Heiraten zwischen Pinterest und Heimatdorf-Tradition

Du dachtest, du kannst deine Hochzeit im Alleingang gestalten? Think again! Denn deine Eltern, Schwiegereltern und Dorfbewohner haben auch ein Wörtchen mitzureden. Wie setzt frau nun ihre Pinterest-Hochzeit um, wenn die Familie auf Traditionen aus der alten Heimat besteht?

von Jelena Pantić und Marko Mestrović  (Fotos) 

Stell dir vor, du hast den passenden Bräutigam gefunden, deine Pinterest-Pinnwände sind zum Bersten voll mit Ideen für Blumengestecke und Locations und sogar das Budget für das Fest aller Feste ist schon festgesetzt. Wen du in deinem Hollywoodhochzeit-Masterplan aber nicht bedacht hast: Deine Eltern, Schwiegereltern und Heimatdorfbewohner. Noch immer sitzen meistens Frauen im Hochzeitsplanungskomitee und sie kennen die Faustregeln: Je größer, je mehr Traditionen und je mehr Leute sich einmischen, desto stressiger. Bräute aus der Community haben in der Regel größere Familien und damit mehr Menschen, die eingeladen werden und auch mehr, die mitmischen wollen. Da die Eltern des Brautpaares oft die Hochzeit bezahlen, dürfen sie auch bestimmen, was mit ihrem Geld passiert. Oft gar nicht zur Freude der Tochter oder Schwiegertochter, die sich ihren "großen Tag" natürlich ganz anders vorgestellt hat. Denn die Braut von heute sucht eher auf Pinterest als im Orthodoxie-Forum nach Inspiration für ihre Hochzeit. Sie will unter 300 Gäste, Brautjungfern, ein Haute Couture Kleid mit Ausschnitt und Pinterest-Deko. Schwiegermonster äh Mutter will ihren Sohn drei Tage lang unter Planenzelt mit Kieselboden in der Heimat verheiraten und natürlich darf der Cousin 13. Grades mit Frau und vier Kindern nicht fehlen. Schnell wird klar: Bräute von heute erwartet ein großer Spagat zwischen Tradition und Glamour-Hochzeit.

Photostudio Zoran Mrdjenovic
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In den Bridezilla-Modus gedrängt

Für Ivana war die Planung ihrer Traumhochzeit beinahe traumatisch. Sie erzählt lachend, dass sie noch immer im Verarbeitungsprozess steckt. Sie sagt von sich selbst, dass sie eine Bridezilla war, denn an ihrem großen Tag sollte alles perfekt und bis ins kleinste Detail geplant sein - und das kostet Geld und Nerven. Einen Wedding Planner zu engagieren war ihre beste Entscheidung, dennoch konnte Ivana die Hochzeitszügel nicht ganz aus der Hand lassen. Denn das ganze Unterfangen war ihrem Kopf entsprungen und demnach auch in ihren Händen am besten aufgehoben. Kontrolle abgeben? Fehlanzeige. Sechs Monate hat sie nach der perfekten Location gesucht, zwei Bands gebucht, damit alle zufrieden sind und die Anzahl der Hortensien im Blumenarrangement bestimmt. Der Druck und Stress von Micromanaging führte zu schlaflosen Nächten und verlorenen Kilos, sodass das auf den Millimeter angepasste Brautkleid am Tag der Hochzeit zu locker saß. Nach zwei Jahren Planung hat Ivana ihre perfekte Pinterest-Hochzeit bekommen, inklusive Haute Couture Robe aus Tel Aviv, Jimmy Choo Hochzeitsschuhen aus Mailand, Wedding Planner und Vera Wang Kristallgläsern. Der Weg dahin war aber ein ständiger Balanceakt zwischen dem, was das Brautpaar will und “was sich gehört”. Die größte Streitfrage: Wie soll die Erinnerung an den Hochzeitstag festgehalten werden? Ivana erklärt: “Ich wollte 20 Stunden ungeschnittenes Videomaterial, 14 DVDs und ein Fotoalbum voller verschwitzter Leute und offener Kaumünder vermeiden. Deshalb habe ich statt dem klassischen Balkan-Videografen einen Fineart-Wedding-Fotografen und ein dreiköpfiges Videoteam engagiert.” Das Ergebnis: Ein kinoreifer zweistündiger Film als Hochzeitsvideo, von dem ihre Familie immer noch nicht ganz begeistert ist. Aber da ließ Ivana nicht mit sich verhandeln. Wenn du als Braut deine Wünsche durchsetzen willst, musst du bereit sein dafür zu kämpfen.

