Platonische Liebe
Irgendwie wird es wieder ganz warm um das Thema und mir auch. Lange war es ja vollkommen okay, normal, gewünscht, angebracht und erstrebenswert andersgeschlechtliche Freundschaften zu pflegen. Nun aber gibt es wieder Stimmen die gegensteuern, es wäre ja gar nicht möglich, dass Mann und Frau, oder Frau und Mann befreundet sind. Warum ich jetzt aufeinmal gendere? Tja, das ist ja ganz wichtig bei dem Thema, denn diese moderne Freundschaft ist ja etwas Neues, seit der Emanzipation in den 70ern und damit auch etwas ganz tolles, cooles, schickes, jeder muss es haben! ...Und darüber reden? Braucht man nicht, ist ja klar, es funktioniert! Rückblickend nach 30-40 Jahren macht man jetzt wiedermal einen Zwischenstopp für Resümees über diese Versuche.
Mariam Lau appeliert an diese verzweifelten Freunde, die schon dabei sind die Hoffnung aufzugeben, dass eine Freundschaft ohne Hintergedanken kaum oder gar nicht existiert. "Traut Euch!", motiviert sie die resignierenden Gesichter. Und auch das im Artikel erwähnte Video war für viele ein neuer Anstoß den eingerollten Teppich namens Männer- oder Frauenfreundschaft wieder auszurollen, so es uns ja immer wieder verfolgt und uns erneut einen Streich spielt.
Bevor ich über Gründe des Scheiterns solcher Freundschaften überhaupt nachdenken möchte, ist es wichtiger über den Unterschied zu gleichgeschlechtlichen Freundschaften zu reden, besser gesagt Freundschaften ohne sexuelle Reize. Denn es sind sexuelle Reize, die platonische Liebe über ihren Rahmen hinaus gehen lassen, wobei Hoffnungen entstehen auf mehr als "nur" eine menschliche Beziehung. "Nur"?
Der Soziologe Nicolas Christakis beschreibt die Wichtigkeit von Freundschaften, der Soziobiologe Joachim Bauer beschreibt in seinem Buch Prinzip Menschlichkeit das menschliches Handeln immer nach sozialer Anerkennung strebt, das Menschen kooperieren, anstatt zu konkurrieren und fasst sogar die Motive allen menschlichen Handelns als soziale Interaktion zusammen. Er setzt dem darwinistischem Prinzip des Durchsetzens des Stärkeren einen Schlag. Lange Zeit war der Motor des Menschen seine Durchsetzung, sein eigener Wille, das Ego. Nach dem die Lehren Darwins in Europa (und besonders in Deutschland) Anklang fanden, wurden die kriegerischen Instinkte des Menschen und das Einverleiben, Erobern und Besitzen als höchstes Ziel propagiert, wie es Heraklit auch schon vor tausenden Jahren versucht hat. Dass dies zu Rassentrennung, die Ausgrenzung von behinderten und anderen genetisch schlecht situierten führte,wusste man anscheinend erst im Nachhinein. Nein. Auch hier gab es einen deutschen Philosophen, der vor den Lehren Darwins und deren Konsequenzen warnte. Und warum Philosophen wichtig sind? Weil sie Denkanstöße geben, die sie in Gesellschaften keimen lassen wollen, damit diese vom Samen zur Pflanze und damit zu einer Art neuen "Wertevegetation" werden sollen.
Und was hat das ganze mit andersgeschlechtlichen Freundschaften zutun? Genau eben dieses Denken, sich über Attraktivität zu definieren, das vermeintliche Konkurrieren mit anderen Männern, in dem der Stärkere gewinnt, führt zur sexuellen Interpretation von zwischenmenschlichen Beziehungen, weil Triebe über dem Bedürfnis nach menschlicher Nähe stehen. Aber sind wir wirklich nur hormongesteuert?
Es gibt das 3-Bänder-Modell, welches sich an jeder menschlichen Beziehung anwenden lässt. Dabei gibt es das emotionale Band, das sexuelle und das intellektuelle. Fällt in einer sozialen Interaktion für eine Person das sexuelle Band aus - aus welchen Gründen auch immer - so ist es eine platonische Beziehung, in der Ideen und Emotionen geteilt werden. Wenn aber dieses Band nur einseitig ausfällt, dann leidet die Beziehung unter dieser Ungleichheit, weil unterschiedliche Interessen entstehen, die unterschiedliche Realitäten über diese Beziehung schaffen und zur Unvereinbarkeit führen. Aggression ist oft das Resultat von gescheiterten Beziehungen. Sie dient aber etwas ganz anderem, als nur für Wutausbrüche. Gehen wir weiter.
