Ich will meinen Namen zurück!

Mit einem österreichischen Nachnamen lebt sich’s leichter, dachten meine Eltern vor 16 Jahren, als sie ihren arabischen Nachnamen „Abdelaziz“ ändern ließen und den österreichischen Namen „Dimmel“ annahmen. Sie wollten mich davor beschützen, aufgrund meines ausländischen Namens diskriminiert zu werden, doch ich würde heute alles dafür geben, um wieder Abdelaziz zu heißen.  

Von Nadine Erovic-Abdelaziz, Fotos: Sophie Kirchner 

Neun Tage nach dem 11. September 2001 gingen meine Eltern zur Magistratsabteilung 26, zuständig für Personenstand, und gaben den Antrag zur Namensänderung ab. Als sie die MA26 an diesem Tag betraten, gingen sie mit dem Nachnamen „Abdelaziz“ hinein, aber ohne ihn heraus. Mein Vater und meine Mutter legten ihn ab und nahmen stattdessen, mit der Hoffnung, dass es für sie in Österreich besser werden würde, einen österreichischen Namen an. Den montenegrinischen Namen meiner Mutter anzunehmen war leider auch keine Option, denn mit „Erovic“ kommt man zwar vielleicht etwas weiter als mit „Abdelaziz“, aber Ausländer bleibt Ausländer. Die Diskriminierung war schon vor 9/11 enorm. Von Behördengängen bis zur Wohnungssuche. Für meine Eltern war es keine schwierige Entscheidung ihren Nachnamen zu ändern, eher eine logische Schlussfolgerung. Fake it until you make it, also. Natürlich kann man den Akzent nicht wegzaubern, oder das Aussehen. Aber entscheidend war für meine Eltern vor allem, dass ich nicht auf Schwierigkeiten stoßen soll. Sie wollten, dass ich in die besten Schulen gehen und mich für Jobs bewerben kann, ohne aufgrund meines Namens sofort abgelehnt zu werden. Es sollte für mich genau so sein, wie für andere Menschen mit österreichischen Namen auch: leichter als für Migranten. Und tatsächlich: Mit unserem neuen Nachnamen „Dimmel“ hatte ich nie Probleme, ich wurde nie anders behandelt, weder bei Bewerbungsgesprächen noch bei Behördengängen. Jede Stelle, für die ich mich beworben habe, bekam ich schlussendlich auch. Zwar ist mir trotzdem öfters Rassismus im Leben begegnet, aber nie wegen meines Nachnamens – sondern aufgrund meines Aussehens oder weil die Person bereits wusste, dass ich Migrationshintergrund habe. Die Frage, die aber stets im Hinterkopf bleibt, ist, ob ich den Job auch bekommen hätte, wenn ich mich als Nadine Abdelaziz beworben hätte. Denn im Endeffekt bin ich ja immer noch Nadine Abdelaziz, auch wenn der Name nicht mehr da ist.

Foto: Sophie Kirchner
Foto: Sophie Kirchner

Überraschung: Ich bin nicht nur Österreicherin

Gerade deswegen fühlt es sich nicht richtig an, einen Namen zu tragen, der nicht mir gehört. Er repräsentiert nicht meine Wurzeln, meine Familiengeschichte, meine Eltern und das, was sie durchmachen mussten. Ich bin nicht alleine mit meiner Sehnsucht nach meinem alten, „echten“ Nachnamen. Bianca hieß seit ihrer Geburt „Mayer“ mit Nachnamen, dennoch fühlte sie sich seit sie denken kann als „Jankovska“, der Mädchenname ihrer Mutter. Mit 18 nannte sie sich schon auf Facebook Jankovska. Mit ihrer Cousine in Bratislava scherzte sie oft: „Typisch Jankovske halt“. „Es war unser gemeinsamer Nenner, weil sie auch einen anderen Nachnamen hatte“, erzählt Bianca. „Für uns beide war das schon immer unser Nachname, ich habe mich damit identifiziert.“ „Mayer“ stand zwar auf allen Dokumenten und Ausweisen, aber für Bianca war das „ein Name, der nichts bedeutet“. Allein schon sich als „Bianca Mayer“ vorzustellen fand sie nicht richtig, weil es nicht repräsentativ war. Aufgrund ihres österreichischen Namens war es für viele oft eine Überraschung, wenn sie herausfanden, dass Bianca Slowakisch spricht. Sie kennt Weihnachten und Ostern nur aus der slowakischen Perspektive, ihre Sommerferien verbringt sie jedes Jahr bei ihren Großeltern in der Slowakei. All das wurde durch „Mayer“ unsichtbar. Je mehr man über sich selbst reflektiert und über seine Herkunft nachdenkt, desto mehr wird man sich der eigenen Identität bewusst. Der Wunsch diese auch dementsprechend zu benennen, liegt daher sehr nahe. Bianca nahm im Juli 2017 offiziell den Mädchennamen ihrer Mutter an und heißt jetzt endlich so, wie sie sich fühlt, als Bianca Jankovska.

