Kurz' Fanboys

Sie kleiden sich wie er, sprechen wie er, hören so aufmerksam zu wie er und sie wollen genau so hoch hinaus wie er  – drei junge Männer erklären, wieso sie Sebastian Kurz so feiern.

von Melisa Erkurt, Fotos: Susanne Einzenberger

Wer die drei trifft, erkennt auf den ersten Blick, dass sie durch die Schule von Sebastian Kurz gegangen sind: Dieses zuvorkommende Händeschütteln, der durchdringende Blick, der „Ich verstehe deine Probleme, aber...“ ruft. Dieses aufmerksame Nicken, bei allem, was man sagt. Selbst unsere Fotografin kann nicht glauben, wie routiniert die drei jungen Männer posen, als wären sie alte Polit-Hasen und nicht erst seit ein paar Jahren bei der JVP. Der eine legt dem anderen freundschaftlich die Hand auf die Schulter, der andere klemmt sein Sakko lässig unter den Arm - anziehen möchte er es aber nicht, „wenn wir alle drei Sakko tragen, schauen wir zu Altmänner-mäßig aus.“ Sie wissen eben genau, welches Image sie kreieren müssen, wenn sie eine Karriere neben Sebastian Kurz anstreben.

Mit 100.000 Mitgliedern ist die JVP die größte politische Jugendorganisation Österreichs, die unter Sebastian Kurz so viel Einfluss hat wie nie zuvor. Denn Kurz, der selbst durch die JVP groß wurde und noch immer ihr Obmann ist, kann sich auf sein Team verlassen – auch bei der Nationalratswahl. Im Gegenzug sorgt er dafür, dass seine Jünger von Nationalrat bis Ministerkabinett überall vertreten sind. Mittlerweile gibt es fast keine Gemeinde, in der es keine JVP-Gruppe gibt. Jetzt, wo Kurz der mächtigste Mann der ÖVP ist und mit seiner „Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei" im Herbst zur Wahl antritt, erhoffen sich vor allem Mitglieder der jungen Volkspartei aufzusteigen. Kontaktpflege ist in der JVP eben alles – und wenn man immer fleißig mithilft, helfen die Connections einem bei der eigenen Karriere – das erhoffen sich zumindest junge Mitglieder wie Muamer, Ömer und Max.

 

Muamer, 21, Bezirksobmann JVP Rudolfsheim-Fünfhaus, seit fünf Jahren Mitglied

Foto: Marko Mestrovic

 

„Ich bin der größte Kritiker, den Sebastian Kurz bei der JVP hat.“

Als ich Muamer als biber-Schülerredakteur kennenlerne ist er 15. Er trägt Baggy Pants, Cappy und hört Hip-Hop. Muamer und ich diskutieren während der Redaktionssitzungen oft miteinander, er ist frech – ein typischer Teenie. Irgendwann trägt Muamer plötzlich Hemd und Sakko, drückt sich erwachsener aus und hört mir auf einmal aufmerksam zu. Er vernachlässigt zu der Zeit aber auch die Schule, hat zu viele Fehlstunden, weil er seine ganze Zeit in die JVP steckt. Auch für unsere Redaktionssitzungen hat er keine Zeit. Wenn wir uns mal treffen, gibt es für ihn nur ein Thema: Sebastian Kurz.

Mit 16 trifft Muamer Sebastian Kurz zufällig in der U-Bahn, Kurz ist damals Integrationsstaatssekretär, Muamer Schüler des islamischen Gymnasiums in Wien. Die Begegnung hinterlässt Eindruck. „Kurz ist durchsetzungsfähig, er ist ein Gewinner – das haben wir zwei gemeinsam“, sagt Muamer. Aber wie kann ein gläubiger Muslim wie Muamer die jetzige Integrationspolitik vom Außenminister mit seinen eigenen Werten vereinbaren? „Kurz fordert Integration durch Leistung, er hat das Islamgesetz umgesetzt – das sind Dinge, die ich vollkommen unterstütze“, so der Jus-Student. „Die Sozialdemokraten drücken da ein Auge zu, die Rechten betreiben nur Hetze – Kurz bietet den Ausgleich.“ Muamer verteidigt den ÖVP-Parteichef, diskutiert auf Facebook tagelang mit Kurz-Kritikern. Ich bekomme mit, wie er von ein paar Muslimen auf Facebook angegriffen wird, weil er Kurz unterstützt. „Die Leute verstehen nicht, dass man nur etwas verändern kann, wenn man sich engagiert“, sagt Muamer. Und er möchte etwas verändern: „Ich möchte, dass die JVP Migranten gegenüber offener wird. Wenn ich innerhalb der Partei Probleme von Migranten anspreche, heißt es: ‚Jetzt ist wieder Kanaken-Runde’.“

