Klauen für den Kick

Nicht Not, sondern Langeweile lässt junge Mädchen zu Diebinnen werden. Ehemalige Wiener Langfinger über den Kitzel erwischt zu werden und die Hollywood-Vorlagen für Kleptomanen.

Von Aleksandra Tulej und Marko Mestrovic (Fotos)

Foto: Marko Mestrovic
Foto: Marko Mestrovic

„Der Nervenkitzel trieb mich dazu, dann wurde es zum Hobby.“

Sarah* war 14, als sie zum ersten Mal bei H&M gestohlen hat. „Es hat damals bei uns in der Schule das Gerücht die Runde gemacht, dass man dort leicht etwas mitgehen lassen kann. Andere Mädchen machten es, also dachte ich mir „Wieso nicht?“ Sarah ging auf eine angesehene Privatschule in Wien, an Geld fehlte es zu Hause nicht. Sarah hat nie richtig teure Dinge gestohlen, das wertvollste war ein Armband um 50 Euro aus einer Sonderkollektion von H&M. Es waren vielmehr der Reiz und der Nervenkitzel, die sie dazu trieben zu stehlen. So wurde es zum Hobby. „Ich habe immer nur bei Massen-Modeketten gestohlen, weil ich mein Handeln so besser moralisch vertreten konnte. Bei denen ist so etwas denke ich einkalkuliert, von einer Einzelperson hätte ich nie etwas gestohlen.“ Sarah ging über die nächsten Jahre immer und immer wieder in Klamotten- und Schmuckgeschäfte und steckte Dinge ein, auch wenn sie sie nicht wirklich brauchte. Bald war der Nervenkitzel auch weg und sie wurde unvorsichtiger. „Wenn man etwas regelmäßig macht, verliert es den Aspekt des Besonderen. Nachdem sich auch Freundinnen von mir angeschlossen hatten, eskalierte es mehr und mehr und wir wurden immer dreister. Wir haben Gewand in die Umkleide mitgenommen, die Preisschilder weggeschnitten, sie hinter den Spiegel dort geworfen und die Klamotten ohne Preisschild dann eingesteckt. Easy.“ Eines Tages haben sie so übertrieben, dass ihnen ein Ladendetektiv bis auf die Straße folgte und sie zurückholte. „100 €, Aktenkundigkeit bei der Polizei und 30 Sozialstunden später erfuhren es schließlich meine Eltern durch einen Brief, der nur bestätigte, dass ich alle „Bußtätigkeiten“ erfolgreich geleistet hatte.“ Wut gab es keine, aber an die Aussage ihres Vaters „Wenn du es nicht ordentlich kannst, dann lass es“, erinnert sich die nun 21-jährige Sarah bis heute. Sie wird auch nie das Gefühl vergessen, das sie hatte, als sie erwischt wurde. Scham gemischt mit Verlegenheit und Reue.

Foto: Marko Mestrovic
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„Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.“

Von diesem Gefühl kann auch die heute 20-jährige Marie* ein Lied singen. „Ich war damals 13, und ließ mich von zwei Freundinnen dazu überreden, etwas in einem Klamottenladen zu stehlen. Wir haben damals bis kurz vor Ladenschluss gewartet, sind dann in die Umkleide, haben uns mehrere Unterhosen und BHs übereinander angezogen und sind so wieder hinausgegangen. Es war total blöd und unnötig. Ich kann mich noch genau erinnern, dass mir meine Mutter an dem Tag 50€ in die Hand gedrückt hat und gemeint hat, ich soll mir doch etwas kaufen. Das Geld hatte ich also sogar in der Geldbörse.“ Trotzdem beschloss Marie, die Sachen zu stehlen. Ihre Freundinnen meinten, es würde nichts passieren. „Beim Hinausgehen, als wir schon dachten, wir hätten es geschafft, spürte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.“ Sie sind die ganze Zeit über beobachtet worden. „Es war ja auch unlogisch, dass wir mit Bergen an Unterwäsche in die Umkleide und mit zwei BHs wieder hinausspaziert sind.“ Sie wurden plötzlich alle drei ganz kleinlaut, begannen zu weinen und haben den Security-Mann vergeblich angefleht, bloß nicht ihre Eltern anzurufen. Das Peinlichste war für Marie aber, dass sie so viele Schichten an Unterwäsche wieder ausziehen mussten. „Ich habe im Endeffekt dann zwei Unterhosen angelassen, weil es mir einfach schon so peinlich war, so etwas Unnötiges zu stehlen.“ Marie war damals 13, also noch nicht strafmündig, der Zwischenfall hatte keine Konsequenzen für sie.  Generell gilt in Österreich nämlich: Vor Vollendung des 14 Lebensjahres ist man nicht strafbar, das heißt, man kann weder ins Gefängnis kommen, noch zu einer Geldstrafe verurteilt werden. Ab dem 14. Geburtstag ist man aber strafmündig. Bei einem Delikt wie Ladendiebstahl kommt man im Regelfall beim ersten Mal nicht ins Gefängnis. Wenn man erwischt wird, muss man entweder eine Geldstrafe zahlen, gemeinnützige Arbeit leisten oder es wird eine Probezeit verhängt, in welcher der Jugendliche nicht wieder straffällig werden darf. Marie hat jedenfalls danach nie wieder eine Straftat begangen und ist froh, dass sie glimpflich davongekommen ist. „Das einzige Problem war, dass meine Eltern sich Sorgen gemacht haben. Zu der Zeit haben sie sich gerade scheiden lassen, deshalb dachten sie, ich will irgendwie Aufmerksamkeit erregen.“ Doch die wollte Marie nicht, denn damit würde einhergehen, dass sie erwischt werden wollte. Und erwischt werden will eigentlich niemand.

