Im Netz verfolgt

Zwei Jahre hetzt ein anonymer User auf Facebook gegen Biber-Redakteurin Aleksandra Tulej. Online beschimpft er sie und mobilisiert rechte Hooligans aus Polen gegen sie. So lange, bis Aleksandra sich wehrt.

 Von Emir Dizdarevic

Foto: Bella Haltrich
Foto: Bella Haltrich

„Gratuliere, du linke islamistische Kulturterroristin. Dieses Foto ist schon auf jeder Seite in der Nähe von Krakau. Du bist der Staatsfeind Nummer eins Polens. Du Matratze für radikale Muslime!“ Das ist der Text einer Facebook-Nachricht, die Biber-Redakteurin Aleksandra Tulej in der Nacht erhält. Unter dem Text ist ihr Profilbild – bearbeitet. Ober- und unterhalb des Bildes steht „Die Anti-Polin in Wien.“ Ein Meme. Den Absender kennt sie seit zwei Jahren. Seit über 600 Tagen schickt er ihr Hassnachrichten. Manchmal mehrmals die Woche, manchmal nur einmal in zwei Monaten. Persönlich getroffen hat Aleksandra ihn aber noch nie. Das alles passiert online.

Der Hass im Netz wächst

„Alleine schon quantitativ lässt sich feststellen, dass die Zahl der Postings insgesamt zugenommen hat“, sagt die Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig. Alltag und Kommunikation würden sich immer mehr in den Online-Bereich verlagern. Den dazu parallel zunehmenden Hass im Internet sieht Brodnig daher als „gewissermaßen natürliche Entwicklung“: „Je größer die Teile unseres Lebens, die wir digital auslagern, desto häufiger werden Probleme und Streitigkeiten auch online ausgetragen.“ Wie viele Frauen inzwischen konkret von Cyberstalking betroffen sind, zeigt eine Studie der Europäischen Menschenrechtsagentur (FRA):  Eine von zwanzig Frauen in der EU hat in ihrem Leben bereits einmal Cyberstalking erfahren. Die Dunkelziffer soll aber wesentlich höher liegen.

Es begann mit einem Lifestyle-Blog

Wie jeden Mittwoch sitzt Aleksandra in der Redaktion. Am liebsten schreibt sie über Lifestyle-Themen: Frauen, die auf Instagram einen Kuli unter ihren Busen klemmen, wie sie das neue „Milf Money“-Video von Fergie findet oder was aus Kevin aus der Serie „Mean Girls“ geworden ist. Themen, die beim Lesen Spaß machen. So auch heute. Aleksandra war am Wochenende am Neustifter Kirtag und fand das Ganze ziemlich schrecklich: überteuerter Alkohol, zu viele Dirndln, zu viel Louis Vuitton und eine Begegnung mit FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache. Allemal einen Blog wert. Schnell texten und dann Mittagessen. Redaktionsalltag eben.

Am Abend erhält sie eine Nachricht auf Facebook. Der Absender hat kein Profilbild und den Namen kennt sie nicht. „Du Hure! Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“, heißt es in der Nachricht auf Polnisch. Aleksandra reagiert nicht auf die Beschimpfung. „Du lernst die Kommentare und Nachrichten zu ignorieren. Herumzudiskutieren macht echt keinen Sinn. Das habe ich schon bei anderen Kollegen gesehen“, sagt sie.

„Es gab nie einen Grund“

In den nächsten Monaten schreibt er Aleksandra immer wieder. Er benützt verschiedene Accounts, schreibt stets auf Polnisch. An der Grammatik und an der Sprache erkennt sie ihn. Er geht aber nicht nur auf Aleksandra los. Er beschimpft ihre Kollegen über Facebook, schreibt Aleksandras Bruder an. „Deine Schwester ist eine Schlampe. Schau, was sie macht.“ Auch gegen eine Studienkollegin, die einen Blog von Aleksandra zustimmend kommentiert, geht er vor. Er schreibt die Mutter der Studienkollegin an. Sie solle sich anschauen, was für Sachen ihre Tochter schreibt.  