„Sebastian Kurz ist ein Gewinner – das haben wir zwei gemeinsam.“

Muamer ist Bezirksobmann der JVP im 15. Bezirk. Er setzt sich für mehr Jugendzentren in Rudolfsheim-Fünfhaus ein, damit die Kids nicht nur am Westbahnhof rumhängen. Dass er für diese Themen innerhalb der JVP angefeindet wird, stört ihn nicht: „Ich bin nicht zum Spaß dort, sondern um die politische Arbeit kennenzulernen, um die Möglichkeit zu erlangen, etwas umzusetzen.“

„Wenn Kurz ein Kopftuchverbot im öffentlich Raum fordern würde, würde ich austreten“

Muamer kommt aus einer ex-jugoslawischen Flüchtlingsfamilie, seine Eltern sind Arbeiter. Er selbst strebt eine Karriere in der PR oder in der Politik an. Er ist sich sicher, dass er ohne der JVP niemals die nötigen Connections geknüpft hätte, die ihm zu Macht verhelfen sollen. Doch alles würde Muamer für diese Macht nicht tun. „Wenn Kurz ein Kopftuchverbot im öffentlich Raum fordern würde, würde ich austreten“, sagt der 21-Jährige. Das Kopftuch ist das einzige Thema, bei dem Muamer Sebastian Kurz widerspricht.

„Wie erklärst du dir deinen rasanten Aufstieg?“

Muamer hat 2015 das online Interview-Magazin „Kopf um Krone“ gegründet, auf dem er Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft interviewt - auch Sebastian Kurz. Muamer sagt, er habe sich noch nie so gut auf ein Gespräch vorbereitet, wie auf dieses. Er sagt auch, er sei der größte Kritiker, den Sebastian Kurz derzeit in der JVP hat. „Heute bist du 30 und wirst vom Boulevard schon als zukünftiger Bundeskanzler gehandelt. Man kann also durchaus von einer österreichischen Jahrhundertkarriere sprechen. Wie erklärst du dir deinen rasanten Aufstieg? Was denkst du, wenn du abends im Bett liegst?“, fragt Muamer Sebastian Kurz in besagtem Interview. Muamer, der selbernannte größte Kritiker, den die JVP derzeit hat, weiß eben trotzdem ganz genau, wie viel Kritik geduldet wird, wenn man in der Partei aufsteigen will.

Ömer Özcan, 20, im Landesvorstand der Schülerunion Wien, seit drei Jahren Mitglied der JVP

Marko Mestrovic

"Kurz ist ein Paradebeispiel dafür, dass wenn man etwas wirklich durchsetzen will, man es auch schafft." 

Ömer begegne ich in der Handelsakademie des Sacre Coeurs. Auf den ersten Blick trifft jedes JVP-Klischee auf ihn zu: Der elegante Kleidungstil an einem stinknormalen Schultag, die Art, wie er mir die Hand schüttelt und dabei Augenkontakt hält: energisch aber freundschaftlich, als würden wir uns schon lange kennen. Er ist der einzige Schüler aus der Klasse, der nach unserem ersten Projekttag zu mir kommt und sich für den Unterricht bedankt. Ömer ist der Typ Schulsprecher. Der Schüler, dem Lehrer die Schlüssel zur Klasse anvertrauen.

