Kärnten Ist Anders
Teil 2 - Unendliche Geschichte der S.
Ich schätze sie müsste um die vierzig sein. Für ihr Alter macht sie jedenfalls eine gute Figur. Sie hat glatte Haut und an ihren Augen merkt man, dass das Leben bis hierhin nicht spurlos an ihr vorübergezogen ist. Hohe Wangenknochen und ein dünner Hals sowie asiatisch-anmutende Augen lassen sie jünger und interessant wirken. Natürlich geht die Fantasie mit mir durch und jede Krankenschwester-Story die ich mal aufschnappte fällt mir ein.
Dr. S. ist österreichische Staatsbürgerin und stammt aus Kirgisistan. Im Nachhinein ist es mir peinlich, angenommen zu haben das Land läge im Kaukasus-Gebiet. Zentral-Asien, korrigiert sie mich ohne herablassend zu werden. Dass sie Ärztin ist würde man bei ihrer offenen und jugendlichen Art nicht denken, vielleicht hat es auch nur etwas mit meinem Vorbehalt gegenüber stocksteifen Akademikern zu tun. Ich höre ihr jedoch gespannt zu während sie von Ereignissen ihres Lebens berichtet und dem steinigen Weg sich in Österreich niederzulassen.
Ich erfahre von ihrem Ehemann, einem Österreicher, wegen welchem sie hierher kam und darüber wie sie sich bereits vor ihrer Einbürgerung hier integriert fühlte. Das liegt womöglich auch an der Tatsache, dass sie den Anforderungen der Deutschkenntnisse schon bald mehr als gerecht wurde und mit einem Mann verheiratet ist, welchen Stammbaum man auf Ahnen bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Im Moment macht sie Turnus, obwohl sie zu Hause den Abschluss einer Elite-Uni genießt und bereits als Ärztin gearbeitet hat.
Acht Jahre lang wartete Dr. S. auf ihren positiven Asylbescheid und die Bearbeitung sowie Zustimmung dessen konnte anscheinend auch nur durch die Mithilfe eines einflussreichen Anwalts beschleunigt bzw. erreicht werden. Eine Zeit wie eine Ewigkeit, vor allem weil sie solange auch ihre erste Tochter nicht zu sich nach Österreich holen konnte, welche bis dahin noch im Heimatland bei ihrem Ex-Mann lebte.
Sie erzählt von Bekannten zu Hause und denen welche wegen der jahrelang anhaltenden Unruhen im Land weggezogen sind. So etwa manch eine Freundin mit ebenso hohem Schulabschluss, welche jedoch einen reichen Mann übers Internet "kennengelernt" und dann geheiratet hat um schließlich in den USA zu leben und mehr Geld zu verdienen. Diese Frauen würden jetzt teilweise diejenigen sein, die Geld in den Haushalt bringen, während der Ehemann durch die in den USA entstandene Finanzkrise arbeitslos wurde und sich nun zu Hause um die Kinder kümmert. „Schöne Geschichte des 21. Jahrhunderts“, denke ich.
Über die Willkür und die Schwierigkeiten die sie bei der Nostrifikation (Anm.:die Anrechnung bzw. Anerkennung von Zeugnissen und Diplomen, die nach einem ausländischem Lehrplan erworben wurden.) hinnehmen musste, kann ich nur staunen.
So zum Beispiel wurde verlangt Deutsch der Grundstufe („A2“ im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen) zu „erlernen“ und natürlich zu bezahlen, nachdem sie bereits das Matura-Niveau (C1 im GER) nachweisen konnte. Genauso als müsse man als Oberstufenschüler wieder in die Volksschule. Ein Missverständnis, oder eine Ausnahme womöglich?
Deutschkenntnisse gehören zwar zu den wichtigsten Qualifikationen für Flüchtlinge, solange eine/r aber keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus bzw. einen positiven Asylbescheid hat, besteht kein Anspruch auf subventionierte Deutschkurse. Ein Paradoxon, denn der Asylant ist beinahe vollständig vom legalen Arbeitsmarkt ausgeschlossen (Grund dafür ist ein Erlass aus dem Jahr 2004 der die Berufstätigkeit von AsylwerberInnen auf Saison- und Erntearbeit beschränkt. Anm.), muss bis dahin aus eigener Tasche bezahlen und die Nachfrage zu den wenigen kostenlosen Kursangeboten ist groß.