Der Reiz des Verbotenen ist das größte Motiv

„Wenn Jugendliche beim Stehlen erwischt werden, verfallen sie in große Panik, die Eltern sollen auf keinen Fall erfahren, was passiert ist – da ist auch viel Schamgefühl dabei“, erklärt mir ein Berater von Rat auf Draht. Es geht meistens einfach um impulsives Handeln und den Kick, auch Gruppenzwang ist ein Motiv. Innerhalb einzelner Freundeskreise zeigt sich das dann auch am Sprachgebrauch. Sarah* und ihre Freundinnen nannten es immer „etwas besorgen“, wenn sie etwas gestohlen haben. „Dann hieß es zum Bespiel, dass ich mir eine neue Kette besorgt habe, und alle wussten, dass ich dafür nicht bezahlt habe.“ In einem anderen Freundeskreis war „etwas holen“ die Bezeichnung für den illegalen Beutezug. Alleine stehlen zum ersten Mal die wenigsten. Oftmals wird es unter Jugendlichen als Mutprobe gehandhabt in einem Laden unbemerkt etwas mitgehen zu lassen. Dieses „etwas mitgehen lassen“ ist zu einem regelrechten Phänomen geworden. Übrigens: Interessanterweise sind es – entgegen der Stereotype - statistisch gesehen mehr Jungs als Mädchen, die im Teenie-Alter klauen. Allein im letzten Jahr haben laut dem BMI in Österreich insgesamt 2.313 Teenies im Alter von 14-17 Jahren einen Ladendiebstahl begangen. Davon waren 1.402 Jungs und 911 Mädchen. Auch bei den jüngeren waren es nicht wenige: Insgesamt 583, davon 356 Jungs und 227 Mädchen im Alter von 10-13 Jahren wurden im vergangenen Jahr beim Stehlen erwischt. Ganz schön viel. Wieso hört man dann aber öfter von jungen Frauen, die in Bekleidungsgeschäften und Drogerien stehlen und mit ihrer Beute prahlen, wenn die Statistik etwas anderes besagt? 

Foto: Marko Mestrovic
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„The Bling Ring“ macht es vor

Psychologe Alexander Brandl-Heckner erklärt mir das folgendermaßen: „Ich vermute, dass Mädchen einfach mehr an Ware interessiert sind, die leichter zu stehlen ist, und mehr Prestige bringt. Also Klamotten und Schminke beispielsweise. Ein Computer, an dem Jungs eher interessiert sind, ist nicht so leicht zu stehlen.“ Stichwort Prestige. Man denke nur an den Film „The Bling Ring“, in dem eine Gruppe Jugendlicher in Villen reicher Stars in Beverly Hills einbricht, um schöne Gegenstände zu klauen. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Aber man muss nicht bis nach Beverly Hills gehen, um jugendliche Diebe zu finden. Alle Betroffenen in diesem Artikel wohnen in Wien. Es sind Diebe, die nicht aus Armut stehlen. „Meine Eltern haben immer gemeint, bevor ich etwas stehle, weil ich kein Geld habe, soll ich zu ihnen kommen, und sie geben mir das Geld“,sagt die heute 23-jährige Aylin*, die früher oft auf „Beutezug“ war. Es ging ihr einfach, wie vielen anderen Jugendlichen, um den Reiz des Verbotenen. „Und weil es halt so leicht geht“, fügt die heute 24-jährige Clara* hinzu, die auch schon einiges an Gewand eingesteckt hat. „Ich habe mal in der Umkleidekabine einen BH anprobiert und bemerkt, dass kein Magnetknopf dran ist. Dann habe ich einfach meinen eigenen BH und mein T-Shirt drüber angezogen und bin rausgegangen. Deshalb habe ich das dann auch öfter gemacht. Anfangs war ich nervös, später wurde es normal.“ Mittlerweile ist Clara aus dieser Phase „herausgewachsen.“

