Held oder Hund?

Für die Serben ein Held, für Bosnier bis heute Terrorist. Gavrilo Princip geistert auch 100 Jahre nach dem Attentat von Sarajevo durch Bosnien und spaltet das Land. Redakteur Krsto Lazarević geht auf Spurensuche und findet den Großneffen des Attentäters in einem Motel am Stadtrand von Sarajevo.

Krsto Lazarević aus Sarajevo (Text und Fotos)

 

28 Juni 1914, Sarajevo: Der 17-Jährige Vaso Čabrinović wirft eine Bombe auf den Wagen des Thronfolgers Franz Ferdinand. Die Bombe prallt an dessen Arm ab und explodiert hinter dem Wagen. Der erfolglose Attentäter schluckt eine Zyankali-Kapsel und springt in den Fluss Miljacka. Das Gift wirkt nicht und der Fluss ist an dieser Stelle nicht besonders tief. Čabrinović wird von der aufgebrachten Menge fast gelyncht und daraufhin verhaftet. 

 

Der Mitverschwörer Gavrilo Princip beobachtet diese Szenen und entscheidet sich in der Menge unterzutauchen und sich in ein Kaffee zu setzen. Dort denkt er über Selbstmord nach, um der Verhaftung zu entgehen. Durch einen Zufall überquert der Wagen des Thronfolgers die Lateinerbrücke und hält direkt vor dem Kaffee, in dem Princip sitzt. Der 19- Jährige zögert nicht, nimmt seine Pistole, steht auf und drückt zwei Mal ab. Die Ermordung Franz Ferdinands und seiner Frau wurde für Österreich-Ungarn zu einem Vorwand für den Angriff auf Serbien, womit eine Kettenreaktion ausgelöst wurde, welche die gesamte Welt in den Krieg führte. Das Attentat war Auslöser, nicht Grund für den ersten Weltkrieg.

 

"Unsere Geister schleichen durch Wien"

Gavrilo Princip selbst wird in der Haftanstalt und späterem Konzentrationslager Theresienstadt in einen Kerker geworfen. Dort wird er in einer kleinen, dunklen und feuchten Zelle gehalten, darf keinen Besuch empfangen, muss in einen Eimer scheißen, der selten geleert wird, und erliegt am 28.April 1918 an einer Knochentuberkulose, nachdem bereits sein rechter Arm amputiert wurde. Weil er nach damaligem österreichischem Gesetz minderjährig war, entging er der Todesstrafe. Mit dem Stil eines Löffels hat er an die Wand seiner Zelle geschrieben: "Unsere Geister schleichen durch Wien und raunen durch die Paläste und lassen die Herren erzittern."

Gavrilo-Princip-Grafitti in Belgrad. (Foto: picturedesk.com) "Wenn du mich fragst, sollten die Franz Ferdinand und Gavrilo Princip ein Denkmal errichten. Dieses Attentat hat Sarajevo in der Welt doch erst bekannt gemacht". Der 22-jährige Politikwissenschaft-Student Hamid Salihagić sitzt in einem Imbiss unweit der Lateinerbrücke in der osmanisch geprägten Altstadt Sarajevos und isst eine Portion Ćevapčići: "Meine Eltern haben in der Schule noch beigebracht bekommen, Gavrilo Princip sei ein Held. Heute halten ihn die meisten Muslime für einen Terroristen. Das ist so ein Ding hier: Wenn die Serben behaupten, er sei ein Held, müssen wir das Gegenteil behaupten."

 

Sarajevo ist multikulturell. Moscheen, Synagogen, katholische und orthodoxe Kirchen prägen das Stadtbild. Im Zentrum der Stadt steht eine Statue, ein Mann umringt von Friedenstauben, mit dem Titel: "Der multikulturelle Mensch erschafft die Welt". Interreligiöse Ehen sind eine Selbstverständlichkeit. Viele Altbauten stammen noch aus der Zeit der österreich-ungarischen Besatzung. Hamid Salihagić sieht dieses Erbe zwiegespalten: "Es wurden Schulen und Universitäten gegründet, die auch von Frauen besucht werden durften, eine Industrie wurde aufgebaut und neue Städte wurden errichtet. Aber das haben die natürlich nicht aus Liebe getan. Mit bosnischen Ressourcen, Arbeitskraft und Wäldern wurden große Teile Budapests und Wiens errichtet."

 

Die Frage, die sich unweigerlich aufdringt: War Gavrilo Princip nun ein Held oder ein Terrorist? Hamid antwortet: "Er war ein Terrorist, aber nicht in dem Sinne, wie wir das Wort heute verstehen. Er war 19 Jahre alt und naiv. Die Schwarze Hand, die Organisation, die das Attentat organisierte, wollte ein großserbisches Reich aufbauen. Das sind die ideologischen Vorläufer von Slobodan Milosević. Ich glaube nicht, dass Gavrilo Princip ein serbischer Nationalist war, aber er wurde von den serbischen Nationalisten missbraucht."