„Meine muslimischen Verwandten verstehen nicht, wieso ich bei einer christlichen Partei bin.“

Tatsächlich ist Ömer sogar Schulsprecher der HAK/HAS/AUL Sacre Coeur. Seit 2012 ist er bereits bei der Schülervertretung, im Schuljahr 2015/16 war er stellvertretender Landesschulsprecher der BMHS und seit drei Jahren ist Ömer Mitglied der JVP in Penzing. Das einzige, was nicht zum JVP-Image passt: Ömer ist ein „Schwarzkopf“, wie er selber sagt. Aber als ein Freund ihn mit zu einem Jour-fixe der JVP nimmt, fühlt sich Ömer dort wohl. Als er erfährt, dass er die 24-Stunden U-Bahn am Wochenende Sebastian Kurz zu verdanken hat, wird Ömer endgültig zum Fan. Bei der JVP knüpft er die ersten Kontakte und wird von der Schülerunion angesprochen. Als er zum stellvertretenden Landesschulsprecher gewählt wird, geht ein Traum in Erfüllung: „Das hat sich keiner von einem Kanaken erwartet“, sagt Ömer.

„Ich möchte die Stimme der Österreicher mit türkischem Migrationshintergrund werden.“

Innerhalb der JVP gibt es Neider, die dem Austro-Türken den Erfolg nicht gönnen. „Manchmal spüre ich einfach diese Blicke der anderen dort.“ Ömer ist sich sicher, dass keiner der anderen Mitglieder erwartet hätte, dass er als gebürtiger Türke so weit kommt.

„Manchmal heißt es dann bei der JVP: 'Schon wieder der Kanake?'“.

„Manchmal heißt es dann bei der JVP: ‚Schon wieder der Kanake?’“, erzählt Ömer. Doch er lässt sich davon nicht beirren, auch nicht von den negativen Stimmen aus der eigenen Community: „Ich war nie der klassische Türke, der nur im Park mit den anderen Migranten abhängt“, sagt er heute. Verwandte kritisieren ihn dafür, dass er in einer christlichen Partei ist. Aber Ömer ist das egal. „Ich weiß, dass ich als Türke nicht von Anfang an dieselben Möglichkeiten habe, wie alle anderen. Bei der JVP knüpfe ich Kontakte, die das ausgleichen können“, sagt der 20-Jährige. Von Sebastian Kurz ist natürlich auch er beeindruckt: „Kurz ist ein Paradebeispiel dafür, dass wenn man etwas durchsetzen will, man es auch schafft.“ Ich möchte wissen, ob er auch etwas an Kurz zu kritisieren hat. Nein, kritisieren möchte Ömer nicht, es gibt da nur etwas, was er nicht ganz versteht: „Wieso verscherzt er es sich mit den Migranten, die ÖVP könnte ihre Stimmen gut gebrauchen.“ Ömer selbst erhofft sich in der JVP Connections zu knüpfen, um später mit seiner Politik die Migranten zu erreichen: „Ich möchte die Stimme der Österreicher mit türkischem Migrationshintergrund werden“, sagt er und bedankt sich ganz herzlich für unser Gespräch und da ist es wieder, dieses Hände schütteln, dieses verständnisvolle Nicken – ganz der Profi eben.

Der Blick in die Zukunft: Wird Sebastian Kurz ihr neuer Kanzler?
Der Blick in die Zukunft: Wird Sebastian Kurz ihr neuer Kanzler?

 

Maximilian Schlosser, 18, Organisationsreferent der JVP Neubau

Marko Mestrovic

"Sebastian Kurz ist mein Vorbild und von einem Vorbild schaut man sich gewisse Dinge auch ab." 

