"Ich würde meinen Sohn nicht Mohammed nennen."

Wie am ersten Schultag hat sie sich gefühlt – Selma Yildirim zog als Spitzenkandidatin der SPÖ aus Tirol in den Nationalrat. Die gebürtige Istanbulerin will ihrem Innsbruck treu bleiben, lässt sich von männlichen Kollegen kein „Schatzi“ gefallen und vergleicht den (Noch)-Kanzler Kern mit Bruno Kreisky.


 

biber: Stichwort #metoo: Wurden Sie in der Vergangenheit Opfer von ungewollten, sexuellen Annäherungen?

Selma Yildirim: Mir ist es während meines 30-jährigen Berufslebens einige Male passiert – auf verbaler Ebene. An einen Fall kann ich mich erinnern, der diese Grenze überschritten hatte. Als ich noch in der Verwaltung eines Bauunternehmers gearbeitet habe, bekam ich von einem Kollegen einen Klaps auf den Po. Daraufhin habe ich mich sofort gewehrt, worauf mich der Herr geschockt fragte: „Oh, das magst du nicht?“

Viele Männer scheinen schockiert zu sein, dass solche Aktionen bei Frauen nicht gut ankommen.

Deswegen unterstütze ich die #metoo-Kampagne, weil sie diese selbstverständlich gewordenen Tabus aufbricht. Ich erwarte mir Respekt für Frauen, die sich – sei es durch sexistische Witze, Anspielungen oder unerwünschte Annäherungen – belästigt fühlen. Und ob ein Witz als Belästigung aufgefasst wird, darüber entscheidet die betroffene Frau und nicht der Mann.

Wie gehen Sie damit um?

Bei unangebrachten Witzen erhebe ich meine Stimme. Damit ist es auch erledigt. Ich möchte noch zu bedenken geben: Sexuelle Belästigung hat absolut nichts mit Romantik, Sex oder flirten zu tun.

Yildirim, SPÖ, Nationalrat, Innsbruck, Türkei

Als 2012 der damalige neue Chef der Jungen ÖVP, Asdin El-Habbassi, in einem biber-Interview behauptete, er würde fünf Mal beten, kein Schweinefleisch essen und Respekt vor Frauen mit Kopftuch haben, gab es daraufhin einen medialen Aufruhr. Sind Sie religiös?

Religion war in unserer Familie nie wichtig. Meinen Eltern war es egal, wenn wir uns in den römisch-katholischen Unterricht hineingesetzt haben. Im Gegenteil – es war gut, weil wir uns auch mit anderen Religionen auseinandergesetzt haben.

Wurde in Ihrem Elternhaus Schweinefleisch gegessen?

Meine Mutter würde zu Hause niemals Schweinefleisch zubereiten – weil sie es nicht mag. Mein Vater fuhr allerdings jeden Samstag nach Stans (Gemeinde in Tirol), um den besten Bio-Leberkäse der Gegend zu kaufen. Manchmal aßen wir auch „Bosna“ auswärts, weil es uns geschmeckt hat.

Und Alkohol?

Einen guten Tropfen da und an genieße ich sehr. Ich bin allerdings sehr unreligiös aufgewachsen. Ich finde Religionen wichtig, weil sie ethische Werte vermitteln und in Krisensituationen Trost spenden können. Und damit meine ich nicht nur Kriege, sondern auch Trennungen, gesundheitliche Probleme. Ihre Regeln dürfen aber unsere Freiheitsrechte nicht einschränken.

Würden Sie Ihren Sohn „Muhammed“ nennen?

Ich komme aus einer alewitisch-sozialistischen Familie, was glaubst du? (lacht) Spaß beiseite, der Name ist mir zu religiös besetzt. Ich würde stattdessen lieber einen modernen Namen wählen.

Können Sie es verstehen, dass sich viele türkischstämmige BürgerInnen in Österreich benachteiligt fühlen?

Natürlich. Nur weil ich dieses Problem wegstecken konnte, heißt das nicht, dass es keine Diskriminierung von TürkInnen in Österreich gibt. Egal ob im Alltag oder strukturell. Ich persönlich habe solchen Begegnungen nie eine Bedeutung geschenkt. Dieses Land hat mir so viele positive Erlebnisse und Erfahrungen beschert, ich lass mich nicht von den negativen Geschichten aufhalten.

