Und das sagt der Sohn von Michael Häupl: "Jetzt muss man das professionell nehmen!"



Auf den Stufen, kurz vor dem Festsaal des Rathauses erreicht mich die SMS eines Freundes, mit dem ich eine kleine Wette über das Wahlergebnis abgeschlossen habe.

 

„27.“

 

27 was? Oh je. Ich ahne Schlimmes. Ist es nicht irgendwie unheimlich still im Rathaus? Ach so, klar, es wird ja auch gerade die Hochrechnung präsentiert. Dann, auf den Bildschirmen im Saal die Bestätigung – ungefähr 27% für die FPÖ, die SPÖ-Absolute gebrochen, Grüne und Schwarze weit hinten.

 

Gut, „jetzt muss man das professionell nehmen“, halte ich mich an Bernhard Häupls Kommentar über das Wahlergebnis. Der Politikersohn hat anderen Medien gegenüber Präferenzen in Richtung Rot-Grün geäußert, aber hier im Rathaus wird er schnell zurückgepfiffen - „Dazu können wir jetzt natürlich noch kein Kommentar abgeben“, springt Peko Baxant rechtzeitig ein.

 

Nun ja. Ich weiß schon, wo ich ein Kommentar über Rot-Grün bekomme. Klaus Werner Lobo steht sichtlich mitgenommen und entsetzt an einem Tisch und diktiert aufgeregt einer Journalistin den Ärger von der Seele. Auf meine Frage, was bei den Grünen dieses Mal schiefgelaufen ist, verweist er auf die negative Medienberichterstattung - „Ich würde mich ja so freuen, wenn die Medien sich weniger auf die innerparteilichen Streitereien konzentrieren würden und mehr auf die Arbeit und die Vorschläge und Ideen, die die Grünen einbringen und umsetzen.“ Ich werfe ein, dass die Grünen vielleicht ein Kommunikationsproblem haben. „Wir sind eine kleine Partei. Wir haben einfach nicht das Geld dazu, groß Anzeigen zu schalten oder aufwändig zu plakatieren. Wir versuchen, mit Inhalten statt mit Aufmerksamkeit zu punkten.“ Ob es jetzt ein Rezept gegen eine so starke Rechte gibt? „Alleine schaffen wir das nicht. Die sogenannten Mitte-Parteien müssen aufhören, den FPÖ-Themen zu folgen und diese zu übernehmen.“ Wenigstens sind wir Ausländer nicht am FPÖ-Erfolg schuld – sondern eher die einsetige Thematisierung seitens der FPÖ und der Medien, versichert uns Alexander Van der Bellen. Puh, da sind wir aber beruhigt. Der einzige mögliche Weg bei diesem Wahlergebnis sei jetzt Rot-Grün, meint dieser gelassen. „Machen wir das. Das ist die größte Ohrfeige für diese Art von Politik. Der Strache kann machen was er will, er kann sich auf den Kopf stellen, aber verhindern kann er das nicht, wenn wir beide das wollen. Ganz klar.“

 

Weniger klar sind mir die Aussagen von Konstantin Dobrilović, der auf den Hetz-Wahlkampf angesprochen damit antwortet, dass die FPÖ seiner Meinung nach überhaupt keine ausländerfeindliche Partei ist, und dass dies eine Unterstellung meinerseits sei. Er sehe da absolut keine Ausgrenzung und Ausländerfeindlichkeit – im Gegenteil, es seien sogar ungefähr 30 Kandidaten mit Migrationshintergrund auf der FPÖ-Liste, erklärt er mir nach der üblichen FPÖ-Diktion. Dobrilović wird im 10. Bezirk „Verantwortung übernehmen“ und auch für Integrationsfragen zuständig sein. „Ich kenn mich aus, ich bin ja selbst Ausländer!“ So weit hat die Hirnwäsche also doch noch nicht gereicht.

 

Auch Christine Marek nehme ich die obligatorisch nach außen hin getragene Gefasstheit nach so einer Niederlage nicht ab. Sie sieht das Ganze „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, denn die SPÖ-Absolute ist gebrochen, und somit sei „Zukunftspolitik in Wien wieder möglich.“ Nun, nachdem dieses (fast einzige) Wahlziel ihrer Partei von der FPÖ erreicht wurde und zudem sogar schwarze Bastionen in Wien gefallen sind (SPÖ löst ÖVP bei der Bezirksvertretung in Wieden ab) könnte man gar nicht so viele Augen haben, wie man weinen müsste.

 

Bleiben noch die zwei, zwischen denen der Showdown in diesem Wahlkampf medial so fragwürdig inszeniert wurde. Auf Häupl einen Blick zu werfen schaffe ich kaum, denn in dem Moment, wo er an uns Biberredakteueren vorbeiläuft, werden wir von einer Horde gefährlicher Menschen überrannt – männlich, groß und stark, mit gefühlten 16 Ellenbogen und mit riesigen Waffen bestückt, jederzeit bereit zum Abschuss – Fotografen. Den anderen möchte ich mir eigentlich gar nicht ansehen. Sein Gesicht hat mich riesengroß jeden morgen an der Straßenbahnhaltestelle begrüßt, und ehrlich gesagt, das ist das letzte Gesicht, das ich in Siegestaumel und triumphaler Freude sehen möchte. Aber man muss ja immer schön neutral bleiben, nicht parteiisch werden hier – also: Strache gibt sich sehr verantwortungsvoll, ernst und frisch solariumgebräunt in den wenigen Interviews, die er vor Verlassen des Rathauses führt. Hier drinnen ist der FPÖ-Erfolg ein „klarer Wählerauftrag“, ein „Zeichen für die Zukunft“ und eine „Absage an SPÖ-Arroganz und Proporz“. Draußen im FPÖ-Zelt sind die 27% ganz eindeutig Anlass für präpotentes Getöse – unter Konfettiregen, Applaus, Geschrei und musikalischer Untermalung (dieses Mal im FPÖ-Repertoire - „Oh fortuna“ von Carl Orff) zieht der Parteichef ins Fanzelt ein. Bei spontanen „H.C.“-Chören, Gedrängel beim Eingang und so viel apokalyptischer Musik kommt mir doch glatt mein Abendessen hoch. Tut mir Leid, aber mein Magen ist parteiisch.

4.25
 
 


wahlen 2010

die werden alle schon noch früh genug merken, welch fatalen fehler sie gewählt haben...

aber ganz klare frage:wem wählen? ich habe es bis gestern nicht wirklich gewusst, aber blau habe ich nicht gewählt, nur kurz dazu.

wiens oder österreichs politik lebt irgendwie in einer scheinwelt.mich errinnert das ganz stark an balkansituationen damals vor einigen jahren...naja.

wie gesagt. sie werden schon sehen.

Frechheit - den Titel zu

Frechheit - den Titel zu zensieren, ihn hässlich zu formulieren und das Ganze noch mit einer typographischen Vergewaltigung zu verunstalten...

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Gratuliere zum tollen Kommentar! Und ja, dem Magen kann man nichts vormachen, der ist eben nicht farbenblind. :)

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