GIRLPOWER

Instagram&Co sind im Wandel - weg von Smoothiebowls und Detox-Tee hin zu Trauerbewältigung, Body Positivity und Feminismus. Modekonzerne haben den Trend erkannt, doch wo sind die Männer?  

Von Alexandra Stanić

„Ich hab lange überlegt, ob ich das öffentlich machen will.“ Mit diesen Worten teilt Jaqueline Scheiber ein schweres Schicksal mit der Instagram-Welt. „Heute bin ich neben meinem leblosen Partner aufgewacht. Weil sein Herz einfach so zu schlagen aufhörte“, schreibt sie weiter. Auf dem Foto ist ein glückliches Pärchen zu sehen, das gerade Selfies macht. In kürzester Zeit reagieren über 200 Instagram-User auf ihre Worte, der Großteil davon sind Frauen. Sie alle schicken Jaqueline Umarmungen, wünschen ihr Kraft, sprechen ihr Beileid aus. Sie erzählen von ihren Schicksalsschlägen, bieten Trost und schreiben von Tränen, die sie nicht zurückhalten konnten. „Mir folgen sehr sensible, emotionale und reflektierte Frauen auf Instagram“, erklärt die 23-Jährige. „Sie wollen nicht voyeuristisch sein, sondern bewusst an meinem Leben teilnehmen.“ Was in all dieser Trauer und dieser Fassungslosigkeit schnell zum Vorschein kommt, ist die starke virtuelle Unterstützung, die Jaqueline von ihren LeserInnen erhält - aus Followerinnen werden Freundinnen.

Jungautorin Jaqueline Scheiber
DIe Jungautorin Jaqueline Scheiber geht auf ihrem Instagram-Kanal offen mit ihrer Trauer um und erreicht damit Tausende.

Geschichten wie die von Jaqueline machen eines klar: Social Media-Kanäle sind weitaus mehr als oberflächliche Plattformen, auf denen man sich selbst bestmöglich ablichtet und Emojis als Beschreibung seiner Bilder nutzt. Es kommt zwar darauf an, in welcher „Blase“ man sich befindet, aber Channels wie Facebook oder Instagram werden immer öfter als Netzwerke genutzt, um Trauer zu verarbeiten, Hilfe anzubieten oder um sich für ein besseres Frauenbild in der Gesellschaft einzusetzen. Eine große Gemeinsamkeit haben all diese Netzwerke: Es sind meist Frauen, die interagieren und Unterstützung suchen und finden.

Freunde aus dem Internet

Jaqueline schreibt seit über sieben Jahren auf ihrem Lyrik-Prosa-Blog minusgold. Die letzten Monate ging es in ihren Texten um die Verarbeitung ihrer Trauer, die sie fotografisch begleitet. Sie geht öffentlich mit ihrem Leid um, es ist nicht mehr nur persönlich, sondern auch ein offener Dialog. Der Preis, den sie dafür bezahlt? Unverständnis von alten Freunden und Bekannten. Aber wenn manche gehen, tauchen andere auf. Jaqueline schließt Freundschaften, die bisher auf Likes und Kommentaren beruhten. Sie erhält etliche Privatnachrichten von fremden Menschen. „Ich bin so weit weg von dir und doch bist du mir so nahe“, schreibt eine junge Frau aus Deutschland. Eine andere tippt: „Deine Trauer trifft mich wie eine Kanonenkugel. Mitten in den Bauch, mitten ins Herz.“ Jaquelines Gedanken gehen Tausenden nahe. Sie selbst therapiert sich mit den Worten, die sie ins Internet setzt und versucht gleichzeitig anderen zu helfen.

