistgelesenen Tageszeitungen weltweit einmal wöchentlich eine Seite einzurichten, in der von der Situation von Kollegen berichtet wird, die sich dem Kampf gegen gesellschaftliche, politische und ökonomische Missstände verschrieben haben.

So. Um meiner nun so dreist in den Raum gestellten Forderung gleich nachzukommen, hier ein Hinweis auf die Arbeit der Izvestija Kaliningrad, von der heute der gesamte Druck beschlagnahmt wurde, unter dem Vorwand, dass darin extremistische Aussagen getätigt werden. In Wahrheit veröffentlichte die Zeitung einen offenen Brief an Medvedev, in welchem von über 2000 Bürgern die Absetzung der regionalen Regierung gefordert wurde. So etwas kann man natürlich nicht auf sich sitzen lassen, also einfach mal Zensur darüber.

http://www.reporter-ohne-grenzen.de/presse/pressemitteilungen/news-nachr...

Der internationale Journalismus musste lange genug stillschweigend vieles hinnehmen, was gegen ihn abgezogen wurde. Und wenn es schon keine eigene wöchentliche Seite dafür gibt, dann wenigstens mehr als eine sinnlose Kurzmeldung darüber, die ohnehin von den meisten Lesern überlesen wird. Denn langsam ist es an der Zeit internationale Kollegialität zu zeigen und offen gegen die Skandale innerhalb und außerhalb der eigenen Länder einzutreten. Denn wer wird sonst etwas bringen, wenn nicht die Kollegen, die ein Medium zur Verfügung haben?
Und wenn das eh „leicht gesagt“ ist, hier in Österreich, dann sollte es ja auch leicht durchführbar sein.

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