Meine Hochzeit, meine Regeln
Meine Hochzeit, meine Regeln

Traditionen delegieren

Die 25-jährige Tatjana musste hingegen keine Kampftechniken anwenden, um ihre Traumhochzeit durchzusetzen. Wie bei Ivana gab es in Dingen wie Deko und Brautkleid keinerlei Vorschriften, sie konnte ihre Wünsche voll und ganz einbringen. Ihre Hochzeit in Bosnien wurde von vielen Bräuchen geschmückt. Viele vor allem junge Bräute halten diese Bräuche für überholt, unnötig und auch sexistisch. Nicht so für Tatjana, sie ist mit Traditionen aufgewachsen und hatte auch nicht vor gegen sie zu rebellieren, im Gegenteil, sie hat sie begrüßt. Es war für sie selbstverständlich, dass ihr Bräutigam “den Apfel abschießt”. Wenn der Bräutigam die Braut aus dem Haus ihrer Eltern mit seiner Hochzeitsgesellschaft abholt, muss er mit dem Gewehr einen an einem hohen Mast befestigten Apfel abschießen, um seine Braut überhaupt mitnehmen zu dürfen. Zwei Versuche hat er, um zu beweisen, dass er seine Zukünftige verdient hat. Tatjanas Mann hat den Apfel souverän abgeschossen und seine Gäste durften zur Hochzeitsgesellschaft der Braut hinzustoßen und gemeinsam feiern. Auch wenn er den Apfel nicht abgeschossen hätte, hätten die beiden natürlich geheiratet, aber so war es weniger peinlich. Viele der Traditionen sind stark patriarchalisch geprägt, wie zum Beispiel, dass die Braut abgekauft wird und die Männer um den Preis für die Braut verhandeln. Heute ist das alles nur Spaß, früher war es vermutlich nicht so spaßig. Jedenfalls bringen die Bräute heute ihren eigenen Twist rein. Beispielsweise hat Tatjana sich nicht wie traditionell üblich von Bruder oder Cousin aus dem Haus begleiten lassen, sondern von ihren beiden jüngeren Schwestern. Tatjana hat als Braut einen besonders angenehmen Umgang mit den Bräuchen und Traditionen gewählt: Sie hat diesen Bereich einfach voll und ganz ihren Eltern überlassen. Sie kannten die Bräuche besser und wussten was zu tun ist. An die Eltern delegiert hat sie auch die Kommunikation mit den Verwandten. Wer wann wo sein muss, haben Mama und Papa verlautet. So konnte sich Tatjana voll und ganz auf die passende Farbe der Blumendekoration und die Spitzendetails für ihren Bolero für die Kirche konzentrieren. Von ihrer serbisch-orthodoxen Hochzeit in Bosnien hatte sie diesen Eindruck: “Diese traditionellen Sachen auf der Hochzeit sind bei all meinen Freunden, also der jüngeren Generation, sehr gut angekommen und die Älteren haben sich darüber gefreut, die Bräuche wieder zu sehen.” Klingt nach einem super Kompromiss.

Fotostudio Zoran Mrdjenovic
Fotostudio Zoran Mrdjenovic

Zuckerl, Reis und Alkohol
Bahar musste einen großen Kompromiss eingehen. Sie wollte nie im Leben eine türkische Hochzeit mit 1000 Gästen feiern. Ihre Mutter sah das anders: “Ich hab meine Mama gebeten nicht jeden, den sie kennt, auch einzuladen oder die Gästeanzahl zumindest etwas einzuschränken.” Letztendlich feierten sie mit 800 Gästen. Und sie feierten drei Mal. Einmal gab es nach dem Standesamt eine kleine Agape mit 60 Leuten in Wien, danach die riesige Hochzeitsfeier mit 800 Gästen und zwei Wochen später eine im Verhältnis kleine Party, mit 350 Gästen in Istanbul. Bahar hat sich traditionell von ihrer Familie verabschiedet und wurde von der Familie ihres Mannes von ihrem alten Zuhause abgeholt. Vor der Tür wurde kurz gebetet und dann durfte sie mit “Davul und Zurna”, also unter Trommelwirbel und Oboen mit ihrem Mann ins Auto steigen. Als symbolisches Zeichen wurden dem Brautpaar Zuckerl und Reis für eine süße und schöne Ehe nachgeworfen. Bahar war also bereit, gewisse Bräuche einzuhalten und bei der Gästeanzahl aufzustocken, dafür konnte sie ihren Wunsch-DJ durchsetzen, der nicht nur traditionelle Musik spielte, sondern auch moderne. Bei türkischen Hochzeiten ist es außerdem üblich, dass ein Moderator die Geschenke der Gäste vor versammelter Hochzeitsgesellschaft per Mikrofon annonciert. Da wollten Bahar und ihr Mann wirklich nicht nachgeben. Bei der Hochzeit gab es also keine moderierte Geschenkeshow, dafür eine Menge Alkohol. Im Endeffekt war es so, dass Bahar bei manchen Dingen nachgegeben hat und bei anderen genau das bekommen hat, was sie wollte - ein schönes Gleichgewicht und ein paar Hochzeitstage, an die sie und ihr Mann immer gerne zurückdenken.