Support your local girl gang
Sprüche wie "Support your local girl gang" finden in den letzten Monaten großen Anklang

 

Eine von diesen vom-Internet-zur-Realität-Freundschaften ist mit Sophie Nawratil entstanden. Die 22-jährige Wienerin folgt Jaqueline schon länger auf Instagram. Es sind diese 20, 30 Follower, die man schon lange hat und kennt. Jeder, der auf Social Media aktiv ist, weiß, wovon die Rede ist. Die beiden Frauen treffen sich zu einem Spaziergang, beim ersten Mal ist noch eine gemeinsame Freundin dabei, in Zukunft werden sie sich auch alleine treffen. Jaqueline rutscht in einen neuen Freundeskreis. „Ich habe den Großteil meiner alten Freunde verloren, viele konnten nicht mit meiner Trauer umgehen“, erklärt sie. Für Sophie selbst ist es nichts Neues, eine Person, die sie „aus dem Internet kennt“, zu treffen. „Ich konnte auf diesem Weg viele enge Freundschaften schließen“, erzählt die Studentin. „Meine gute Menschenkenntnis leitet mich da zum Glück in die richtige Richtung.“

the future is female -hoffentlich stimmt dieser Spruch
the future is female -hoffentlich stimmt dieser Spruch

 

Wo bleiben die Männer?

Sophie ist auch Teil der „Zero Waste“-Gruppe auf Facebook, die rund 3870 Mitglieder zählt. Hier werden täglich Fragen und Tipps zum Thema Minimalismus und Nachhaltigkeit gestellt. Interessant: Auch hier sind es, wie bei Jaquelines Instagram-Feed, größtenteils Frauen, die sich unterhalten. Sie besprechen, wo man verpackungsfreie Lebensmittel in Wien kauft, wie man Seife selber herstellt oder wie man alte Kleidung am besten wiederverwertet. „Ich bin ein großer Fan solcher Facebook-Gruppen, weil man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann“, erzählt Sophie. Auf die Frage, warum sie glaubt, dass es mehrheitlich Frauen sind, die einander helfen und interagieren, antwortet sie: „Wir Frauen sind es gewohnt, um Hilfe zu bitten. Frauen sind auch eher jene, die sich zu neuen Communities zusammentun oder sich mit ‚Fremden‘ austauschen.“ Von Männern werde erwartet, stark zu sein, alles zu wissen und alles zu können. Das klinge ziemlich sexistisch, zeige aber nur, wie wichtig Feminismus ist. „So ungern sich eine Frau in die Rolle des schwachen Geschlechts drängen lässt, so sehr finden sich Männer in der Rolle des ‚Starken‘ nicht wieder.“

In den Zero Waste Gruppen findet man fast keine Männer
Instagram

 

In der Zero-Waste-Gruppe entsteht bei der Frage nach dem Fernbleiben von Männern eine angeregte Diskussion. „Ich denke, dass in vielen Haushalten einfach nach wie vor Frauen ‚Head of Einkauf‘ sind und sich deswegen mehr damit beschäftigen und ihre Partner da nur mitziehen“, schreibt eine Userin. Eine andere argumentiert, dass sie einige Männer kennt, die sich mit Umwelt und Müllvermeidung auseinandersetzen, aber keinen Facebook-Gruppen beigetreten sind. „Ich denke, das ist eher ein Frauending, würde aber nicht behaupten, dass Männer grundsätzlich weniger interessiert sind.“ Auch eine spannende Antwort: „Weil es hier hauptsächlich um Haushalt geht und Mädchen eingeimpft wird, dass sie dafür zuständig sind.“ In der Diskussionsrunde meldet sich übrigens nur ein Mann zu Wort.  Aber auch in anderen, derzeit trendigen, Bereichen mangelt es an männlichen Kollegen. Der Body Positivity-Hype, der gerade kursiert, ist wohl auch ein „Frauending“. Über zwei Millionen Mal wurde der Hashtag bodypositive bisher genutzt, ein kurzes Durchscrollen zeigt, dass dieses Thema größtenteils Frauen zu interessieren scheint. Die Bewegung „Body Positivity“ setzt sich dafür ein, dass jeder Körper, mit all seinen Narben, Dehnungen und Fett als schön empfunden wird. Die Plus Size-Bloggerin Justyna Ziarko hat eine simple Erklärung für die männliche Abstinenz. „Männer müssen sich im Gegensatz zu Frauen nicht abheben“, erklärt sie. „Es ist selbstverständlich, dass sie etwas ‚mehr‘ haben, das lässt sie noch männlicher wirken.“ Männer seien eher von Bodyshaming betroffen, wenn sie dünner sind. Die 28-Jährige bemerkt einen Trend auf Social Media, der in Richtung Selbstakzeptanz und Selbstbewusstsein geht. „Body Positivity kommt langsam auch in Österreich an, Frauen haben keine Lust mehr, sich aufgrund ihrer Kurven zu verstecken“, so Justyna. Zuletzt war sie auf einem Plus-Size-Kleidertausch, der von der kürzlich entstandenen Community organisiert wurde.