Das alles sind Einzelfälle. Den meisten schreibt er nicht öfter als einmal. Von Aleksandra lässt er aber nicht ab. „Du verfickte, anti-polnische Schlampe! Ich hoffe, dass dich die Muslime genauso vergewaltigen, wie die Frauen zu Silvester! Du verfickte Islam-Hure! Du Pseudo-Polin!“. Kein einziges Mal antwortet Aleksandra auf seine Nachrichten. „Es gab nie einen Grund. Ich habe weder was gegen Polen noch Österreich, und als Lifestyle-Bloggerin schreibe ich kaum Politisches. Ich fühle mich wohl in beiden Ländern.“

Neue Stimmen sind im Netz oft ein Problem

„Feministische Bloggerinnen erleben, wenn sie ganz neu dabei sind, dass sie gerade am Anfang besonders viele sexistische und aggressive Kommentare erhalten“, sagt Brodnig. Im Internet versuchen Hassposter oftmals, „neue Stimmen“ zu verdrängen. Dabei gehe es vor allem um die „Deutungshoheit“, also dem alleinigen Recht, bestimmte Sachverhalte zu interpretieren. Betroffen seien sowohl Männer als auch Frauen. Dabei sei es auch nicht entscheidend, was die jeweiligen Nutzer posten: „Das betrifft auch Bloggerinnen oder Youtuberinnen, die das in ihrer Freizeit privat machen. Die vielleicht auch gar nicht so ein wahnsinniges Echo erzeugen, aber die sich einfach trauen, in die Öffentlichkeit hinauszugehen.“

„Ich weiß, das klingt vollkommen paranoid“

Aleksandra starrt auf das Meme von ihr. Sie sucht das Bild über Google – stößt aber auf nichts. In den nächsten Tagen schreiben ihr immer wieder fremde Männer. „Was sagst du für anti-polnische Dinge?“, schreibt einer der User auf Polnisch. „Blas mir einen“, ein anderer. Erst schickt ihr nur einer Nachrichten, dann zwei, bald drei. Insgesamt sollen es acht verschiedene Männer werden. Die Profile sind sich ähnlich. Die meisten User haben Glatzen, ein brennendes Fußballfeld, eine polnische Flagge oder den polnischen Adler als Titelbild. Viele von ihnen sind auch in Gruppen wie „Polen für Polen – Ausländer raus.“ Sie alle scheinen rechte Hooligans aus Polen zu sein. Aleksandras Schlussfolgerung: ihr Profilbild wurde vermutlich in privaten Gruppen auf Facebook geteilt.

Die nächsten zwei Tage sind für Aleksandra anders als sonst. Am Nachhauseweg dreht sie sich öfter um, versucht sicherzugehen, dass ihr niemand folgt. Ruft sie eine unbekannte Nummer an, hebt sie nicht ab. Früher hätte sie nicht gezögert. „Ich weiß, das klingt vollkommen paranoid. Zum Glück ist das dann aber wieder relativ schnell verflogen“, sagt Aleksandra.

Beweise sammeln

„Bei der Spurensuche wird man oft nicht so wahnsinnig viele Antworten finden. Aber es gibt Verhaltensweisen, die man als Opfer versuchen kann, anzuwenden“, sagt Brodnig. Dabei gilt es vor allem, keine Reaktion auf Hassnachrichten zu zeigen, um damit den Täter nicht weiter zu „füttern“. Viele Opfer würden auch häufig aus Angst Hassnachrichten und -kommentare löschen. Das sei insofern ein Fehler, als dadurch Beweismaterial für die Behörden nicht mehr zugänglich sei. Rechtliche Möglichkeiten, sich zu wehren, gibt es: Cyberstalking ist seit 2006 strafbar und kann bis zu einer Festnahme des Täters führen. Auch Cybermobbing fällt seit 2016 unter „fortgesetzte Belästigung im Wege einer Telekommunikation oder eines Computersystems“ im Strafgesetzbuch.

 „Ich will mich nicht einschränken lassen“

Aleksandra hat genug. Mit der Verbreitung ihres Profilbildes ist eine Grenze überschritten worden. „Am meisten hat mich gestört, dass er andere Leute dazu bewegen wollte, mich zu hassen.“ Sie geht zum Herausgeber von Biber, Simon Kravagna, und erzählt ihm, was passiert ist. Sie zeigt ihm sowohl das Meme als auch die Facebook-Nachrichten. Gemeinsam beschließen die beiden, Kontakt mit der Polizei aufzunehmen und schreiben das auch dem Stalker. Funkstille. Seit vier Monaten meldet sich der Stalker nicht mehr.

„Ich habe mittlerweile auch schon eine dicke Haut. Das musst du in diesem Job auch haben“, sagt Aleksandra. Sie könne sich aber vorstellen, dass es bei vielen anderen nicht so sei. Besonders jüngere oder weniger erfahrene Journalisten sieht sie als gefährdet. Für Aleksandra selbst ist aber vor allem eines klar: „Ich will mich nicht einschränken lassen.“

 

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