Jeder Mensch lernt, dass das Spielen mit Reizen - das natürlich bei beiden Geschlechtern stattfindet - gewisse soziobiologische Mechanismen in sozialen Interaktionen auslösen kann. Die Erfahrung macht es aus, ob wir Bindungen eingehen können oder nicht, hängt davon ab, wie unser Bindungsgedächtnis aussieht, das wir im Laufe unseres Lebens wie eine Pyramide aufgebaut haben. Sind schon anfangs Schwierigkeiten aufgetreten? Wurden wir verletzt? Das Wohlgefühl, das beim Bemuttertwerden entsteht, wird durch Oxytocin ausgelöst, welches ein körpereigenes Opioid ist. Haben wir positive Erfahrungen mit Bindungen gemacht, so gehen wir sie leichter ein und fühlen uns schneller wohl, ein Gefühl das durch Oxytocin ausgelöst wird.
Das Verhalten von Oxytocin beschreibt Joachim Bauer sehr veranschaulichend mit gut laufenden menschlichen Beziehungen, die irgendwann zerbrechen. Das Ausbleiben des gewohnten Oxycotins (und des damit verbundenen Wohlgefühls) zu diesem Menschen macht ihn nicht egal, nein, es entstehen Aggressionen. Diese Aggression ist aber nicht umsonst: Sie ist da um uns zu zeigen, dass wir etwas ändern müssen, damit die Beziehung aufrecht erhalten werden kann. Arbeiten wir mit Offenheit daran, treten diese Aggressionen gesund aus und die Beziehung entwickelt sich dynamisch weiter. Sind wir jedoch eher mit uns beschäftigt und verschließen uns, sammelt sich Wut an, wir werden aggressiv, die Wut entfacht nicht und es entstehen weitere Aggressionen, die irgendwann ausbrechen, oder sich auf andere Lebensbereiche übertragen.
Jene Aggressionen an denen nicht gearbeitet wird, prägen sich in unser Bindungsgedächtnis ein. Dabei denken wir aus dem gemachten Fehler "schlauer" geworden zu sein, ohne das wir überhaupt darüber mit der betroffenen Person gesprochen haben und sind im Endeffekt nur vorsichtiger (und damit misstrauischer) anderen (oder etwaigen neuen) Bekanntschaften gegenüber. Wird also an Beziehungen nicht gearbeitet, wird aus der Offenheit oft ein Misstrauen.
Und nun? Ist es wirklich so, dass Männer schlechter damit umgehen können als Frauen? Können Männer schlechter mit Frauenfreundschaften?
Emanzipation, die Gleichstellung der Frau, dass sie eben jetzt mit dem Mann konkurrieren kann und viele andere Prägungen sind der Grund für diese Freundschaften. Millionen Jahre an Evolution und tausende Jahre an kultureller Prägung werden natürlich nicht durch 30 oder 40 Jahre an Feminismus wett gemacht. Sollte man das überhaupt? Männer und Frauen sollten befreundet sein können, ja. Die Verweichlichung der Männer durch die Emanzipation ist nur die Kehrtwende von einem Extrem ins das andere. Die gesellschaftliche Gleichstellung sollte keine biologische werden, damit die Unterschiede, die sich instinktiv bzw. hormonell zeigen nicht außer Acht gelassen werden und das Eingehen aufeinander im Einklang bleibt.
Doch wo sind die Grenzen? Kann man alles gemeinsam machen? Ist Sex in einer Freundschaft in Ordnung, oder führt es nicht doch irgendwann auf einer Seite zum Kollaps der Beziehung? All jene Dinge sollten mit Offenheit angegangen werden, denn sie prägen nicht nur diese Beziehung, sondern unser Bindungsgedächtnis und damit unser gesamtes soziales Interagieren.
Wer mit Menschen mit Leichtigkeit und Eigennutz umgeht, der wird früher oder später scheitern. Wer es mit Ehrlichkeit, Offenheit, Respekt und Toleranz versucht, der wird auch scheitern, aber irgendwann leichter wieder aufstehen.
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war interessant... Andrea
war interessant... Andrea from obbligazioni & bond.
Danke!
war interessant (inkl. Links) zu lesen!!!!