KÄRNTEN IST ANDERS
Teil 1 – Manege frei!
„Kärnten ist bunter als man glaubt.“ Mit diesem und ähnlichen auf Postkarten abgedruckten Slogans machte der „Klub slowenischer StudentInnen in Kärnten“ vor einiger Zeit Werbung. Ich kann der Auffassung nur beipflichten, Kärnten ist tatsächlich bunter als manch einer es zu glauben vermag. Bunt wie ein Wanderzirkus und abwechslungsreich wie ein Varietéprogramm, manche würden sagen außergewöhnlich, wie eine Freak show. Es scheint zumindest manchmal so, als ob der auf Drogen handelnde Dompteur von seinen eigenen Reihen attackiert wird und dessen Verteidiger, der nicht vereidigt war, deplatziert in einem Amtsgebäude wirkt. Der betrunkene Magier wirkt ab und zu ebenso etwas plump, seine unbeholfenen Versuche einen Hasen aus dem Hut zu zaubern scheitern oft genug an der Tatsache dass man als Zuschauer einfach bereits erkennen kann was die zweite Hand macht und somit bleibt der gewünschte Überraschungseffekt aus. Die versprochene Attraktion wird meist zum Vexierspiel für Zuseher und Artisten gleichermaßen.
Ich weiß nicht was schrecklicher ist, die Vorstellung, dass ich mehr als die Hälfte meines Lebens hier verbracht habe oder die Gewissheit so wenig über die wahren Akteure, Menschen und deren Kultur zu kennen. Es soll sie ja irgendwo noch geben, Winkler, Turrini, Bachmann, Handke, Kolig, Lassnig, …. es muss ja auch solche, zahlreiche gute Gründe geben um von Kärnten schon mal in positivem Kontext gehört zu haben.
In the realms of the unreal
„Hereinspaziert!“ so fühlen sich auch bestimmt viele Leute angeworben, die anfängliche Aversionen gegen Kärnten aufzuweisen scheinen. „Kommen Sie zu uns nach Kärnten, hier gibt es klare Seen und viel schöne Natur!“, manch einer schreckt nicht davor zurück durch Bauchtänze im Ausland potenzielle Touristen zu gewinnen. Menschenrechtsverletzungen hin oder her, bei den Musikwochen Millstatt, dem Carinthischen Sommer, der Trigonale und nicht zu vergessen beim Villacher Fasching oder dem „Ackern“ kann man darüber staunen welch bunten Gesichter Kärnten so zu bieten hat. Ach ja, der Bachmann-Preis, welcher eine der renommiertesten Auszeichnungen für Literatur im deutschsprachigen Raum darstellt, wird natürlich auch in Kärnten verliehen, Theater sowie zahlreiche Galerien und Museen, die gibt’s auch. Speziell für Jugendliche findet auch mal ein Konzert statt.
"Schön sprechen!"
Aber wie ist er, der Kärntner an sich? War er früher anders? Kärnten, alleine vor dem Wort graust es schon vielen. Der Konsonant und Umlaut bereits am Anfang des Wortes lassen ungefähr ein Ästhetikempfinden erwarten wie wenn man als Mitteleuropäer Sextourismus in einer afghanischen Provinz betreiben will. "Was ein Wort bedeutet, kann ein Satz nicht sagen ", schrieb Wittgenstein. Ob das auch auf Kärnten zutrifft? Die Diskussion darüber wäre jedenfalls eine haarige Angelegenheit bei der sich bestimmt einige auf den Schlips oder die Burka getreten fühlen würden. Mich interessiert ja ob die in der Landeshauptstadt Klagenfurt vermehrt auftauchenden Touristen der letzten Jahre alle freiwillig kommen oder ob es eine Billigpauschale für Gruppenreisende gab und das Ziel zufällig auf Klagenfurt fiel, ebenso wäre es gut zu wissen ob sie denn wiederkommen nach dem ersten Besuch. Viel muss der Kärntner Kirmes ja trotz steigender Besucherzahlen aushalten und mitmachen, über den Dialekt und die schrullige Weltansicht der Kärntner wird sich lustig gemacht, Bananenrepublik wird das Land geschimpft und es soll hier Gerüchten zufolge auch ein eigenes Guantanamo geben. Bei so vielen Meinungen, Ereignissen und Spektakeln bleibt kaum Zeit für Alltagstrott.