Während unserer biber Newcomer Projektwoche fehlt Maximilian am häufigsten. Einmal trifft er Gernot Blümel, ein anderes Mal muss er eine Veranstaltung organisieren. „Ich gehe halt die Extra-Meile“, erklärt mir Max, „auch wenn ich dafür die Schule vernachlässigen muss.“ Dieses Extra-Meilen-Mantra hat er von Josef Mantl (stv. Bezirksvorsteher der ÖVP im achten Bezirk). „Von ihm lernte ich einen wichtigen Punkt zum Thema Connection: Auch wenn du keinen Bock hast auf eine Veranstaltung zu gehen, bedenke - vielleicht bringt dir genau dieses Event neue Inspiration und Lebenserfahrung, oder du lernst eine Person kennen, die dein Leben bereichert. Das ist die Extra-Meile, die dich von anderen unterscheidet.“

„Kurz ist jung, bleibt bei seiner Meinung und spricht Sachen an, die sich andere nicht trauen.“

Mantl und Blümel sind wichtige Wegbegleiter für Max, doch sein Vorbild ist und bleibt Sebastian Kurz, den er ab und zu beim Trainieren bei John Harris begegnet: „Kurz ist jung, bleibt bei seiner Meinung und spricht Sachen an, die sich andere nicht trauen“, sagt Max. ÖVP-like kritisiert der Maturaschüler die Erbschafts- und Reichensteuer: „Wer was leistet, soll gefördert werden“, ist das Motto des jungen Wieners. „Wieso sollen die Reichen bestraft werden?“, fragt Max, der am Wochenende gerne in der Passage oder im Platzhirsch feiert.

„Es würde mir schwer fallen mit einem Grünen befreundet zu sein, man muss schließlich dieselben Werte teilen.“

„Die ÖVP will die Traditionen erhalten, vertritt christliche Werte und ist trotzdem offen für Neues“, schwärmt Max und ich kann ihn gar nicht mehr stoppen. Er befindet sich im Redefluss, es gefällt ihm, von mir interviewt zu werden, daran könnte er sich gewöhnen, sagt er später. Besonders stolz spricht er über die Erfolge, die er mit der JVP in Neubau erzielt hat: „Auf unser Anliegen wurde das Drogenschutzgesetz verschärft, sodass der Drogenhandel bei der U6 Station Burggasse abgenommen hat.“ Jetzt strebt er neue Ziele an: „Der Bankomatenmangel im siebten Bezirk ist ein großes Problem“, sagt er todernst und geht dann über zur obligatorischen Kritik an der Mariahilfer Straße: „Die Autofahrer suchen neue Umwege, es kommt zu Lärmbelästigung in Seitengassen.“

„Die Leute haben mich Nazi genannt, gefragt, ob ich auch ein Foto mit Hitler gemacht hätte.“

Auf die Grünen ist Max generell nicht gut zu sprechen. Privat würde es ihm schwer fallen, mit einem Grünen befreundet zu sein: „Unter Freunden muss man schon ähnliche Werte teilen“, findet er. Sebastian Kurz und er teilen definitiv dieselben Werte. „Er ist mein Vorbild und von einem Vorbild schaut man sich gewisse Dinge auch ab.“ Dinge, wie dieses verständnisvolle Nicken, mit dem Max jeder meiner kritischen Fragen ausweicht. Er findet eben auch nach langem Nachdenken keine Antwort auf die Frage, wo er Kurz widersprechen würde. „Sebastian Kurz hat eine gewisse Härte, das gehört eben dazu“, so der 18-Jährige. Wie sein Vorbild, wurde auch Max ins rechte Eck gestellt. Als er bei einer Puls4-Diskussionsrunde ein Foto mit Innenminister Wolfgang Sobotka und Vizebürgermeister Johann Gudenus macht und es auf Facebook teilt, löst er damit einen Shitstorm aus: „Die Leute haben mich Nazi genannt, gefragt, ob ich auch ein Foto mit Hitler gemacht hätte.“ Max versteht die Aufregung nicht: „Nur weil ich ein Foto mit Gudenus mache, heißt das nicht, dass ich seine Ansichten teile.“ Max nimmt den Shitstorm aber gelassen - mit dieser Einstellung scheint er bestens vorbereitet für eine politische Karriere, von der Max nicht abgeneigt ist. „Mal schauen, was sich so ergibt“, sagt der Schüler, bis dahin geht er eben die Extra-Meile – auch zum nächsten Bankomaten.

 

 

 

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