Helden ohne Beine

Fünf ukrainische Soldaten, die der Krieg in der Ostukraine zu Invaliden gemacht hat, lernen in einem Rehabilitationszentrum in Österreich wieder das Gehen. Die ukrainische Journalistin Lidiia Akryshora hat die Ex-Soldaten für biber besucht und mit ihnen über ihre Verletzungen und ihr neues Leben auf Krücken gesprochen.

von Lidiia Akryshora

Es ist ein sauberer und heller Gang im Rehabilitationszentrum. An den Wänden hängen schöne Gemälde, gegenüber befindet sich ein großes Fenster, dahinter ist die Besuchsstation. Dort spielen die Männer Billard. Ich bin angespannt und frage mich, was sie mir erzählen werden. Ich bin Ukrainerin, die in Österreich lebt, arbeitet und studiert. Sie sind Soldaten, die in der Ostukraine verletzt wurden. Alle haben im Krieg ein Bein verloren, ein Mann sogar beide. Alle werden zu Hause von ihren Familien erwartet, alle sind unsere Helden.

Ukrainische Soldaten
Foto by Marko Mestrovic
Der erste Soldat kam Anfang Februar nach Österreich. Mittlerweile sind es fünf frühere Soldaten, die versorgt werden. Weitere sollen folgen. Die Therapie ermöglicht eine Initiative, die vom österreichischen Kriegsopfer- und Behindertenverband (KOBV) sowie vom Wohltätigkeitsfonds „International Association for Support of Ukraine“ (IASU) ausgeht. Der Kriegsopferverband hat die Kosten der Rehabilitation übernommen.
Der Fond IASU hat sich um alle nötigen Dokumente, den Flug und organisatorische Angelegenheiten gekümmert. „Wir haben uns an der Initiative beteiligt, um Menschen, die durch den Krieg eine schwere Behinderung haben, bessere Perspektiven für die Zukunft zu bieten“, sagt Michael Svoboda, Präsident des Kriegsopferverbandes, gegenüber biber.

Der Kurs ,Die Gehschule‘ sieht eine Physiotherapie sowie den Umgang mit der Prothese vor. Neben dem Anlegen der Prothese üben die im Krieg verwundeten Soldaten alltägliche Situationen wie Treppensteigen oder das Gehen auf unterschiedlichen Böden. Zudem haben ukrainische Vereine aus Wien und Bratislava, sowie die ukrainisch-griechisch katholische Kirche und die ukrainische Botschaft in Wien ein Kulturprogramm für die fünf Männer organisiert.

Keine Chance, seine Beine zu retten

„Saschko, du kannst schon so lange Strecken ohne Krücken gehen“, wundert sich einer der Besucher des Rehabilitationszentrums. Sein Namensvetter Saschko B. bestätigt die Erfolge seines Kollegen: „Er lernt schneller als so manch Einbeiniger.“ Saschko Ch. wurde bei einer Minenexplosion in der Nähe der Stadt Horliwka verletzt, ihm wurden beide Beine amputiert. Die fünf Männer, vier davon mit dem Vornamen Saschko, kamen aus allen Teilen der Ukraine, um im Osten des Landes gegen die Separatisten zu kämpfen.

Sergiy R. hat in Luhansk und Schastja gekämpft. Verletzt: 5. September 2014.
Saschko Ch. hat in Horliwka und im Dorf Leninske gekämpft. Verletzt: 28. September 2014.
Saschko B. hat in Stanutsja und Schastja gekämpft. Verletzt: 6. Oktober 2014.  
Saschko K. hat in Slowjansk gekämpft. Verletzt: 28. Juni 2014.  
Saschko S. hat in Ilowajsk gekämpft. Verletzt: 29. August 2014.

Saschko Ch. erzählt seine Geschichte. Im zivilen Leben ist er Lehrer in einer Fachschule für Schweißer, außerdem besitzt er ein kleines Unternehmen in diesem Bereich. Vor acht Monaten hat der 28-jährige Mann seine Arbeitskleidung als Schweiß-Lehrer gegen eine grüne Militäruniform getauscht. „Ich habe nicht darauf gewartet, dass meine 20-jährigen Studenten zum Wehrdienst einberufen werden und ich Zuhause bleibe“, stellt er fest.

Der Tag, an dem Saschko Ch. verletzt wurde, ist ihm noch klar in Erinnerung. Es war der 28. September, um 5:30 in der Früh, als Saschko gemeinsam mit anderen Soldaten versuchte die Zivilisten aus dem Dorf Leninske in der Region Luhansk zu evakuieren. Da begann der Beschuss der Separatisten. Rundherum waren Minenfelder, deswegen begleiteten die Soldaten die Zivilisten zurück ins Dorf. Auf dem Weg zurück zum Checkpoint stieg Saschko Ch. auf eine dieser Minen. „Meine Schicht endete eigentlich um 5:00 in der Früh, aber ich wollte meine Kameraden verschonen und sie ausschlafen lassen“, so Saschko Ch. Er spricht weiter: „Gott sei Dank hat es mich getroffen, vielleicht wurde ich ausgewählt, weil ich der Stärkere bin.“ Zum nächsten Krankenhaus in Dzerjinskiy waren es 12 Kilometer. Saschko hatte sehr viel Blut verloren und kam mit niedrigem Blutdruck an. Es gab laut den Ärzten keine Chance mehr, seine beiden Beine zu retten.