Das derzeitige Asylrecht stammt aus dem Jahr 2005 und wird laufend novelliert. Präzedenzfälle werden geschaffen, jahrelanges Warten, unzählige Behördengänge die Hand in Hand mit ineffizienter Bürokratie gehen, sogar Lügen gehören zum Alltag. So etwa erfahre ich, dass Frau S. lange Zeit ebenso darauf warten musste bis sie zur Externistenprüfung antreten durfte. Die Universität in ihrer Heimat habe auf das Ansuchen seitens der österreichischen Behörden Unterlagen zuzusenden nicht reagiert, was sich nach einer Abklärung mitsamt Nachweis, von Dr. S. als unwahr herausstellte. Mit Dokumenten und Ansuchen werde allgemein flapsig hantiert – ich fühle mich in meinem unwohlen Gefühl, in österreichischen Behörden herrsche eine allumfassende Fadesse, durch Erzählung dieser Episoden bestätigt.
Nachdem Dr. S. zur Externistenprüfung zugelassen wurde, welche sie in Graz erfolgreich beschließen konnte, „landete“ sie in Kärnten, einem Sonderfall in der österreichischen (Asyl-) Politik. Lange gab es keine unentgeltlichen Deutschkurse für Asylanten in Kärnten und dass Privatpersonen sowie NGOs hier nichts in Asylheimen zu suchen haben versteht sich mittlerweile von selbst. Unsummen hat Frau S. ausgegeben allein um Deutsch zu lernen. Der Integrationsfonds, welcher für die Abwicklung der Integrationsvereinbarung verantwortlich ist, helfe zwar mit (so werden maximal 50 Prozent der Deutschkurskosten, mit einem Höchstsatz von 750 Euro, rückerstattet -Anm.) aber seine Kompetenzen kämen auch nicht überall dort zur Geltung wo Hilfe für die betroffenen Menschen gebraucht wird.
In weiterer Folge barg eine neue Hürde neue Probleme: Der Staatsbürgerschaftstest, der natürlich auch selbst bezahlt werden muss und samt Ansuchen und erforderlichen Belegen nicht wenig kostet. Von Experten scharf kritisiert wurden Lernunterlagen und vom Innenministerium geändert wurde der Test, die eigentliche Sinnhaftigkeit eines solchen sei einmal dahingestellt.
Nicht mal ihr Ehemann, der „Ur-Österreicher“, hätte nach eigenen Angaben viele Fragen bzw. deren Sinnlosigkeit beantworten können, meint sie. So gibt es für MigrantInnen Möglichkeiten Kenntnisse über Landeskunde und Sprache zu erlangen, welche eine hohe Zahl der Einheimischen nicht vorzuweisen weiß.
Die Gewährung von Asyl hängt von einer Vielzahl von Kriterien ab. So muss die Verfolgung persönlich gegen den Flüchtenden gerichtet sein und vom staatlichen System ausgehen. Ich bekomme von einem Bekannten erzählt, der Sohn eines regierungsnahen Beamten in Kirgisistan ist. Der Verfolgungsgrund wäre gegeben gewesen. Sein Asylantrag wurde nach langem Warten abgelehnt. Der Mann reiste weiter in die Türkei, dort wollte er sich mit Kollegen seiner Firma eine neue Existenz aufbauen, fand sich aber in Abschiebehaft wieder. Sie erzählt wie sie erfuhr, er musste an seine Bekannte denken, welche sich in ihrer eigenen Form von Gefängnis befand, nur eben in Österreich. Ich muss lachen.
Übrigens, unabhängig von seiner Geschichte durfte dafür der Bruder des Mannes sich in späterer Folge über einen positiven Asylbescheid freuen, ausgestellt vom Staate Österreich. Offensichtlich wird man nicht nur von Behördengängen geplagt und dafür zur Kasse gebeten, eine gewisse Ironie darf beim ungeteilten Kuriositätenkabinett der Paragrafenreiter natürlich auch nicht fehlen.
Man ist meist auf sich gestellt, fremd in einem neuen Land, ohne auf pragmatische, zukunftsorientierte, auf Nachhaltigkeit beruhende Perspektiven blicken zu können und angewiesen auf die Hilfe weniger. Es seien eben auch immer wieder die selben Leute, die helfen und sich engagieren, viele davon ehrenamtlich. Dr. S. hat neben dem Beruf ebenso eine ehrenamtliche Position in Anspruch genommen um Menschen zu helfen und Mut zu machen im Kampf des Tretens gegen die Behörden-Windmühlen. Auch raufen sich Leute in Not schnell zusammen, durch die Menschlichkeit allein und das sich gegenseitig helfen werden viele inspiriert die Hoffnung auf diesem schmalen Pfad, genannt Asyl, nicht aufzugeben, bringt er doch Hindernisse mit sich, welche Mut ebenso oft zu untermauern wissen.