Foto: Marko Mestrovic
Foto: Ceren Basol

Der (un)glücklichste Tag im Leben

Doch nicht alle Bräute haben das Glück, kompromissbereite Wedding Planner hinter sich zu haben. Marija* hat nicht die Traumhochzeit bekommen, die sie sich von klein auf gewünscht hat. Sie war nicht einmal nah dran. Ihre Schwiegereltern haben auf ihre ganz eigenen Bräuche und Traditionen bestanden und sind keinen Millimeter abgewichen.

Marija würde mir gerne detailliert erzählen, bei welchen Bräuchen sie da nachgeben musste - sie hat jedoch praktisch nichts verstanden. Die Hochzeit war nämlich durchgehend auf einer Sprache, die sie nicht verstand, der serbischen Variante von Wallachisch, einer Mischung aus Serbisch und Alt-Rumänisch. Einer der Bräuche auf ihrer Hochzeit war, dass Braut und Bräutigam sich vor die Trauzeugen stellen und sich vor ihnen und der versammelten Hochzeitsgesellschaft übers Mikrofon für den Akt entschuldigen, der in dieser Nacht vollzogen wird. Ihr wisst schon. Vielleicht fanden ihre Schwiegereltern selbst diese Bräuche gar nicht so großartig, aber es spielt ein ganz wichtiger Faktor mit: “Was werden die Leute sagen?” Das stellt die Schwiegertochter vor einen beinahe aussichtslosen Kampf. “Da kann die Braut nicht wirklich viel tun, außer sie möchte das Verhältnis schon zu Beginn zerstören. Dazu braucht es einen zukünftigen Mann, der sich gegen seine Eltern stellt und sich für seine Wünsche und die seiner Zukünftigen einsetzt. Aber nicht einmal das muss unbedingt erfolgreich sein und für alle gut ausgehen”, erzählt sie. Kürzlich sind Marija und ihr Mann Eltern geworden und leben ihr post-Hochzeit-Leben so wie sie es wollen, ohne die ständig wachenden Augen ihres Umfelds. Dennoch möchte Marija anonym bleiben, um ihre Schwiegereltern nicht zu verärgern und “naja, du weißt schon, des Dorfes wegen”.

Foto: Marko Mestrovic
Foto: Marko Mestrovic

Der wichtigste Faktor bei einer Hochzeit scheint aber dennoch Geld zu sein, denn wer es vorstreckt, hat die Macht. Bräute mit schwierigen Schwiegereltern und wenig verständnisvollen Eltern sind also gut beraten, rechtzeitig genug Geld auf die Seite zu legen, um ihr Fest selbst zu bezahlen. Aber auch dann besteht die Gefahr, dass Beleidigung und Verrat so groß sind, dass gewisse Familienmitglieder nicht zur Hochzeit kommen. Hochzeit: Tradition oder Traum? Sieht aus, als wäre das mehr Glückssache als Verhandlungsgeschick.

 

Steckbriefe:

Ivana Cucujkić-Panić, 33

Hard facts: Jahr 2014, 170 Gäste, in Wien

inspiriert durch: Pinterest und iranische Hochzeiten

Das hat sie durchgesetzt: Kinoreifes Video, Haute Couture Robe, Designerschuhe

Das musste sie aufgeben: ihre Nerven

Thomas Steibl
Thomas Steibl

Tatjana Trebovac, 25

Hard facts: 2015, 330 Gäste, in Prijedor

War am Tag der Hochzeit: hundemüde und in Trancezustand, empfiehlt jedem einen Wedding Planner

Traditionsfaktor: hoch und an die Eltern delegiert

Emotionalste Momente: als sie das erste Mal ihren Bräutigam an dem Tag sah und die “Verabschiedung” von ihrem Vater

Studio Zoran Mrdjenovic
Studio Zoran Mrdjenovic

Bahar Tugrul-Isik, 30

Hard facts: Jahr 2016, insgesamt ca. 1200 Gäste, in Wien und Istanbul

Besonderes: hat drei Mal gefeiert, einmal die Agape nach dem Standesamt, dann die 800-Leute-Party in Wien und dann die 350-Gäste-Feier in Istanbul

Das hat sie durchgesetzt: Alkohol, moderner DJ, keine Mikrofonansage der Geschenke

Da musste sie nachgeben: Anzahl der Gäste 

Foto: Ceren Basol
Foto: Ceren Basol

 

 

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