 

Vor der Flut sind alle gleich

21. Mai 2014 in Sarajevo: Nachdem innerhalb von zwei Tagen der Niederschlag von vier Monaten auf  Bosnien-Herzegowina niedergeprügelt ist, liegt ein großer Teil des Landes unter Wasser. An diesem Tag kommt zum ersten Mal die Sonne wieder hervor, das schlimmste scheint überwunden. In den überfluteten Regionen wird Hilfe organisiert. Dieser Tage scheint es keine Rolle zu spielen, wer Bosniake, Kroate oder Serbe ist. Das ganze Land ist auf den Beinen, man hilft sich gegenseitig. Die Frage, ob Gavrilo Princip ein Held oder ein Terrorist ist, teilt das Land allerdings weiterhin.

 

Auf dem Friedhof Koševo in Sarajevo trocknen die Gräber. Am Eingang des Friedhofs befindet sich ein großer Grabstein für Gavrilo Princip und die anderen Mitglieder der "Mlada Bosna" (Anm.: Junges Bosnien), einer revolutionären Vereinigung von Schülern und Studenten zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die Besatzer aus Österreich-Ungarn. Dahinter eine serbisch-orthodoxe Kapelle, die den Attentätern gewidmet ist. Am Fuße des Grabs liegt eine welkende Rose, im Grab spiegeln sich zwei Blockbauten aus der Zeit Jugoslawiens. Hier wurde den Attentätern ein Denkmal gesetzt. Hier liegt der tote Gavrilo Princip begraben.

 

Gavrilo Princip mag keine Journalisten

Der lebendige Gavrilo Princip ist 61 Jahre alt, Großneffe des berühmten Attentäters, wohnt in Ostsarajevo und ist Direktor eines Motels und einer Tankstelle unweit des Flughafens. Am Ortseingang ist ein Schild, auf dem Sarajevo durchgestrichen ist, dahinter eines, auf dem steht: "Willkommen in der Republika Srpska". Hier wehen serbische Fahnen. Ostsarajevo ist nicht der östliche Teil Sarajevos, sondern eine Ansammlung von kleinen Dörfern östlich von Sarajevo. Gavrilo Princip, der von allen nur liebevoll "Bato" genannt wird, hat aber keinen Bock mehr auf Journalisten: "Ich habe schon so viele Interviews gegeben, ich habe da einfach keine Zeit dafür. Außerdem gefällt es mir nicht, wie die mich darstellen", lässt er mich wissen und verweigert jedes weitere Gespräch.

 

Das Grab des Gavrilo Princip. (Foto: Krsto Lazarevic) Unweit des Motels sitzen Schüler aus Ostsarajevo und spielen mit ihren Smartphones. Was denken sie über Gavrilo Princip? "Warum fragst du das? Journalist, mhmmm. Wir hoffen, dass dein Artikel keine Propaganda wird, in der du Gavrilo Princip als Terroristen darstellst." Ein anderer ergänzt: "Jeder normale Mensch muss doch einsehen, dass Gavrilo Princip ein Held ist." Da drängt sich natürlich die Frage auf, warum das nicht alle so sehen. Der erste erklärt: "Die Moslems lernen in der Schule, dass er ein Terrorist war und glauben das. Sie kennen die Geschichte nicht, sie selber haben doch gar keine eigene Geschichte."

 

Das Schulsystem in Bosnien-Herzegowina ist nicht darauf ausgerichtet die Grundlage für ein konstruktives Zusammenleben zu errichten. Die meisten Schulen bieten sogenannte monoethnische Lehrpläne an. Das heißt: Bosniaken, Kroaten und Serben haben ihre eigenen Geschichtsbücher und diese sind, gelinde formuliert, nicht immer kritisch und differenziert. Zudem gibt es geteilte Schulen, dort lernen die Kinder zwar unter einem Dach, aber nicht in denselben Klassen, damit die kleine Maria und der kleine Murat nicht nebeneinander sitzen müssen.

 

Zurück in Sarajevo auf der Lateinerbrücke. Dort wo der Erzherzog vor 100 Jahren dem Attentat zu Opfer fiel, steht heute das "Museum für die Geschichte Sarajevos in den Jahren 1878 bis 1914", die Zeit der Österreich-Ungarischen Besatzung. Mirsad Avdic hat während des Krieges in Berlin gelebt und dort auf dem Bau gearbeitet. Heute ist er Historiker und Museumskurator: "Diese Polemiken darüber, ob Gavrilo Princip ein Held oder ein Terrorist war, bringen niemanden weiter. Wir versuchen den Menschen Informationen in die Hand zu geben, damit sie selbst entscheiden können, wie sie vergangene Ereignisse bewerten. Wir hatten hier genug Streit, es würde allen helfen, das etwas lockerer zu sehen. Diese nationalen Mythen, das bringt niemandem etwas."

 

Info:

Nach dem Attentat von Sarajevo erklärte die damalige Großmacht Österreich-Ungarn am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg und zündete damit den Funken für den Ersten Weltkrieg. Insgesamt 40 Staaten haben sich am bis dahin größten Krieg der Welt beteiligt. Unter anderem kämpften damals Österreich-Ungarn, Deutschland, das Osmanische Reich und Bulgarien auf der einen Seite gegen Frankreich, Großbritannien, Russland, Serbien und Italien auf der anderen Seite. Der Krieg forderte zehn Millionen Menschenleben und bedeutete das Aus für die Großmacht Österreich-Ungarn.

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