Pussy Power

Den Trend hin zu Selbstbewusstsein, Akzeptanz des eigenen Körpers und Girlpower haben auch Modekonzerne für sich entdeckt. Labels, die bekannt für ihre Fotos mit Magermodels sind, nutzen das große Interesse an Girlpower bestmöglich. Sieht man sich in internationalen Fashion-Shops um, sind dort etliche, oft rosa Kleidungsstücke, die mit Sprüchen wie „Believe in your female energy“ oder „support the girls“ zu finden. Es ist fragwürdig, inwieweit Frauenpower und -rechte für manch eines dieser Unternehmen wichtig sind, immerhin arbeiten ihre Girls, also ihren Näherinnen, oft unter prekären Bedingungen in Ländern wie Bangladesch. Dabei kämpft Feminismus um Gleichberechtigung und faire Chancen und Konditionen. Aber zumindest verbreiten sie die Girlpower-Message. Oder?

Die Fotos sind in Kooperation mit Wiener Portraits entstanden, unter #VIIEgirlgang gibt es auf Instagram mehr Bilder
Die Fotos sind in Kooperation mit Wiener Portraits entstanden, unter #VIIEgirlgang gibt es auf Instagram mehr Bilder

Nadia Librowicz hat sich eines dieser vermeintlich feministischen Shirts zugelegt, ihres ziert der Spruch „Pussy Power“. „Mir gefällt, dass der Spruch das Klischee des ‚schwachen weiblichen Geschlechts‘ bricht“, erklärt die 23-jährige Deutschstudentin. „Er sagt mir, dass wir Frauen eine Vulva haben, ein wundervoll starkes Geschlecht, das uns allen Kraft verleiht.“ Ob es nicht problematisch sei, dass Modehäuser, die nicht nach ethischen Konditionen produzieren, von diesem Trend profitieren? „Ist es auf jeden Fall. Als kritische Konsumentinnen obliegt es am Ende uns, ob und wie weit wir dieses Vorgehen unterstützen wollen.“ Grundsätzlich hält es Nadia für wichtig, dass das weibliche Geschlecht aus der dunklen Ecke herausgeholt wird. „Am besten wäre es, wenn alle auf den Girlpower-Zug aufspringen und mitfahren, bis es keinen Zug mehr braucht.“ Sie denkt bei der Macht von Mode vor allem an andere Beispiele, die auch ins Gewicht fallen. „Auf Mädchenshirts steht oft ‚cute' oder ‚sexy‘, während Jungenshirts mit ‚Superheld‘ oder ‚Genius‘ abgedruckt werden“, gibt sie zu bedenken. „Vielleicht sind modische, starke Statements wie ‚Pussy Power’ insofern wichtig, als dass sie hier eine Gegenposition zeigen.“ Es ist gerechtfertigt, zu kritisieren, dass Girlpower derzeitig im Trend liegt und manche nur mitmachen, weil es gerade in ist. Die Arbeitsbedingungen vieler Fast Fashion-Konzerne sind inakzeptabel, dagegen muss man vorgehen. Aber vielleicht erwecken Sprüche wie „support your local girl gang“ ein Bewusstsein bei Frauen, die sich sonst nie für Feminismus interessiert hätten? Und womöglich sind es schlussendlich genau jene Frauen, die sich für faire und nachhaltige Produktion von Kleidung einsetzen? So gäbe es in all dieser Ungerechtigkeit doch noch einen kleinen Lichtblick. Betrachten wir also das große Ganze: Es ist gut, wenn eine wichtige Message Anklang findet. Außerdem ist an dem Spruch „The future is female“ hoffentlich auch etwas Wahres dran.

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