Foto: Marko Mestrovic
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„Ich wollte Sachen haben, die ich mir mit 15 nicht leisten konnte.“

Genau wie die 24-jährige Ivana*. Bei ihr spielte das Geld damals allerdings schon eine Rolle. „Ich wollte Sachen haben, die ich mir mit 15 einfach nicht leisten konnte. Kleine Schminksachen wie Bronzer oder Lippenstift. Es war damals ein offenes Geheimnis, dass es in der Drogerie bei mir um die Ecke beim Hinausgehen nicht „piepst“, wenn man etwas stiehlt.“ Also hat Ivana es auch probiert. Und irgendwann wurde sie erwischt. Sie musste damals eine Strafe von 140€ zahlen und hat lebenslänglich Hausverbot in dieser Drogerie bekommen. „Mir war es mehr peinlich, etwas so Billiges gestohlen zu haben, und dann erwischt zu werden. Die Strafe, die ich damals bezahlen musste, war höher als der Wert der Sachen, die ich jemals insgesamt gestohlen hatte. Es hat sich nicht ausgezahlt.“

„Es zahlt sich nicht aus.“

„Es zahlt sich nicht aus, ich würde es nie wieder tun“, sagt Sarah, unsere Protagonistin vom Anfang der Geschichte, die das Ganze heute als jugendliche Dummheit abstempelt und jedem davon abraten würde. „Ich werde auch nie das Gefühl vergessen, als mir in meiner stolzen Erleichterung eine Hand auf die Schulter gelegt wird und ich gebeten werde, wieder zurück an den Ort des Verbrechens zu kommen. Dieses Gefühl ist die beste Abschreckung dagegen, es jemals wieder tun zu wollen.“

Foto: Marko Mestrovic
Foto: Marko Mestrovic

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

 

Kommst du ins Gefängnis, wenn du als Teenager etwas klaust?

Wir haben nachgefragt. Rechtsanwältin Mag. Hanita Veljan erklärt uns die Rechtslage.

BIBER: Was passiert im Regelfall, wenn man als Teenager beim Klauen erwischt wird? 

Mag. Veljan: „Die Strafen für Teenager sind zwar natürlich geringer als für Erwachsene, aber es gibt sie sehr wohl. Dafür gibt es ein eigenes Gesetz, das Jugendgerichtsgesetz. Ins Gefängnis kommt man beim ersten Mal im Regelfall nicht. Man muss entweder eine Geldstrafe zahlen, gemeinnützige Arbeit leisten oder es wird eine Probezeit verhängt, in welcher der Jugendliche nicht wieder einschlägig straffällig werden darf. Die Geldstrafe ist hauptsächlich dazu da, damit Jugendliche sehen, wie das ist, wenn man jemandem etwas wegnimmt.“

BIBER: Ist man dann vorbestraft?

Mag. Veljan: Das Leumdungszeugnis bleibt im Falle einer Diversion und im Falle einer Verurteilung von bis zu drei Monaten (bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (vor Vollendung des 21. Lebensjahres) bis zu sechs Monaten) leer. Es geht einfach darum, dass dir die Zukunft nicht verbaut wird. Wenn man allerdings zum wiederholten Mal erwischt wird, kann es schon anders aussehen. Da kann das Verfahren dann weitergehen.

BIBER: Ist der Ladenbesitzer verpflichtet, Anzeige zu erstatten?

Mag. Veljan: Der Ladenbesitzer ist nicht verpflichtet, Anzeige zu erstatten. Wenn der Ladebesitzer jemandem mit Anzeige droht, falls er keine Entschädigung zahlt, kann das als Nötigung gesehen werden. Deshalb ist eine Anzeige einfach sicherer. Es kann übrigens jeder andere, der Zeuge eines Diebstahls war, Anzeige erstatten. Auch die beste Freundin, der du im Nachhinein erzählst, etwas gestohlen zu haben.

 

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