Ukrainische Soldaten
Foto by Marko Mestrovic
Das Leben danach
 
Während des Interviews erzählen die Soldaten von ihrer Zeit auf dem Kriegsfeld, den vielen Opfern, die sie gesehen haben, der Traurigkeit des Todes und ihrem Leben danach. Saschko Ch. erinnert sich an seine Bekannten vom ersten Bataillon in der ukrainischen Armee, die den Flughafen in Donetsk 242 Tage verteidigten. Viele von ihnen stammen aus seiner Heimatregion Kirovohrad. „Damals gab es jeden Tag eine Beerdigung, trotzdem sind wir alle freiwillig an die Front gegangen.“ Es seien circa 200 Soldaten gestorben, viele von ihnen waren seine Freunde. Saschkos Heimatstadt Uljaniwka ist 700 km von der Front entfernt. Die Einwohner haben Angst, dass der Krieg vor ihrer Haustür ankommt.

Saschko Ch. berichtet außerdem über viele Fälle des sogenannten „Donbas“-Syndroms. Es handelt sich hierbei um eine psychische Störung von Soldaten, die in der Ostukraine gekämpft haben. Die zwei Gebiete Luhansk und Donetsk, wo derzeit gekämpft wird, nennt man auch Donbas. Soldaten mit dem „Donbas“-Syndrom kommen nicht damit zurecht, dass in der Hauptstadt Kiew das Leben weiter geht wie gewohnt während nur 600 Kilometer weiter östlich der Krieg täglich Menschen tötet oder zu Invaliden macht. Die Männer sagen mir, sie seien Glücksvögel, dass sie nicht direkt nach Hause gekommen wären. Dort wären sie angesichts der Normalität verrückt geworden. Nach der Hölle des Ostens waren sie vorerst im Spital und konnten sich so an ihre Rückkehr ins zivile Leben gewöhnen.

Humor ist die Rettung

Ukrainischer Soldat im Rollstuhl
Foto by Pavlo Bishko
Die ukrainische Community aus Wien hat den Soldaten von Anfang an Spenden gebracht, die sie zunächst nicht annehmen wollten. Großes Interesse hatten sie dafür an Kleidung, vor allem an kurzen Hosen. Die brauchen sie für ihre Übungen mit den Prothesen. Auf die Frage, wie sie nach ihrem Kriegseinsatz auf Waffen reagieren, antworten sie, es hätte sich nicht viel geändert. Während des Gesprächs erzählen sie viel von verschiedenen Waffen, Munition und Schützenpanzern. Weil ich mir kaum vorstellen kann, wie es ist an der Front zu sein, frage ich, was die Soldaten gemacht haben, wenn es unerträglich wurde. „Witze!“, stellt einer lachend fest. Aber ohne einander hätten sie nicht überlebt. „Meine Kameraden haben mich vor den Kugeln gerettet. Mein einziger Gedanke damals war nur, dass niemand meinetwegen sterben soll.“

Ich frage mich, woher diese Unbeschwertheit kommt. Keiner von ihnen jammert. Saschko B. hat den klinischen Tod überlebt. Saschko S. war der Zeuge des „Ilowajsk Kessels“, wo nach inoffiziellen Angaben etwa 1000 Soldaten gestorben sind. Laut seiner Erzählung hat er drei Tage mit Verletzung in russischer Gefangenschaft verbracht. Zwischendurch wird der professionelle Sniper dann doch traurig: “Ich habe früher gedacht, dass ich so etwas nur in Filmen sehen werde“, sagt er. Schaschko S. wartet ungeduldig auf seine Heimfahrt in die Ukraine. Nach seiner Rehabilitation will er als Militärausbildner im Bataillon „Donbas“ tätig sein.

„Slava Ukraini“

“Ohne Beine ist man kein Krüppel“, will mich Saschko Ch. am Ende unseres Gesprächs aufmuntern. Ja, es tut weh. Ja, er hat Schmerzen und er ist nicht so beweglich, wie er gerne wäre. Aber der 28-Jährige sagt, dass er gelernt habe, damit umzugehen. „Es ist nicht das Schlimmste, das ich gesehen habe“, sagt er und lächelt nachdenklich.

Ich habe mehrere Stunden mit den Soldaten verbracht. Als ich mich verabschiede, begleiten sie mich mit nach draußen. Unterwegs treffen wir eine Gruppe von Patienten. Als sie die Soldaten sehen, lächeln sie ihnen zu und sagen „Dobryi vechir“, „Guten Abend“ auf Ukrainisch. Ich muss lachen, die Österreicher haben einen lustigen Akzent. Die Soldaten haben den einheimischen Patienten ein paar Worte auf Ukrainisch beigebracht. Eine Begrüßung ist ihnen besonders wichtig: „Slava Ukraini“ - „Hoch lebe die Ukraine“.

 

Lidiia Akryshora hat Journalismus in der Ukraine studiert und lebt derzeit in Wien.

 

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