Vor allem Kinder von MigrantInnen sollten mehr gefördert werden meint Frau S. und immer mehr Stimmen machen sich laut für Asylanten und Einwanderer, nicht nur in dieser Angelegenheit. In Hinblick auf die Zukunft würden Kinder bessere Ausbildungen abschließen und damit wiederum mehr Steuern zahlen können. Macht Sinn. Zwar dürfen seit Juni 2012 jugendliche Asylwerber bis 18 Jahre eine Lehre machen, dies gilt jedoch nur wenn keine sonstige Arbeitskraft vermittelt werden kann. Ergebnisse sind abzuwarten. Auf allgemein herrschende Perspektiv- und Orientierungslosigkeit, restriktive Gesetze und Ressentiments beider Seiten wird mit wohlwollenden "Entgegenkommen" geantwortet. In der Realität aber, arbeitet der Staat oft gegen sich selbst und mit einer willkürlichen, abstrusen Doppelmoral.
Wir sinnieren noch ein wenig über Integration und die Bedeutung der hier herrschenden Gesetze und Zustände. Sie meint Rassismus sei subtil und käme in einfachen Unterhaltungen zum Vorschein, ich stimme ihr dabei wohl wissend zu. Man merkt wie nahe Frau S. die Thematik geht, ihre Seele schlüpfte auf ihre Zunge während ich mit glänzenden Augen meist nur gespannt zuhörte. Dann ist unsere Ärztin auch so schnell wieder weg wie sie erschienen war.
Was bleibt ist ein etwas fahler Nachgeschmack, schmunzelte man noch einige Momente vorher über die Absurdität der Behörden und deren Zustände, so blieb mir letztendlich das Lachen auch oft im Halse stecken. Die Glaubwürdigkeit unserer Protagonistin stellte ich nicht in Frage, vielmehr wundert und verärgert es mich mit welch einem System und mit wie viel Energie hier gegen viele Menschen gearbeitet wird, die sich dauerhaft niederlassen und zu einem funktionierenden Mitglied der hiesigen Gesellschaft werden wollen oder es bereits sind.
Während etwa manche Politiker in Kärnten „Negerwitze“ in „lustigen Runden“ zum Besten geben, sich aber für keine PR-Aktion zu schade sind, und für selbsternannte Robin-Hood Figuren Marterln auf Privat-Friedhöfen sowie ein Museum auf Kosten der Steuerzahler errichten, andere sich lauthals über die Sinnhaftigkeit der Wiedereinführung der Prügelstrafe in Schulen (leider nicht wortwörtlich) den Kopf zerbrechen, gibt es Menschen die sich mit Mühe und Engagement für andere einsetzen. Seitens der Politik wird auf eine überteuerte "Sonderbetreuungsanstalt" bestanden, in der katastrophale menschenrechtliche und hygienische Umstände herrschen; nachdem Razzien in Asylheimen stattfinden, werden private Sicherheitsdienste zum Schutz vor Drogen dealenden Asylanten eingestellt und für unabhängige Hilfsvereine wie ASPIS* wird der Alltag zur Zerreiss- und Bewährungsprobe. Tagsüber scheint hier das Licht des Gutbürgerlichen, nachts versinkt das Land im Suff und Korruptionsskandalen. Ob Kärnten es schaffen wird sich an den eigenen Haaren aus diesem Sumpf herauszuziehen und nicht mehr Geisel seiner eigenen Vergangenheit bleibt? Es würde mich wundern bei der maßlosen Selbstüberschätzung, Bigotterie und den Schmiergeldfinken die im Lande wuchern.
Angesichts des institutionalisierten Rassismus und abseits von „Missbrauch“, „Wirtschaftsflüchtlingen“ und Drogendealern, in Zusammenarbeit mit Medien als Meinungsmacher, werden im gesamten Land also nicht umsonst Asylanträge meist abgelehnt. Darüber wie diese Umstände geschaffen werden, wird heftig diskutiert und gegenseitige Schuldzuweisungen stehen an der Tagesordnung, zwischen "Realitätsverweigerung" und Polizeigewalt bleibt scheinbar wenig Spielraum. Es ist ein steter Kampf zweier aufeinander entgegenwirkender Kräfte. Der Ereignishorizont der Politik scheint aber überschritten. Kärnten polarisiert demnach zwar, ist aber nicht Nabel der Welt wie es sich vielleicht manche hier lebenden anmaßen anzunehmen. Nicht nur in Kärnten (und nicht nur in der Flüchtlingsarbeit) geht bei Staat und Bevölkerung die Kluft zwischen Moral und Intelligenz weiter auseinander. Selbstverständlich gilt jedoch die Unschuldsvermutung.
* http://aspis.uni-klu.ac.at/ueberuns.html
Weitere Links zum Thema Asyl und Rassismus:
http://www.machen-wir-uns-stark.at/
https://www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/169/Seite.1694400.html
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