Leben auf der Flucht

Bild aus dem biber Magazin

Zuerst sind sie geflüchtet, jetzt müssen sie warten - Wochen, Monate, oder sogar mehrere Jahre lang. Warten auf den positiven Asyl-Bescheid ohne den eine anständig bezahlte Arbeit oder die Möglichkeit auf Privatsphäre unerreichbar sind. Ein Leben im Transit.


Fast unscheinbar liegt das Haus Karwan in der Blindengasse 44. Eingehüllt in dicke Wintermäntel gehen die Passanten tagtäglich daran vorbei ohne zu ahnen, welche Schicksale sich hinter den Gemäuern verbergen. Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten.


Seit über drei Monaten wohnt Tamara im Asylheim Karwan. Sie kam mit ihrer Familie aus Armenien nach Österreich, um hier neu anzufangen. Das war vor 10 Jahren. Vor einigen Monaten hat ihre Tochter das Bleiberecht erhalten. Obwohl Tamara, wie auch ihre Tochter, den A2 Deutschkurs absolviert hat und Arbeitspraxis nachweisen kann, wartet sie noch immer auf den positiven Bescheid. Wieso alles so lange dauert, weiß sie nicht. „Diese Jahre sind schwer für die Psyche. Das Warten macht mich nervös und krank, aber ich bin optimistisch,“ sagt Tamara. Sie lächelt, doch gleichzeitig werden ihre Augen glasig und sie wendet den Blick ab.


Behäbige Behörden
Geschichten wie ihre sind kein Einzelfall. Schuld am langen Warten tragen die Behörden, die nur schleppend vorankommen. “Politisch hat man lange gezögert, die Strukturen im Asylgesetz zu verbessern und das zuständige Personal aufzustocken“, kritisiert Anny Knapp, Obfrau des Vereins asylkoordination Österreich. Seit 2009 gibt es eine neue Regelung im Asylgesetz. Sie unterscheidet zwischen „Altfällen“, also Personen die vor Mai 2004 nach Österreich eingereist sind,  und „Neufällen“, Personen die danach gekommen sind. „Wir sehen nicht, dass sich seit der letzten Novellierung viel verändert hat“, sagt Anny Knapp. Zwar sei schon ein größerer Teil der Altfälle bearbeitet worden,  doch noch immer fehle bei knapp 2000 Fällen eine Antwort. Auch Tamara wartet noch.

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Der Schutzengel
Das Büro von Mirela Meric, Leiterin des Heims befindet sich im Erdgeschoß gleich neben der Vorhalle. Allzu viel Zeit verbringt sie jedoch nicht dort. Meistens ist sie im Haus unterwegs, kümmert sich um die Bewohner und hilft bei den bürokratischen Angelegenheiten. Sie kam ein Jahr vor Beginn des Bosnienkriegs nach Österreich. Bevor sie die Leitung des Hauses übernahm, hatte sie bereits in der Beratungsstelle der Caritas gearbeitet. Im Heim hat sie einen viel tieferen Einblick in die persönlichen Lebensgeschichten bekommen. „Die Menschen kommen einem viel verletzlicher vor. Das beginnt schon wenn man sie im Pyjama sieht. Hier sieht man auch die anderen Momente“, sagt Mirela.

Familienflucht
Mei sitzt alleine im Eingangsbereich des Heims. Bei jedem Schritt, den sie hört, heben sich ihre Augenbrauen und ihr Blick wandert in Richtung Eingangstür. Sie wartet auf ihren Freund und ihre zwei Kinder, die jede Minute durch die Tür kommen können. Die kleine Familie wohnt seit über einem Jahr im Haus Karwan. „Früher wollte ich nach China zurück, aber jetzt habe ich meine Familie hier“, sagt Mei. Ihr erstes Asylverfahren wurde negativ bewertet - nach einer Wartezeit von fünf Jahren. Jetzt wurde ein neues Verfahren in die Wege geleitet. Aufgrund der Ein-Kind-Politik in China hofft die junge Mutter, dass sie in Österreich bleiben darf. Wie lange das Verfahren aber dauern wird, weiß sie nicht. Mei hat vor kurzem den A2 Deutschkurs bestanden. „Ich habe 62 Punkte erreicht und war die Beste von der ganzen Gruppe“, sagt sie stolz und wird dabei leicht rot. Wörter, die ihr nicht sofort einfallen, versucht sie mit anderen zu umschreiben. Sie möchte die Sprache perfekt beherrschen, denn sie will auch in den nächsten Jahren in Österreich bleiben und später auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen. Bis dahin ist sie auf das Geld von der Grundversorgung angewiesen.


Leben auf Sparflamme
In einer kleinen ehemaligen Kapelle, die sich im Erdgeschoß des Heims befindet, wird einmal pro Woche provisorisch die Geldvergabe durchgeführt. Ein Altar und ein Marienbild in der Ecke erinnern an den eigentlichen Verwendungszweck. Die ersten Bewohner des Heims trudeln langsam ein. Mit den Minuten, die verstreichen, wird die Schlange immer länger und erinnert an einen Einkaufssamstag im Supermarkt. 5€ am Tag für das Essen und 40€ Taschengeld im Monat – das ist der Geldbetrag mit dem die Asylwerber in der Grundversorgung auskommen müssen. Arta ist für die Geldvergabe im Haus Karwan zuständig. Sie ist Kosovoalbanerin, seit 13 Jahren in Österreich und war selbst 18 Monate in Wien im Asylheim. „Ich war früher in der gleichen Situation. Wenn man das selbst erlebt hat, versteht man die Menschen besser“, sagt sie.


Der Verlust der Heimat und die Angst vor dem Ungewissen, all das ist Arta nicht fremd, doch sie hat es geschafft. Für die anderen geht das Warten unerbittlich weiter, zerrt an den Nerven und lässt die Hoffnung bröckeln - die Hoffnung auf ein Leben außerhalb der Grundversorgung, ein Leben außerhalb des Transits.
 

 

von Reka Tercza

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