Geliebter Feind - die allzu menschliche Komödie
Die stärkste Partei im Land liebäugelt mit der Illegalität, aber dass Leuten hier Unzurechnungsfähigkeit attestiert wird, kümmert wohl niemanden. Der desolate geistige Zustand mancher Parteimitglieder gehört hier zum guten Ton und wird als distinguiert betrachtet, das wissen wohl auch nur die Wenigsten. Es ist wie eine Geschichte die sich verselbstständigt und mit den Jahren ein eigenes Leben angenommen hat, man will nun einfach nur mehr erfahren wie sie ausgeht. Die Handlung wird getragen von sozialen Außenseitern, sich neu definierender Humor und homoerotische Unterströmungen sind keine Seltenheit. Untreue und Amtsmissbrauch sind hier „part of the game“, die gehören genauso dazu wie eine anständige Schlägerei zu einem Eishockey,- oder Fußballspiel, die Zuckerwatte zur Freizeitmesse und das Bier zum Kirchtag . Mich erinnern Zu,- und Umstände hier jedenfalls oft an das sinnentleerte absurde Theater oder so manchen japanischen trash-Film, eine gut gelungene Mischung aus Verbrechen, Humor, Stereotype und Ironie. Egal ob die Possenreißer Kaschperl und Pe(t)zi oder Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die zwei Lausbuben mit ihren Streichen. Das „wahre Leben“ scheint es hier genauso wenig zu geben wie den Frieden im Krieg. Es ist wie eine Geisterbahnfahrt im Spiegelkabinett.
Wildes Kärnten - eine Achterbahn der Gefühle
Ich werde von Menschen öfter gefragt wie ich zur Politik hier und ihren Darstellern stünde, keine Ahnung was mit der Frage gemeint ist. Ich sage dann „wieso?- passt olls“, in Klagenfurt zumindest haben wir viele Nutten,- und Spielhäuser, die vertreiben uns gern die Zeit. Schnelle Autos haben wir hier gern, oder solche die laut sind und bunt angemalt, jährlich kommen sie auch von überall her und versammeln sich um den See. Spät Abends nimmt´s dann hier keiner mehr so ganz genau mit Geschwindigkeitsbegrenzungen. Und nicht immer steckt der Mossad hinter einem misslungenen Überholmanöver. Während das Karussell des Lebens sich weiterdreht, scheint es in Kärnten eher einer Abwärtsspirale zu gleichen. Peinlich ist uns hier schon lange nichts mehr. Bei so viel Doppelmoral, Niederträchtigkeit und Heuchelei einiger Mimen ist es schon eine eigene Kunst sein Gesicht im eigenen Land zu wahren. Ein wahrer Hochseilakt, den manche hier besonders gut zu beherrschen gelernt haben. Nachdem die Sonne vom Himmel viel, macht uns weiterhin inhaltslose Politik so verdrossen, dass wir, wiedermal, über sexuelle Orientierungen diverser Parteimitglieder munkeln und schlechten Modegeschmack insinuieren. Politiker genießen aber immer noch eine Beliebtheit welche sonst nur Schauspielern, Popstars oder Sportlern zuteil wird. Gossip für Fortgeschrittene quasi. Ob die Trendfarbe Orange und Blau bis auf weiteres bleiben wird? Wir warten gespannt und schauen was die Werbekampagnen machen.
Auch wenn nicht nur den Kärntner tiefliegende Sehnsüchte beherrschen, wie die nach Heimat und Zugehörigkeit, den Kärntner an sich gibt es anscheinend nicht, genauso wenig wie „den Islam“, „die Christen“ oder „die guten alten Zeiten“. Vielleicht ist der Kärntner einfach von so viel Selbsthass erfüllt, dass ihm sein Handeln wirklich nicht bewusst und die Konsequenzen davon klar sind. Wir werden ja sehen wer (wieder?)gewählt wird nachdem die landesstärkste Partei vielleicht bald ihre Führungskräfte verliert.
Damit das Ganze jedoch nicht zu einem Warten auf Godot wird, sollten Widersacher vielleicht nicht so streng sein mit Kärnten und noch ein wenig Nachsicht walten lassen. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag gebaut, der Mailänder Dom brauchte mehr als 500 Jahre bis zu seiner Fertigstellung und die chinesische Mauer wurde sogar über mehrere Dynastien hinweg erbaut. Vielleicht braucht das Problemkind im Lande noch etwas mehr Zeit und Aufschub bevor es, so hoffen zumindest viele, flügge wird. Der Verkauf des Landes wurde ja schon mehrmals besprochen. Vielleicht entstammt die wahre Bedrohung für das zukünftige Wohl des gesamten, restlichen Landes Österreich ja nicht dem südlichsten Teil davon, sondern wird aus der Nähe zum Ausland genährt. Über italienische Mafiosi braucht man ja nicht mehr viele Worte verlieren und der Slowene mit Rechtsansprüchen kann einem auch das Leben schwer machen, und das aber schon im eigenen Land. Mit der Absicht es einfach ins (unsichtbare) Meer zu treiben wird Kärnten von allen Seiten bedrängt und wird zukünftig aber vielleicht alle angrenzenden Länder überholen...wenn nicht schon in Sachen Politik dann möglicherweise mit seiner kulturellen Vielfältigkeit?...