Was klappt nicht so gut in Österreich?

Wir haben in Österreich ein Bildungssystem, das die soziale Herkunft verstärkt. In diesem System sind Kinder aus bildungsfernen Familien stark benachteiligt. Wenn ich alleine den Anteil der Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache in Sonderschulen ansehe, bin ich geschockt. Mangelnde Deutschkenntnisse werden als defizitär und eine Behinderung ausgelegt. In den letzten 40 Jahren wurden so viele Chancen vertan, um ein gerechtes Bildungssystem zu etablieren. Dann fragt man sich, warum manche Menschen die Demokratie nicht zu schätzen wissen oder die Gewaltentrennung in unserem Land nicht verstehen.

So wie Erdogan-Wähler aus Österreich?

Diese Menschen empfinden eine tiefe Verehrung für den starken Mann. Es gibt keinen kritischen Blick auf seine Taten. Dazu kommt die Verschwörungstheorie, die ganze Welt sei gegen Erdogan, die von der türkischen Regierung mitgetragen wird. Daran ist die mangelnde politische Bildung schuld.

Konfrontieren Sie die Menschen damit? ATIB Kulturvereine sind ja direkt der türkischen Regierung unterstellt.

Ich kenne viele Moscheevereine in Innsbruck und ganz Tirol aus meiner Tätigkeit in der „MigrantInnen-Beratung“. Egal ob ATIB, Mili Görüs oder andere: Mir ist es immer wichtig, Menschen unvoreingenommen zu begegnen. Das schätzen die Menschen in Tirol an mir. Ich habe mich allerdings nie viel mit der Politik in der Türkei beschäftigt – es gibt genug Fragen, die in Österreich geklärt werden müssen.

Der Bald-Kanzler Kurz hat aber mit den Burkaträgerinnen aus Sarajevo Schlagzeilen gemacht.

Herr Kurz hat geschickt die Ängste der Menschen genutzt, die durch die große Fluchtbewegung im Jahr 2015 noch mehr angeheizt wurden. Die Terroranschläge in europäischen Metropolen haben eine persönliche Betroffenheit ausgelöst. Da gab es medial eine unzulässige Vermengung von Terror und Islam und dadurch entstand der Eindruck, dass alle MuslimInnen den Terror begrüßen. Die großen Fragen nach der Bildung, einem sicheren Arbeitsplatz oder billigem Wohnen wurden hingegen im Wahlkampf total ausgeblendet.

Wie sieht die Lage in Tirol aus? Der so oft zitierte Brenner liegt vor Ihrer Haustür.

Vor ein paar Wochen fuhr ich von Bozen nach Innsbruck und wurde drei Mal im Zug kontrolliert.  Das zeigt die Unsicherheit und die Angst vor einer unkontrollierten Zuwanderung. Wobei die Akzeptanz der Menschen gegenüber Asylberechtigten aus Kriegsregionen viel größer ist als jenen gegenüber, die „nur“ aus wirtschaftlichen Gründen nach Österreich kommen.

Die SPÖ hat in der Stadt Innsbruck als auch insgesamt in Tirol trotz dieser Unsicherheit massiv dazugewonnen – was kann die Bundes-SPÖ von euch lernen?

Unser Spitzenkandidat und Kanzler Christian Kern kam in Tirol sehr gut an und wir waren vor Ort ein sehr engagiertes Team. Wir hatten Veranstaltungen gehabt, die hat es seit Kreiskys Zeit nicht mehr gegeben.

Werden Sie Ihren Lebensmittelpunkt nun nach Wien verlagern?

Ich möchte in Tirol präsent sein. Tiroler, Vorarlberger und Kärntner bekommen die Flüge vom Parlament bezahlt. Ich sehe daher keine Notwendigkeit, hier (in Wien) eine Wohnung anzumieten.

 

Wer ist sie?

 

Name: Selma Yildirim

Alter: 48

Beruf: Politikerin, Juristin

Funktion: Seit 2014 stellvertretende Bundespartei- und -frauenvorsitzende der SPÖ, Landesfrauenvorsitzende der SPÖ Tirol

Geburtsort: Istanbul

Besonderes: Ist neben Nurten Yilmaz (SPÖ) die einzige türkischstämmige Politikerin im Parlament

 

Interview: Amar Rajkovic

Foto: Marko Mestrovic

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