1000 Euro für einen Namen

Genau das möchte Lea auch machen. Lea hat väterlicherseits singhalesische Wurzeln und trägt einen deutschen Nachnamen, mit dem sie sich nie wirklich identifizieren konnte. Der Gedanke, den singhalesischen Namen ihres Vaters, „Dharmasena*“, anzunehmen, kam aber erst vor kurzem ins Rollen. Sie besuchte einen Workshop, bei dem der Leiter erzählte, dass er den Namen seines Vaters angenommen hatte. Dadurch wurde Lea klar, dass das für sie ebenso eine Option sein kann. Zu dem deutschen Namen ihrer Mutter spürt sie überhaupt keine Verbindung. Nachdem Lea eineinhalb Jahre in Mozambique lebte, wurde ihr bewusst, dass der deutsche Name einfach nicht zu ihr gepasst hat, auch weil sie öfters auf ihre Herkunft angesprochen wurde. Sie hatte nicht das Gefühl, dass ihr Name zu ihrem Aussehen als Halb-Singhalesin passt. Das Einzige, was Lea derzeit davon abhält, ihren Wunsch in die Tat umzusetzen, ist der bürokratische Aufwand, der hinter dem Ganzen steckt. Während es in Österreich recht einfach ist den Namen zu ändern, ist das in Deutschland, wo die Namensänderung über 1000 Euro kosten kann, nicht der Fall. Sie möchte sich dafür Zeit nehmen, die sie im Moment nicht hat, da die Rechtslage kompliziert ist und sie sich noch mehr informieren möchte. Die hohen Kosten stellen im Gegensatz dazu kein Problem für sie dar. Selbst wenn sie mit "Dharmasena" mehr Diskriminierung erfahren würde, wäre es ihr das wert. Bei der Wohnungssuche macht sie sich schon Gedanken, „da könnte es sicher Situationen geben, wo ich mich ärgern werde.“ Jedoch ist es Lea egal, wenn sie bei Bewerbungen dann aufgrund ihres Namens keine Chance auf ein Bewerbungsgespräch bekommt – „Das sagt ja schon viel über den Arbeitgeber aus, wenn sie nach so einem Schema aussortieren.“ In so einem Unternehmen würde Lea sowieso nicht arbeiten wollen.

Foto: Sophie Kirchner
Foto: Sophie Kirchner

Mehr als nur ein Name

Natürlich könnte man meinen, dass es nur ein Name ist, der auf dem Papier steht und einen nicht weiter beschreibt. Doch wenn „das dein Rufname ist, du ihn ständig hörst, aufschreiben und angeben musst, dann ist es durchaus wichtig, dass man sich mit dem Namen identifiziert“, meint Lea. Denn es ist schmerzhaft seinen eigenen Namen zu hören und das Gefühl zu haben „Das bin ich nicht“. Oder stutzig angeschaut zu werden, weil der Gesprächspartner gerade überlegt, wie mein österreichischer Nachname mit meinem Aussehen zusammenpassen soll. Irgendwann will man sich einfach nicht mehr erklären müssen.Selbst jetzt, wo gerade jeder zweite Hipster versucht sich wie mein Jugo-Onkel in den 90er-Jahren anzuziehen und den selben Slang draufhat wie ein Deutschrapper: es geht nicht darum, dass das Leben spannender oder interessanter ist, wenn man mehrere Emoji-Flaggen in der Instagram-Bio hat. Vielleicht ist es jetzt cool, „Ausländer“ zu sein, aber ein Hipster Uni-Wien-Student, der in seiner schicken Altbauwohnung lebt, wird nie wissen, wie es sich anfühlt einen Teil seiner Identität verloren zu haben, oder wie es war, als Kleinkind aufgrund der Hautfarbe beschimpft zu werden. Ich will meinen ausländischen Nachnamen nicht zurück, weil es gerade modern ist. Es ist einfach eine Herzensangelegenheit und eine sehr persönliche Entscheidung für mich – für uns alle drei.

Durch diesen Schritt werden „Identitäten im öffentlichen Raum sichtbarer“, sagt Bianca am Ende unseres Gesprächs. Sie ist nun mal auch Slowakin und möchte so wahrgenommen werden – vor allem als Vorbildfunktion für andere Frauen.

Wenn sich Bianca heute vorstellt, dann macht sie das mit ihrem slowakischen Nachnamen, Jankovska. Und es passt, weil es sich richtig anfühlt. Vielleicht stelle ich mich ab jetzt als Nadine Erovic-Abdelaziz vor. Dann passt es nämlich auch. Für mich.

*Weil Lea ihrer Familie noch nicht von ihrem Wunsch, ihren Namen ändern zu wollen, erzählt hat, mussten wir ihren Nachnamen für diese Geschichte ändern.

 

Zusatzinformationen:

Den Namen zu ändern ist in Österreich grundsätzlich für alle möglich, die sich das wünschen und die Staatsbürgerschaft haben.

Wenn der Nachname beispielsweise schwer zu buchstabieren oder ausländischer Herkunft ist, kann man ihn schon bereits für 18,20 Euro ändern. Bei einer Namensänderung, die keinen der gesetzlichen Gründe erfüllt, wird es wesentlich teurer, mit Kosten in Höhe von 553,80 Euro. (s. https://www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/233/Seite.2330500.html#Kosten und 

https://www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/233/Seite.2330300.html 

WienerInnen mit Wunsch zur Namensänderung müssen sich an die MA63 wenden.

 

 


 

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