Sollte ich mich jedenfalls jemals in einem südamerikanischen Land niederlassen, kann ich behaupten bereits genügend Erfahrungen gesammelt zu haben um ein Buch über Korruption und deren Wahrnehmung schreiben zu können, integriert werde ich mich erwartungsgemäß gleich einmal fühlen. Falls das Buch ein Renner werden sollte, hätte ich gleich den passenden Titel für die Verfilmung parat, angelehnt an Buñuels und Dalis surrealistischen Streifen: Ein Kärntner (der) Hund. Schließlich sollte sich nicht die ganze Welt für Kärnten (fremd)schämen, vorausgesetzt die Menschen wissen wo es liegt. Ohne Buch und ohne Film reichts bestimmt zumindest für eine Klatschkolumne.
Bei soviel Überlegung kommt mir der Gedanke, dass ich mich womöglich über meine eigenen Zeilen brüskieren würde, wäre ich selbst ein Kärntner. Aber das bin ich ja nicht, ich habe nur lange hier gelebt,...oder?...Moment, nun wie dem auch sei, womöglich liegt auch nicht die Welt im Argen, sondern die Menschen darin. Der Kärntner an sich sozusagen. Schon Novalis meinte „das größte Geheimnis ist der Mensch sich selbst“, vielleicht trifft das ebenfalls auf den Kärntner zu.
Ich bin oft einfach froh keinen Eintritt für die Vorstellung bezahlt zu haben, und das meine ich mit der ganzen Seriosität eines stolzen Nicht-Kärntners. Garantiert.
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Supermario :) mehr brauch
Supermario :)
mehr brauch ich nicht sagen.
Vielen Dank! Freut mich, dass
Vielen Dank! Freut mich, dass der Text gefallen hat! Grüße
jorg
jorg aider war der interessanteste politiker österreichs...und kärnten ist das mit abstand schönste bundesland der alpenrepublik!
Ich gebe Ihnen Recht. Jörg
Ich gebe Ihnen Recht. Jörg Haider war in mancher Hinsicht einer der interessantesten Politiker Österreichs. Ob durch Polarität profiliert, Demokrat und Visionär, (Rechts-) Populist... über Inhalt und Form von Politik lässt sich immer gerne diskutieren (wobei der Inhalt gewichtiger sein sollte mMn). Umstritten war er jedenfalls.
Fakt ist, J. Haider wollte ursprünglich Schauspieler werden... und hat vielleicht auf der Leinwand der Politik so sein breitgefächertes Publikum gefunden. Oft genug konnte er mit den Projektionen von Befürwortern und Gegnern gleichermaßen raffiniert umgehen, unbestreitbar waren seine medialen und rhetorischen Fähigkeiten.
Ich wäre mit ihm jedoch, aus einigen Gründen, keinen trinken gegangen und dass sich mit Opportunismus Politik machen und Wähler gewinnen lassen, wird uns aus geschichtsträchtigen Gründen ja (leider) immer wieder bewiesen.
Dazu fällt mir aber Shakespeares Stück "Wie es euch gefällt" ein, wo es heißt: "Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und geben wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen..."
In diesem Sinne: Angenehmen Sonntag und Danke fürs Durchlesen des Textes! Kärnten ist wahrlich schön :)
Wow!
Ich weiß nicht genau, wie ich deinen Text nennen soll: eine tragische Komödie, ein Anti-Helden-Epos, eine Posse? Er ist auf jeden Fall traumhaft geschrieben und jede Zeile ist absolut lesenswert!
Das bleibt einem selbst
Das bleibt einem selbst überlassen glaube ich... take it with a grain of salt ;-) Vielen Dank für den Kommentar!
... "ein Kärntner (der)
... "ein Kärntner (der) Hund"...ein guter Titel ...oder verstehen den nur Kärntner?
Danke! Ich gehe davon aus,
Danke! Ich gehe davon aus, dass ihn auch so mancher Nicht-Kärntner versteht, oder wichtiger, Kärntner denen die Gabe der Selbstironie (noch) gegeben ist ;-) Viele Grüße